Wassersymphonien

Das laute Piepen des Wecker reißt mich etwas unsanft aus dem Schlaf. 6:20 Uhr am Samstag morgen. 6:20Uhr! Nach einer kurzen Dusche verrät ein Blick aus dem Fenster aber, dass wir uns genau den richtigen Tag ausgesucht haben. Die Sonne scheint mit so viel Kraft vom wolkenlosen Himmel, dass mir in meiner langen Hose und den dicken Wanderschuhen schon jetzt zu warm ist. Nachdem ich mich mit Wendel und Yola getroffen hatte, fahren wir zunächst einmal gute zweieinhalb Stunden mit der Metro durch den Süden São Paulos, bis wir schließlich das andere Stadtende „Rio Grande da Serra“ erreichen. Etwa 20 Minuten weiter stadtauswärts (eine kurze Busfahrt) biegen wir dann nach rechts in einen Trampelpfad ein. Während ich den Anblick des vielen Grün links und rechts von mir genieße, fällt mir zum ersten mal die Stille auf. Kein Großstadtlärm. Keine Autos. Keine Musik. Nur vereinzelt höre ich Vögel zwitschern. Der Trampelpfad führt uns nun rauf und wieder runter, rechts und links, kreuz und quer durch wunderschönste Natur. Alles um uns herum scheint grün. Unzählige Bäume von deren Ästen Lianen herunterhängen, riesige, am Boden wachsende Pflanzen, Blätter,  Gräser und Moos. Zwischen all dem Grün, das uns beim Gehen um die Beine streift entdecken wir immer wieder auch Blumen, die in leuchtendem Rot hervorstechen. Der Trampelpfad wird dabei immer enger und schließlich ist stellenweise nur noch zu erahnen, wo hier ein Weg langführen soll.

An einer Art Klippe machen wir schließlich halt. Von hier aus blicken wir über eine riesige Waldlandschaft. Ein Meer von Bäumen, dessen Größe ich so bisher nur im Fernsehen gesehen habe, wenn beim Einschalten zufällig einer der Dokukanäle einen Bericht über die Regenwälder zeigte. Yola erklärt mir, dies sei die „Mata Atlântica“. Eine tropische Vegetationsform, deren Grünfläche an der gesamten Ostküste Brasiliens zu finden ist.

Fast noch faszinierender als die Mata Atlântica selber ist aber, dass eben jene von einer Art undurchsichtbarem Dunst bedeckt wird, welcher uns nicht nur die Sicht versperrt, sondern auch den Himmel verdeckt. Es gibt keine Trennung von „Himmel und Erde“ mehr. Wir stehen vor einer grauen Nebelwand, die eine Differenzierung von oben und unten unmöglich macht. Nach einem kurzen Picknick laufen wir weiter über den Trampelpfad, diesmal bergab.

Dieser besteht zu einem Großteil nur aus knöcheltiefem Matsch. Sehr rutschige Stellen wechseln sich mit riesigen Schlammlöchern ab. Ein falscher Tritt und schon stehe ich Knietief (wirklich!) im Schlamm. Naja da sind meine neuen Schuhe jetzt wenigstens so richtig eingeweiht…

Wir klettern über Baumstämme und hangeln uns an Fels entlang bis wir schließlich zu einem Fluss kommen. Das Wasser ist so klar, dass ich bis auf den Grund gucken kann. Winzige Fische und sogar eine Kaulquappe schwimmen hier umher. Der Trampelpfad führt uns nun in unregelmäßigen Abständen immer wieder über den Fluss. Mal können wir diesen von Stein zu Stein hüpfend überqueren, mal waten wir durch knietiefes Wasser hindurch.

Durchgeschwitzt und dreckig, vom Fluss halb durchnässt und vom Laufen auch ein bisschen müde geworden wünsche ich mir schließlich nichts mehr als eine Dusche, als wir einen kleinen Wasserfall erreichen.

Dieser wird dann nach einer kurzen Essenspause zu meiner Duschgelegenheit (mit Anziehsachen). Das recht kalte Wasser hat so viel Kraft, dass es mir die Schultern nach unten drückt und ich aufpassen muss, dass es mir nicht auch die Füße wegzieht. So beschäftigt mit „aufpassen“ bemerkt ich erst jetzt wie laut das Wasser eigentlich ist. Trotz der unfassbaren Lautstärke ist es ist ein angenehmes Geräusch, das sich in der Tonlage noch einmal verändert, als ich meinen Kopf unter das herabfallende Wasser halte.

Erst auf dem Rückweg fällt mir auf, dass das Rauschen des Flusses und des Wasserfalls fast immer zu hören sind. Mal als lautes Rauschen, mal als leises Plätschern, mal beruhigend und mal nahezu bedohlich. Zwischendurch auch als lautes Plätschern und leises Rauschen und dann auch beides gleichzeitig in Verschiedenen „Tonhöhen“. Es ist wie ein Lied, ja, eine richtige Symphonie deren Klang nur geschenkt bekommt, wer hier entlangläuft.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Brigadeiro

Unfassbar matschig, die perfekte Mischung aus Teig und einer extra Schokoschicht und das Beste: Die Schokoglasur, die ihr euch vielmehr als eine Schokoexplosion aus Steuseln und Guss gleichzeitig vorstellen müsst. Ein herrlicher Geruch strömt mir entgegen, als ich die erste Gabel in Richtung Mund bewege. Das ist er also. Mein Geburtstagskuchen, der im Mund zu einer perfekten Kombination aus cremiger Glasur und lockerem Schokoteig verschmilzt. Für einen kurzen Moment hört die Erde auf sich zu drehen, die Geräusche verstummen, der Wind stoppt, das Meer schlägt keine Wellen mehr, ja und sogar die Zeit bleibt stehen. Da ist es. Dieses Geburtstagskribbeln, der pure Schokogenuss auf den viele Augenblicke, ja ein ganzer Abend voller Glücksmomente folgen sollten.

Brigadeiro

Ehrlicher Weise sollte ich den Tag vielleicht von Anfang an beschreiben. Denn begonnen hatte er bei weitem nicht so gut. Nachdem ich am Morgen weit vor meinem Wecker erwacht war, folgt mein Blick zunächst meiner Hand, die im Halbschlaf zum Handy greift. Auf diesem sammeln sich überdurchschnittlich viele Whatsappnachrichten. Mit einem Video aus meinem Zuhause in Deutschland, breitet sich in mir ein wehmütiges und eher trauriges Gefühl aus. Irgendwie habe ich plötzlich das Gefühl dort zu fehlen. Merkwürdig, an einem besonderen Tag wie heute so weit von meiner Familie weg zu sein…

Nach einer endlosen Weile, ein paar Glückwünschen meiner Mitbewohner und einer Tasse Kaffe, die ich in den ersten Sonnenstrahlen des Tages genießen darf, beginnt dann der Alltag und damit mein Arbeitstag in der Musikschule und in der Creche (im Kindergarten). Allerdings ist der Weg zur Arbeit heute etwas besonderes. Ich habe Gesellschaft von einem der Mitarbeiter, der mit mir zusammen in der Musikschule arbeitet. Den Weg zur Arbeit verbringen wir damit Verben zu konjugieren (wobei ich von meiner Begleitung mit einer unfassbaren Geduld auf sämtliche Fehler hingewiesen werde).

An der Musikschule angekommen ist das „Geburtstag haben“ schnell vergessen, bis es schließlich Zeit zum Mittagessen ist. Das fällt für mich zunächst einmal aus, da der Gruppenleiter der Musikschule mich mit in die Küche nimmt. Irgendwie sollte ich ihm bei irgendwas helfen. Was genau verstehe ich aber nicht. Und dann stehe ich am Herd und rühre in einem großen Topf herum, während in diesem unter anderem „Creme de leite“ (eine Art Sahneersatz), Kakaopulver und Kondensmilch zu einer cremig süßen Masse verschmilzen. Anschließen kippen wir alles über ein riesiges Blech Kuchen und tragen diesen in den Aufenthaltsraum der Musikschule.

Als alle Kinder hier versammelt sind, beginne ich langsam zu verstehen, was hier passiert. Alle Kinder die im Semptember Geburtstag hatten (und ich auch) bekommen zunächst einmal ein Geburtstagslied gesungen („Parabens pra você“). Dieses endet dann aber in einer weiteren Melodie, welche wiederum in einer Art Anfeuerungsruf AN-NA-AN-NA-AN-NA und einigen weiteren Namen endet.

Dann dürfen alle Geburtstagskinder zunächst mal drei Kuchenstücke an ihre „besten Freunde“ verteilen. „Anna nimm mich, nimm mich“ und „Ich will, ich will“ tönt es von überall her. Erst dann bekommt auch der Rest ein Stück Kuchen.

Wieder zu Hause angekommen und eine kurze Dusche später, stehen dann plötzlich alle anderen deutschen Freiwilligen in unsere Küche. Eine dicke Kerze brennt und ein Gugelhupf (mit Schokoglasur) steht plötzlich auf dem Tisch. Eine Girlande ziert den Eingang zu meinem Zimmer. Die Blutoothbox spielt „Happy Birthday“, als ich den Kuchen anschneide und eine wunderbare Karte zu lesen beginne.

Brigadeiro

Die größte Überraschung folgt aber erst zwei gute Stunden später. Nachdem noch weitere Mitfreiwillige aus dem Nachbarhaus bei uns angekomen waren und ich den beiden zunächst einmal eine kleine Hausführung durchs Obergeschoss gegeben hatte, kommen wir also zu dritt die Treppe wieder herunter. Auf dem Tisch brennt erneut eine Kerze und zu meiner allergrößten Verblüffung steht ein weiterer Schokokuchen da. Diesmal ist es allerdings die brasilianische Schokladenspezialität „Brigadeiro“ (eine Schokoladensüßigkeit die den Zuckerbedarf von zwei Wochen decken könnte). Und dann stehen plötzlich alle da. Die beiden „Tios“ (wörtlich „Onkel“ aber so werden hier die Betreuer genannt), mit denen ich morgens in der Musikschule zusammen arbeite, sowie dessen Mutter und Schwester, sechs meiner Mitfreiwilligen aus Deutschland, ja sogar eine der japanischen Mitfreiwilligen ist gekommen. Nach einer kurzen Diskussion, auf welcher Sprache man denn nun singen wolle, bekomme ich dann zunächst brasilianische Glückwünsche, bevor lauthals „Heute kann es regnen stürmen oder schneien…“ angestimmt wird.

Wieder gibt es Schokokuchen für alle, bevor der Abend in gemütlicher Runde mit Caipirinha und Pommes ausklingt.

Ich möchte mich gerne noch einmal bei all den Menschen bedanken, die diesen Tag für mich zu etwas ganz besonderem haben werden lassen. Danke Megan, für den besten Gugelhupf den ich je gegessen habe. Danke Igor für Deine so herzliche und immer wohlwollende Art ständig meine Grammatikfehler zu korrigieren. Danke Wendel für die tolle Backaktion am Morgen. Danke Catalina, Megan und Aaron, für die tollen Worte. Danke Kuniko, für die kleine Tüte. Danke Lindalva und Danke Shari, für den Brigadeiro und die Waffeln. Danke Antonia und Danke Francesca, fürs „mal eben noch vorbeikommen“…

DANKE für alles und vor allem dafür, dass ihr ALLE einfach DA gewesen seid und den Tag für mich zu etwas besonderem gemacht habt.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

São Micael

„Eu crescendo, eu crescendo
Sendo forte como o mundo
Eu venço com certeza o dragão lá no fundo.

E a terra, e a lua
E as estrelas serão minhas
E o sol também
A de ao herói pertencer

Eu crescendo, eu crescendo
Sendo forte sem igual
Eu venço com certeza o feio animal

E a terra, e a lua
E as estrelas serão minhas
E o sol também
A de ao herói pertencer“

Frei übersetzt von Ute Craemer nach dem deutsprachigen Original von Marianne Graff

„Wenn ich groß bin, wenn ich groß bin und wenn ich stark bin für die Welt, dann erschlag ich ganz sicher den Drachen dort unten. Und die Erde und der Mond und die Sterne werden mein sein. Und die Sonne soll auch diesem Helden gehören. Wenn ich groß bin, wenn ich groß bin und unvergleichlich stark, dann erschlag ich ganz sicher das hässliche Tier. Und die Erde und der Mond und die Sterne werden mein sein. Und die Sonne soll auch diesem Helden gehören. „

Sankt Michael

Sankt Michael ist im christlichen Glauben der Erste von drei Festtagen, die auf das Weihnachtsfest vorbereiten. Laut der Offenbarung des Johannes (12 ,7) entbrannte im Himmel ein Kampf zwischen Michael und dem Drachen. Dabei verlor der Drache, der hier wohl dem Teufel gleichzusetzen ist, seinen Platz am Himmel. Die letzten Worte, die der Satan vor seinem Sturz hörte, sollen „Wer (ist) wie Gott?“ gewesen sein. Eine wörtliche Übersetzung des hebräischen Mi-ka-el.

Wenn ich an die Michaelsfeste in meiner Schulzeit zurückdenke, dann denke ich zunächst einmal an Mutproben. An Ringkämpfe, Stockbrot und die Möglichkeit über ein Feuer zu springen. Aber auch an Lieder, wie beispielsweise dieses hier: „O unbesiegter Gottesheld, Sankt Michael! Komm’ uns zur Hilf, zieh’ mit ins Feld, hilf uns hier kämpfen, die Feinde dämpfen, Sankt Michael! Den Drachen Du bezwungen hast, Sankt Michael …“ Naja und irgendwie so weiter…

Hier hat Sankt Michael ebenfalls ganz viel mit Musik zu tun. Eins der unzählbar vielen schönen Lieder und eine annähernde Übersetzung habe ich euch oben aufgeschrieben. Seit Wochen (genauer gesagt seit ich hier bin) üben die Kinder die jeden Vormittag die Musikschule besuchen, all diese Lieder.

Am Dienstag, wurde dann mit Kreide eine riesige Schnecke einfach auf den Fußboden gemalt! Auf dieser Kreidelinie wurden dann, unter eifrigem Gewusel und unter unfassbarem Lärm, Dominosteine verteilt. In die Mitte der Kreideschnecke, wurde dann noch eine Vase mit gefilzten Blumen gestellt. Als alles fertig hergerichtet war, bot sich mir ein doch sehr seltsames Bild und ich bedauere bis heute, das ich an diesem Tag leider keine Kamera zur Hand hatte. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was das nun werden sollte. Auf meine Nachfrage, bekam ich zwar eine Antwort, die ich auch (wie immer) nett lächelnd abnickte, aber leider nur zur Hälfte verstand. Irgendeine Probe für Donnerstag. Aber was hatten wir denn bitte am Donnerstag mit Dominosteinen vor?

Die Probe verlief dann so, dass die Kinder einzeln in die Spirale hineinliefen und dabei einen der Dominosteine in die Mitte mitnahmen. Dort berührten sie mit dem Stein die Blume und liefen wieder hinaus. Der Dominostein wurde dabei wieder an seinen Platz zurückgelegt. Auch zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir noch nichts unter dem Vorstellen, was wohl am Donnerstag passieren könnte. Anschließend, bekamen alle Kinder ein Stück Ton und damit die Möglichkeit einen Castiçal (Kerzenleuchter) zu formen.

Heute liefen wir dann mit den Kindern zusammen ins Centro Cultural, wo wir zunächst eine gefühlte Ewigkeit damit verbrachten alle Kinder in UMA fila (EINE Reihe) aufzustellen. Das ähnelte aber eher einer Komödie. Hatten wir endlich auch am Reihenende alle Kinder sortiert, sprangen die Kinder vorne schon wieder auf dem ganzen Platz verteilt herum und das ganze begann von neuem… Ich habe beim fünften Versuch aufgehört mitzuzählen, aber irgendwann standen dann schließlich doch alle Kinder barfuß und sogar halbwegs leise in einer Reihe.

Beim anschließenden Betreten eines Raumes wurden uns dann die Augen verbunden. So tapste ich erst über Stroh und Kies, bevor ich dann einen Löffel in den Mund geschoben bekam. Eine Flüssigkeit, die geschmacklich in etwa einer Mischung von Meditonsin und Zitronensaft entsprach breitete sich in meinem Mund aus. Ich tapste weiter über etwas glitschiges, dann wurde es so nass als würde einem das Meer um die Füße spülen und schließlich ähnelte der Untergrund einem Teppichboden, als ich erneut etwas in den Mund geschoben bekam. Aber diesmal war es süß. Die Konsistenz ähnelte dem dieser weißen Nugatwürfel, aber der Geschmack glich eher dem von Rosinen. Leider weiß ich bis heute nicht, was das alles genau war und welche Bedeutung wohl dahinter steckt, aber das finde ich bestimmt noch heraus.

Dann wurde mir die Augenbinde abgenommen und ich stand im Eingang eines runden Raumes, dessen Wände aus weißen Tüchern bestanden. An einer Seite, war ein altarähnlicher Tisch aufgebaut, den eine riesige Waage zierte, daneben ein Mann in weißem Engelsgewand mit einem Schwert in der Hand. In der Mitte des Raumes war aus Sand, Blumen und unseren kleinen selbstgemachten Kerzenleuchtern eine riesige Spriale gelegt, in dessen Mitte eine große Kerze stand.

Sankt Michael

Drei Geigen und ein Cello ertönten, als das erste Kind begann, langsam und bedächtig eine Kerze vom Rand der Spirale zu nehmen, diese in der Mitte zu entzünden und wieder an ihren alten Paltz zurückzustellen. Anschließend, nahm es eine Blume aus dem Korb an Spiraleneingang und legte diese in die Waageschale, welche dem Himmel näher war und wurde daraufhin von dem engelsgleich verkleideten Mann mit dem Schwert gesegnet, bevor es einen Edelstein und ein Säckchen erhielt.

Dieser Vorgang wieder holte sich nun 37 mal. Die Kinder begannen die Lieder mitzusingen, die von Geigen und Cello angestimmt wurden und es entstand eine ganz besondere, feierliche Atmosphäre, während sich der Geruch von Kerzenwachs und Feuer ausbreitete. Die Größeren halfen den Kleineren den richtigen Weg zu laufen, Kerzen (wieder) anzuzünden und sie achteten aufs Genaueste, das die richtige Reihenfolge aller Vorgänge eingehalten wurde. Ein friedliches Bild und ein großes gemeinsames Miteinander, das die Kinder in der Musikschule sonst nur selten miteinander leben (zumindest so wie ich das bisher mitbekommen habe). Für mich war es nicht nur schön anzusehen, sondern es löste in mir auch ein gutes Gefühl aus, zu wissen, dass es auch so eine liebevolle und fürsorgliche Seite der Kinder untereinander gibt.

Sao Michael

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Zuhause

Seit etwa zwei Wochen muss ich oft darüber nachdenken, was wohl für mich eine Definition von „Zuhause“ sein kann. Ich schreibe bewusst „MÜSSEN“, da diese Gedanken mir meistens dann Gesellschaft leisten, wenn ich alleine bin und ich im Prinzip nichts gegen diese tun kann. Nicht dass ich das etwa wollen würde, meistens erscheinen Sie mir sehr interessant. Dann kann ich nicht aufhören darüber nachzudenken, bis ich für den Moment etwas Neues schlussfolgern kann oder bis ich eine für den Moment zufriedenstellende Definition finde.

Um diesem Gedankenchaos mal ein Ende zu bereiten, werde ich in diesem Eintrag versuchen, eine Definition zu finden. Allerdings kann ich dies nicht so „mal eben“ machen, da ich hier fast jeden Tag neue „Denkschübe“ bekomme, die jedes Mal in einer anderen Schlussfolgerung enden, warum, was und wo wohl „Zuhause“ sein könnte. Deshalb wird dieser Beitrag im Laufe meines Freiwilligendienstes noch weiter ergänzt, bis ich (hoffentlich) eine Antwort auf diese Fragen gefunden habe. Meine neuen Schlussfolgerungen werde ich dazu immer mit dem aktuellen Datum kennzeichnen.

Wie alles begann: Zuhause. Das war ich hier in den ersten paar Tagen auf keinen Fall. Aber nachdem ich zehn Tage nach meiner Ankunft mit euch den Blogeintrag „eine Stadt ohne Sterne“ geteilt hatte, bekam ich eine sehr liebe E-Mail, in der mir nicht nur erklärt wurde, warum ich hier keine Sterne sehen kann (vermutlich hängt dies mit dem Stadtdunst zusammen), sondern ich auch darauf aufmerksam gemacht wurde, zum ersten Mal die Bezeichnung „Zuhause“ gewählt zu haben. Mir selbst war dies bis dahin gar nicht aufgefallen und ich hatte diese Bezeichnung nicht bewusst gewählt.

Lässt sich daraus nun schlussfolgern, dass sich mein Zuhause für mich hier erst zu einem solchen entwickelt hat, oder war es von Beginn an ein Zuhause und ich habe dies nur nicht als solches (an)erkannt?

Noch habe ich auf diese Frage keine Antwort, aber dafür kann ich mich zu etwas äußern, dem ich vor meiner Abreise noch nichts entgegenen konnte: Eine Freundin sagte in etwa zu mir: „Also ich weiß nicht wie Du das machst, aber ich könnte nicht ein ganzes Jahr von Zuhause weg sein“. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich auch nicht so recht, wie ich das machen sollte. Jetzt weiß ich aber, ich bin gar nicht ein Jahr von Zuhause weg. Es waren nur zehn Tage. Solange wie es eben gedauert hat, bis ich angefangen habe von „Zuhause“ zu sprechen, wenn ich mein neues Zuhause hier in Brasilien meine.

Natürlich weiß ich, das mit dieser Aussage vor allem mein Zuhause in Deutschland gemeint war und natürlich vermisse ich meine Familie, deutsches Vollkornbrot und das Vogelgezwitscher am Baldeneysee. Allerdings bin ich heute der festen Überzeugung, das ich mehrere „Zuhause“ haben kann und das etwas, dass einmal ein Zuhause geworden ist, nicht einfach aufhört ein solches zu sein, nur weil ich selbst gerade ganz wo anders bin und mich nach einem anstrengenden Tag auf die Hängematte in meinem anderen Zuhause freue.

hinter dem Meer
Haus 482 in Brasilien

25.09.2019-Wo ist eigentlich Zuhause? Diese Frage scheint sich wohl zunächst recht einfach beantworten zu lassen. Zuhause ist in Heisingen, in dem Haus mit der Nummer 21, in Nieuwvliet, auf dem Campingplatz im Karavan mit der Platznummer 229 und in São Paulo, in dem Haus mit der Nummer 482. Aber, ist Zuhause wirklich ein Ort? Ich meine, der Begriff „zuHAUSe“ beinhaltet ja bereits das Wort „Haus“, was wiederum ein Ort ist. Wenn Zuhause aber ein Ort sein sollte, was haben alle diese Orte dann gemeinsam, dass Sie zu einem Zuhause macht? Vielleicht ist es das eigene Bett, die Privatsphäre oder die völlige Freiheit an diesem Ort einfach tun und lassen zu können was man will. Oder aber es ist gar nicht das, sondern ist es das Gefühl von Geborgenheit, von Schutz und Wohlbehagen, was durch eben diese Räumlichkeiten ausgelöst wird? Ist Zuhause vielleicht gar kein Ort, sondern ein Gefühl?

Und damit bin ich nicht mehr bei der Frage, WO eigentlich Zuhause ist, sondern vielmehr WAS?

Zuhause
Platz 229 in der Niederlande

06.10.2019Unperfekt Das Gefühl von Geborgenheit und Schutz, das schließlich zum Wohlbehagen führt, kann bei mir auch durch Menschen ausgelöst werden, wie ich in der letzten Woche erleben durfte. Denn natürlich ist auch hier nicht immer alles einfach und super toll und natürlich gibt es dann auch Situationen, in denen es mir mal nicht so gut geht. Wie schön ist es doch dass dann jemand an meiner Seite sitzt, mich einfach in den Arm nimmt und mir  beim Schweigen zuhört. So lange, bis ich schließlich all das fühlen kann. Das Gefühl verstanden zu werden (auch ohne Worte), das Gefühl bei dieser Person Schutz suchen zu können, Halt zu finden und trotz all dem genau HIER richtig zu sein. Wenn Zuhause diese Gefühle sind, dann bin ich in diesem Moment in der anderen Person Zuhause. So lange, bis ich mich wieder besser fühle und damit dann in mir selbst Zuhause bin?

16.10.2019 -„…yes, but your home is not a prison“ („…ja, aber Dein Zuhause ist doch kein Gefängnis“) erwiderte einer meiner Mitbewohner in einer doch recht hitzigen aber auch doch eher tiefsinnigen Diskussion vor ein paar Tagen. Aber, wenn ich doch davon ausgehe, dass ich in mir selbst Zuhause bin (06.10.) dann habe ich genau dieses Zuhause auch schon als eine Art Gefängnis wahrnehmen können. Denn zu mir selbst, gehören auch meine eigenen Gedanken. Und wenn ich mich dann mit meinen eigenen Gedanken nur noch im Kreis bewege und aus diesen Kreisen vielleicht sogar alleine nicht mehr herauskomme, dann bin ich in meinen eigenen Gedanken gefangen (die ja ein Teil von mir sind) und damit auch in mir selbst und meinem Zuhause. Oder geht das gar nicht? Vielleicht kann ich zwar in meinen Gedanken gefangen, aber gleichzeitig nicht in mir selbst Zuhause sein? Denn angenehm sind solche Gedankenkreisel sicher nicht und eine Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit lösen sie bei mir auch nicht gerade aus…

23.10.2019-Sprachwirrwar Wenn Zuhause das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit sein sollte (25.09.), kann ich dann auch in einer Sprache Zuhause sein? Mich Verständigen können, mit anderen Kommunizieren zu können und das Gefühl verstanden zu werden. Ist das ein Teil von Zuhause sein? Wenn ich an all die teilweise wirklich einschüchternden Situationen, in denen portugiesisches Stimmengewirr auf mich einprasselt denke, so weiß ich wie unwohl ich mich dann fühle und dass ich im Portugiesischen noch kein Zuhause gefunden habe. Die mir nur halb bekannte Grammatik löst öfter noch Unsicherheit aus und vieles kann ich gar nicht so ausdrücken, wie ich es gerne würde, weil mir der nötige Wortschatz fehlt. Neben portugiesisch, darf ich hier aber gleichzeitig auch die ganz besondere Sprache eines kleinen Jungen lernen (mehr Informationen dazu im Blogbeitrag „Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte“). In dieser fühle ich mich wohl, wir verstehen uns inzwischen und haben eine ganz eigene Art zu Kommunizieren. Auch wenn ich auf Deutsch spreche, ist ein Gefühl von Sicherheit da. Und so kam es eben, dass ich in der Musikschule einen vierzehnjährigen auf Deutsch in seine Schranken wies, weil mein portugiesisches „Para com isso“ („Hör auf damit“) nicht wirkte. Das erstaunlichste daran war aber, dass es funktionierte! Der eben noch aufmüpfige Teenager, blickt mich mit immer größeren Augen an und verschwindet schließlich am anderen Ende des Raumes. Kann ich daraus also schließen, wer sich in einer Sprache sicher fühlt und die Möglichkeit hat in dieser zu kommunizieren, der wirkt auch auf andere entsprechend sicherer und selbstbewusster? Die Möglichkeit der Verständigung als ein Stückchen Lebensqualität und Zuhause sein in einer Sprache. Also gehört es zur Lebensqualität etwas zu haben, dass man Zuhause nennt?

14.11.2019-Der Lebenssinn? Nachdem ich den Beitrag „Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte“ mit euch geteilt hatte, erreichte mich eine Nachricht mit der Frage, ob der Mensch nicht auch in einer Aufgabe Zuhause sein könnte. Ein äußerst interessanter Gedankengang wie mir schien. Das musste ich aber erst einmal überdenken, denn das hieße ja, wer im Leben keine Aufgabe hat ist nie Zuhause. Und wo sind dann aber all jene Menschen Zuhause, die keine feste Aufgabe haben, die vielleicht gerade ihren Lebensabend vor dem Fernseher verbringen und vielleicht sogar glücklich damit sind, da sie ihre Aufgaben bereits erfüllt oder nie gefunden haben? Hat man IMMER eine Aufgabe? Eine Art Sinn des Lebens als Zuhause… Aber was ist, wenn dieser Lebenssinn niemals gefunden wird? Vielleicht gehöre ich gar nicht hierher, sondern nach Papua-Neuguinea um was-weiß-ich nicht-was zu tun, aber dies ist mir nicht bewusst. Wer verteilt denn überhaupt diese Aufgaben und wer informiert mich über meine? Das Schicksal, eine übermenschliche Kraft, oder doch nur die äußeren Umstände?

Ich schließe daraus zunächst einmal, dass es definitiv mehrere Zuhause geben muss und ich diese aber nicht unbedingt alle kenne. Wer sich nicht Zuhause fühlt oder seinen Platz im Leben nicht kennt, der wird auf Dauer krank (wie ich selbst auch schon feststellen durfte). Es scheint also sehr wichtig zu sein, sich über wenigstens ein (erreichbares) Zuhause bewusst zu ein…

27.12.2019-Im Herzen Gerade in den letzten Wochen der Vorweihnachtszeit und vorallem an Heiligabend war die Sehnsucht nach meinem Zuhause unendlich groß geworden. Und so vermehrte ich den Kontakt zu meiner Familie und telefonierte schließlich fast täglich mit Omas, Opas, meinem Lieblingsschwesterchen (für alle die es nicht wissen, keine Sorge, ich bevorzuge damit niemanden- ich habe schließlich nur die eine Schwester) und natürlich meinen Eltern. Aber auch mit Freunden, mit denen ich noch nicht gesprochen habe, seit ich Deutschland verlassen hatte. Und oft hatte ich das Gefühl, dass nicht nur ich sie vermisse, sondern sie auch mich. Und da sie an mich dachten, weil ich ihnen in der Weihnachtszeit fehlte, war ich doch irgendwie bei all dem Weihnachtsspektakel in Deutschland dabei. Ich war an Weihnachten Zuhause! Im Herzen der Anderen.

Bevor ich heute morgen nach Manaus gefolgen bin, verabschiedete ich mich noch von meinen Mitbewohnern, als einer der oben wohnenden Brasilianer (mit dem ich bisher gar nicht so viel zu tun hatte – dachte ich zumindest) plötzlich erschrocken sagte: „Du hast gar nicht meine Nummer, oder? Hier, und BITTE melde Dich regelmäßig, damit ich weiß dass es Dir gut geht!“ Auch in diesem Herzen scheine ich (total unverhofft) einen Platz bekommen zu haben. Ein Zuhause, über das ich mir bisher überhaupt nicht bewusst war. DANKE!

Über die Weihnachtstage dachte ich außerdem viel an meine im letzten Jahr verstorbene Uroma…

Kann ich nun also schließen, wer einmal ein echtes Zuhause im Herzen anderer Menschen gefunden hat, der ist dies dort auch noch nach dem Tod? Das wäre aber schön. Kein Zuhause auf Lebenszeit, sondern ein Zuhause auf Unendlichkeit! Zuhause in der Liebe und den Erinnerungen anderer Menschen.

31.12.2019 – andere Länder andere Sitten Auf meiner Reise durch Brasilien begegne ich in Manaus einem älteren (und gleich auf die ersten Sätze sehr erfahren wirkenden) Herrn. Ursprünglich aus der Lüneburger-Heide kommend, reist er nun schon seit fast zwei Jahren durch die Weltgeschichte Südamerikas und hat darüber hinaus wohl auch schon in vorherigen Reisen durch Indien und Südasien viel erlebt. Was zunächst ein Smaltalk über Brasilien, die brasiliansische Kultur und die Rolle der Emotionen in dieser war, nahm dann aber eine interessante, tiefgründig Seite an:

Ich: „…naja die Brasilianer die ich bisher kennenlernen durfte sind viel offener den Gefühlen Anderer gegenüber und viele zeigen ihre Emotionen auch offen ohne sie zu verstecken. In Deutschland gehören Tränen ja irgendwie so hinter die verschlossene Haustür…“

Er unterbricht mich: „Aber das ist der Punkt! Die Menschen hier SIND quasi  Zuhause. Auf der Straße. Ich meine nicht weil sie dort Leben, sondern weil das Leben hier einfach mehr auf der Straße stattfindet. Oder nicht? Das weißt Du wahrscheinlich besser als ich.

Ich: “ Oh nossa (das brasilianische WOW ist inzwischen in meinen täglich Sprachgebrauch eingeflossen, egal welche Sprache ich gerade nutze) was für ein interessanter Gedanke. So habe ich das bisher noch nicht betrachtet, aber ja ich glaube vielleicht schon…

Und dann nahm ich all meinen Mut zusammen und es platzte aus mir heraus: „Sag mal, wenn Du doch jetzt schon so lange reist, von Hostel zu Hostel, von Bett zu Bett, von Land zu Land und ständig sind neue Menschen um Dich herum – Wo bist Du denn Zuhause?“

Er: „Naja früher war mein Zuhause in Deutschland. Ich hatte eine Freundin, eine ganze Wand voller kluger Bücher, ein Haus, einen Garten und eine Doppelgarage mit zwei Autos. Ich hätte jederzeit überall hinfahren können. Zuhause, ist für die meisten Menschen der Ort, an den sie sich Besuch einladen können. Nimm dieses Hostel als Beispiel. Würdest Du hierher Besuch einladen? Nein. Warum nicht? Weil hier kein Platz ist, kein Raum um ungestört zu sein. Die Menschen in Lateinamerika laden Besuch nicht dorthin ein, wo ihr Bett steht. Man trifft sich im Kaffee oder im Restaurant. Hast Du doch bestimmt auch schon bemerkt oder?

Ich: „Mmhmmm…“

„Na siehst Du“, fährt er fort “ da sind wir wieder beim Zuhause sein auf der Straße. Sie treffen sich dort, weil sie dort Zuhause sind. Und ich? Naja ich finde das sehr inspirierend. Die Straßen hier werden wohl nie mein Zuhause, ich bin HIER zu Hause.

„Im Hostel???“ frage ich ungläubig halb lachend

„Nein“ muss nun auch der Herr lachen „In der Konversation und in der Beziehung mit anderen Menschen. Hier jetzt zum Beispiel. Es gibt viele Menschen mit denen ich unglaublich tolle Gespräche führen kann, die ich lieb gewinne – wenn auch oftmals nur für kurze Zeit, aber na und? – und dann, dann fühle ich mich HIER Zuhause.

Stille. Das musste ich jetzt erstmal kurz sacken lassen. Nossa! War mein erster Gedanke, nachdem sich mein ratterndes Gehirn von dem englisch deutschen Sprachenwirrwar erholt hatte. Wenn er „HIER“ Zuhause ist, dann ist er nicht nur in der Beziehung und Konversation, in anderen Menschen Zuhause, sondern er ist es im Moment selbst. Im HIER und JETZT.

Mein Gehirn machte noch eine kurze Pause, bevor es erst verknüpfte und schließlich schlussfolgerte: HIER und JETZT, das kennen wir doch doch schon von der Paradies-Entdeckung auf Ilhabela…

Dieser Mann ist im Paradies Zuhause!

27.01.2020 – Im Hostel. Oh ich freue mich schon, wenn ich gleich wieder Zuhause bin erstmal schön kalt duschen, denke ich, als ich die letzten Meter des Berges nach oben krachsel. Meine Güte ich das Steil gewesen. Nach Luft schnappend setze ich mich auf die Mauer der Aussichtsplattform und lasse meinen Blick über den Stadtkern schweifen, der unter mir im Tal liegt. Aber – momentmal! ZUHAUSE? Das Hostel?? Wieso ich das denn Zuhause? Auf der anderen Seite, warum nicht? Ein super süßes weißes Häuschen mit dunkelblauen Holzfensterrahmen und kleinem Garten, einem traumhaften Panoramablick auf die Stadt und Donna Lúcia und ihr Mann, die das Hostel eröffnet haben, als es ihnen im eigenen Haus zu leise wurde und die man einfach gern haben MUSS. Ich fühle mich ja unfassbar wohl hier, aber wirklich auch Zuhause?

30.01.2020 – Überall da, wo… Jetzt weiß ich es. Zuhause, das kann an einem bestimmten Ort sein, oder wenn ich von b⁸estimmten Menschen umgeben bin, dass kann eine (selbst ausgesuchte) (Lebens-)Aufgabe sein, eine Sprache oder einfach im JETZT…

Manchmal ist es nichts davon, und manchmal ist es auch alles auf einmal. Denn Zuhause ist überall da, wo ich mich wirklich wohlfühle! Ganz egal aus welchem Grund und für welchen Zeitraum. Und so habe ich also ganz viele Zuhause. Manche verschwinden nach einiger Zeit, dafür kommen dann neue hinzu, und andere werden wohl lange oder sogar für immer mein Zuhause bleiben.

Und eines dieser „Zuhause für immer“, ist ganz sicher meine Heimat. Meine Heimat, die ist in Essen, bei meiner Familie. Da ich hier aufgewachsen bin, verbinde ich so viele Erinnerungen mit dieser Stadt und wenn meine verrückte Familie bei mir ist, dann kann ich einfach ich sein und fühle mich unendlich frei und pudelwohl 😀

Danke, dass ihr mich so nehmt, wie ich bin, dass ihr immer hinter mir steht und dass ihr immer für mich da seid. Ich habe euch lieb!

Wir sind immer Zuhause wo wachbleiben schöner als Träumen ist

Julia Engelmann

Até logo (bis ganz bald),

Anna

Von der Favela in den Dschungel

„Eu contemplo o mundo onde o sol reluz;
onde as estrelas brilham,
onde as pedras jazem,
onde as plantas vivem e vivendo crescem;
onde os bichos sentem e sentindo vivem;
onde já o homem, tendo em si a alma,
abrigou o espírito.
Eu contemplo a alma que reside em mim.
O Divino Espírito age dentro dela,
assim como atua sobre a luz do sol.
Ele paira fora na amplidão do espaço
e nas profundezas da alma também.
A ti eu suplico,
ó Divino Espírito,
que bênçãos e forças para o aprender,
para o trabalhar,
cresçam dentro de mim.“

Rudolf Steiner

Allen hier mitlesenden Waldorfschülern (und Lehrern) dürfte der oben zitierte Spruch wohl sehr bekannt sein. Es ist eben jener Morgenspruch der wohl alle Waldorfschüler durch die Schulzeit begleitet und der über viele Jahre zum morgentlichen Ritual wird.

Von der Favela in den Dschungel

Auch hier in Brasilien werden in den verschiedenen Betreuungsgruppen die Morgensprüche gesprochen, die jeweils auf das Alter der Kinder abgestimmt sind. Natürlich auf portugiesisch. Und so stand ich an einem meiner ersten Tage im Kreis, mit vielen Kindern zusammen, auf dem Vorplatz des „Centro Cultural“ (das Kulturzentrum ist so etwas wie die Zentrale der Organisation), als diese gemeinsam den Morgenspruch zu sprechen begannen. Zunächst einmal verstand ich nur Bruchstücke, da meine Portugiesischkenntnisse doch noch sehr gering sind, aber schon am nächsten Tag war ich mir sicher: Das ist der Morgenspruch, den auch ich über viele Jahre gesprochen habe.

Innerhalb der ersten anderthalb Wochen hier, habe ich allerdings nicht gleich begonnen „richtig“ zu arbeiten, sondern bekam zunächst einmal die Möglichkeit die vielen einzelnen Angebote der Associação Comunitária Monte Azul kennenzulernen. Auf der einen Seite wurde mir so ermöglicht die sehr vielschichtige Arbeit der Organisation aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten zu können, und verschiedenste Intentionen der Mitarbeiter hier kennenzulernen. Auf der anderen Seite bedeutete dies für mich aber auch, dass ich jeden Tag mit neuen Mitarbeitern und Kindern zu tun hatte. Aufgrund dessen, dass ich in den einzelen Bereichen die Abläufe und Strukturen nicht kannte, konnte ich somit zunächst kaum etwas anderen tun, als stiller Beobachter des Ganzen zu sein und die vielen neuen Einblicke einfach auf mich einwirken zu lassen.

Im Folgenden würde ich euch die Organisation gerne ein bisschen näher beschreiben. Allerdings glaube ich, dass ich an dieser Stelle nicht erklären muss, was sich hinter den Begriffen „Kindergarten“, „Küche“, oder „Schule“ verbirgt. Stattdessen werde ich einfach von den kleinen Momenten berichten, die meine Zeit dort zu etwas Besonderem haben werden lassen; etwas, woran ich mich gerne zurück erinnere.

Zunächst muss ich dazu allerdings erklären, dass viele der Kinder, die die Angebote der Associação Comunitária Monte Azul wahrnehmen, unter für mich zuvor unvorstellbaren Bedingungen und sehr geringen Standards leben (mehr über das Leben in der Favela in einem späteren Blogeintrag). Monte Azul legt deshalb innerhalb aller Einsatzstellen großen Wert auf ein großes und ausgewogenes Nahrungsangebot und regelmäßige Mahlzeiten für die Kinder, egal ob sie das Angebot der Musikschule, einer Betreuungsgruppe oder einer der Werkstätten wahrnehmen. ALLE Mitarbeiter der Organisation sind hier wohl weit mehr als nur Musiklehrer, Köche oder Büroarbeiter. Sie ALLE scheinen in ihrem Beruf eine Berufung gefunden zu haben, und schaffen aus vollem Herzen eine Atmosphäre der familiären Geborgenheit, unter welcher sie jederzeit für die Kinder da sind. Sie sind Vorbilder und Bezugspersonen aber auch Erziehende, Schutz, Halt und Trost schenkende… Und teilweise sind sie es mehr, als die eigenen Eltern der Kinder es für diese momentan sein können (auch dazu mehr in einem späteren Blogeintrag über die Kinder in Monte Azul).

Von der Favela in den Dschungel

Sonho de Luz (Der Traum vom Licht): Das Sonho de Luz ist eine kleine eingruppige Kindertagesstätte welche gleich am „Eingang“ der Favela Monte Azul liegt. Ich sitze mitten im Gruppenraum und gucke mit einem Mädchen ein Bilderbuch, während ich gleichzeitig einen kleinen Jungen beobachte, der mit sehr großer Geschwindigkeit eine Holzauto vor sich her schiebt. Als er das Auto schließlich versehentlich mit „Vollkaracho“ vor ein Regal donnern lässt, bricht ein Stück vom Auto ab und er hält inne. Er blickt sich um und scheint zu dem Entschluss zu kommen von niemandem gesehen worden zu sein. Er nimmt den Holzsplitter und das Auto und läuft damit zu einer Art Mini-Werkbank in der hinteren Ecke des Gruppenraums. Dort legt er den Holzsplitter wieder an die passende Stelle auf das Auto, nimmt einen Hammer und versucht dann den Holzsplitter wieder festzuhammern! (Leider vergeblich, wie er dann feststellen musste…)

Von der Favela in den Dschungel
Das Fenster ganz rechts in der untersten Etage wird später zu meinem täglichen Arbeitsplatz werden…

Infancia Querida Creche (Geliebte Kindheit- Kindergarten): Im mehrgruppigen Kindergarten im Zentrum der Favela Monte Azul, sind die Kinder dem Alter nach den Gruppen zugeordnet. So gibt es hier eine Gruppe für zwei Jährige, eine für drei Jährige und so weiter. Während meines Rundgangs lande ich dann für einen Nachmittag bei den „ganz Großen“, mit denen ich nicht nur stundenlang mit Bauklötzen die wackeligsten Türme baue, sondern die mir auch durchgängig etwas erzählen. Ich sitze also da, lächle und nicke und kann nur hoffen, dass sich unter all den Erzählungen keine Frage an mich verbirgt. Denn ich verstehe ja leider kein Wort von dem was sie sagen (ist ja alles portugiesisch). Ein Wort bringen mir die Kinder dann aber doch noch bei: Staunend betrachten sie immer wieder die kleine Metalleule „Coruja, aqui Coruja!“ („Eule, hier ist eine Eule!“) an meinem Jackenärmel.

Cozinha (Küche): In der Großküche direkt am „Centro Cultural“ wird täglich für alle Mitarbeiter und die verschiedenen (Kinder-)Betreuungsgruppen gekocht. Während des Schneidens einer unfassbar großen Menge an „Abobrinha“ (Zucchini), wünsche ich mir nichts mehr, als Musik, die diese doch eher eintönige Arbeit begleiten könnte. Da es diese nicht zu geben scheint, fange ich also irgendwann an zu singen. Ich singe all die brasilianischen Lieder, die ich auf dem Vorbereitungsseminar gelernt habe und zu meiner Überraschung stimmen erst meine Gastmutter (und Küchenchefin) und dann auch alle weiteren Mitarbeiter der Küche mit ein.

Von der Favela in den Dschungel
Auch dies wird später mein täglicher Arbeitsplatz werden…

Escola de Musica (Musikschule): Meinen Nachmittag in der, mitten in der Favela gelegenen, Musikschule habe ich vor allem als chaotisch und laut in Erinnerung. Fast 20 zwölf bis 14 Jährige, die lautstarke Diskussionen führen, während sie gemeinsam häkeln (oder halt auch nicht…), lesen oder Karten spielen und damit die Wartezeit auf ihren Instrumentalunterricht überbrücken.

Caminhando Juntos (Gemeinsam Gehen): Die sozialtherapeutische Werkstatt bildet Erwachsene mit kognitiven und körperlichen Behinderungen in praktischen Tätigkeiten aus. An diesem Tag bemerke ich, mit welch wenig Sprachkenntnissen ich doch trotzdem ein bisschen helfen kann. Das Basteln von Papierschiffchen funktioniert auch ohne jegliche Sprache durch vormachen, zeigen, zuschauen und nachmachen.

Peinha: Peinha ist der Name einer etwa 20 Minuten Fußweg weiter Stadteinwärts gelegenen Favela. Hier werden die Kinder Vor- oder Nachmittags (Vor oder nach der Schule, da das Schulsystem hier in zwei „Schichten“ funktioniert) in Hortgruppen betreut. Am eindrucksvollsten ist für mich hier allerdings die unfassbare Kälte (10°C, die sich anfühlten wie -5°C), die uns ein eisiger Wind spüren lässt als wir mit den Kindern zusammen auf dem Außenspielgelände sind. Dieser ist so beißend kalt, wie mir sonst nur das Meerwasser der Nordsee im Osterurlaub ins Gesicht peitschen würde. Hier muss ich einfach mit den Kindern herumtoben wenn ich nicht im nächsten Moment am Boden festfrieren will.

Escritorio (Büro): Unfassbar viele Listen und Computer, Gutachten, Einladungen, Veranstaltungsaushänge, Spendenbitten und mit Ausnahme der entzweigebrochenen Toilette, die mitten im Büro „abgestellt“ ist, nichts was mir berichtenswert erscheint…

Nossa Ciranda (wortwörtlich: „unser Kreistanz“): Hat nichts mit Tanzen zu tun, sondern ähnelt einem Hort, der sich im Obergeschoss des Centro Cultural befindet und ähnlich wie in der Peinha funktioniert. Nach dem lautesten und wildesten Toben, das ich je in einer Kindergruppe erlebt habe (!) sitzen die Kinder schließlich im Kreis und lauschen bei Kerzenlicht einer Geschichte, die von der Erzieherin frei erzählt wird. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können! Als ich erfahre das die Erzieherin wohl jeden Tag die selbe Geschichte erzählt, kann ich die unfassbare Stille im Raum noch weniger glauben. Wahnsinn wie leise und ruhig die eben noch so unbeschreiblich laut tobenden Kinder nun zuhören.

Horizonte Azul: Ist der Name einer weiteren Favela, die sich allerdings gleich anderhalb Stunden Busfahrt Richtung stadtauswärts, direkt an einem großen See und einem Wald befindet.

Danke Aaron für die super schönen Fotos!

Hier verbringe ich einen Tag in der ersten Klasse der Waldorfschule und fühle mich stark in meine eigene Schulzeit zurückversetzt. Die selben Abläufe, die selben Lieder und die selben Flötenstücke, ja sogar der selbe Blick ins Grüne, wenn man aus dem Fenster schaut. Zwischenzeitlich staune ich, wie viele Parallelen es doch gibt.

Besonders ist hier aber der unfassbar große Schulgarten, in dem von im Kreis gepflanztem (!) Kopfsalat (das war mir dann doch ein bisschen zu viel Waldorfklischee), bis zum Bananenbaum mit Schaukeln für die Kinder und von Möhre über rote Beete bis hin zu Zuckerrohr wirklich alles wächst, was man sich nur vorstellen kann. Ein kleiner grüner Dschungel, ja ein kleines Paradies, in dem es nicht nur mehrere Zentimeter große Ameisen, sondern sogar Kolibris gibt! Außerdem riecht es nach Blumen und nasser Erde und es ist herrlich ruhig. Keine quietschenden Autoreifen, kein Hundegebell, keine Lautsprecherdurchsagen… Zum ersten Mal seit fast zwei Wochen höre ich Vogelgezwitscher und erst jetzt bemerke ich, dass ich es vermisst habe, da ich dies Zuhause inmitten der Großstadt nicht hören kann.

Holzwerkstatt: Hier bekommen Jugendliche und Erwachsene die Möglichkeit handwerkliche Fähigkeiten zu erlernen, die Sie in ihrem (späteren) Berufsleben nutzen können. Ein riesiges (anscheinend sortiertes) Durcheinander aus Holz, Teilnehmern, Werkzeugen, Schleifpapier, Hammerschlägen, Schutzbrillen und dem ständigen Ruf „Marcelo vem ca!“ („Marcelo komm her!“) oder „Marcelo aqui!“ („Marcelo hier!“). Eine freundliche Atmosphäre, mit sehr ausgelassener Stimmung, die mich ein bisschen an den Werkunterricht meiner Schulzeit erinnert.

Von allen oben aufgeführten Orten, habe ich einen persönlichen Eindruck erhalten dürfen. Die Associação Comunitária Monte Azul besteht aber überdies aus weiteren Angeboten, wie beispielsweise einer Schneiderei, einem Kleiderbasar, Ausbildungsmöglichkeiten in Informatik, Sprachkursen in Englisch, Deutsch und Portugiesisch, Ju Jutsu (eine brasilianische Kampfsportart), Tanzkursen…

So erfüllt von diesen tollen Orten und wieder vielen neuen Eindrücken kann ich nun meine „richtige“ Arbeit hier beginnen.

Von der Favela in den Dschungel
Spielplatz im Zentrum der Favela, zwischen Creche (links im Hintergrund) und Musikschule

Até logo (Bis ganz bald),

eure Anna

Eine Stadt ohne Sterne

„A whole new world
A new fantastic point of view
No one to tell us no
Or where to go
Or say we’re only dreaming
A whole new world
A dazzling place I never knew
But when I’m way up here
It’s crystal clear
that now I’m in a whole new world with you“

Walt Disney -Aladin

Manchmal ist es schon sehr traurig, mit welchen Ausreden ich es mir in Deutschland so einfach gemacht habe. Da wohnen wir gerade einmal eine Stunde Fahrzeit mit der S-Bahn voneinander entfernt und trotzdem haben wir uns nur sehr selten gesehen, weil das „so weit“ ist.

Aber: „Hey, Du reist gerade zufällig durch Südamerika und bist auch gerade in São Paulo? Komm, wir teffen und mal!“ Und dann fallen wir uns plötzlich an den Catracas (den Drehkreuzen an der Metro) in die Arme und begrüßen uns 9850 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt. Nachdem wir uns über ein dreiviertel Jahr nicht gesehen haben… Verrückte Welt!

Mit bester Laune und bei strahlendem Sonnenschein geht es dann zunächst einmal mit der Metro in Richtung Ibirapuera (ein Stadtpark, der in etwa die Größe der Essener Gruga haben dürfte), wo ich nicht nur meine erste Kokusnuss kaufe, sondern auch zum ersten Mal seit über einer Woche wieder Natur sehe. Riesige Wiesen, Kinderspielplätze, gepflegte Fußwege, bunte Wände, Radfahrer, ein See und (überraschender Weise) auch eine Slackline Anlage, und ein junger Mann, der im Handstand auf einer Reckstange balanciert. Auf der einen Seite so viel Trubel, auf der anderen Seite eine wunderbare Stille, die nur vom Plätschern des Springbrunens und dem entfernten Rauschen der Autos durchdringt wird. Zwischenzeitlich weht eine herrlich frische Brise, die den Geruch von feuchtem Gras mit sich trägt.

eine Stadt ohne Sterne
eine Stadt ohne Sterne

Nach dieser kleinen Auszeit des Großstadttrubels, gehen wir auf die „Paulista“. Schon auf dem Weg dorthin fällt mir der große Unterschied der Häuser hier, im Vergleich zu jenen auf, die in meiner Wohngegend zu sehen sind. Schicke Zäune, Stacheldraht, Vorgärten, breite Gehwege, Palmen, helle Anstriche, Überwachungskammeras. Das selbe Land, die selbe Stadt, aber doch eine ganz andere Welt, die da gerade einmal fünf Stationen mit der Metro entfernt liegt.

eine Stadt ohne Sterne

Die „Paulista“ selbst entpuppt sich dann als riesige Straße, die nicht nur von Hochhäusern, sondern auch von vielen Geschäften und vor allem von Banken gesäumt wird. Aus der 17. Etage von einem dieser Hochhäuser, haben wir dann einen tollen Blick über São Paulo, der die unfassbare Größe der Stadt greifbarer werden lässt. Wo man in Deutschland vom Kupferdreher Berg bis nach Gelsenkirchen gucken kann, ragen hier Hochhäuser in die Höhe, die alle zum Stadtkern (!) gehören. 360°. Bis zum Horizont. Häuser wohin das Auge reicht. Tausende von Fenstern, hinter denen Millionen von Leben stattfinden (20 Millionen um genau zu sein).

eine Stadt ohne Sterne
eine Stadt ohne Sterne

Nach diesem wirklich sehr intensiven Tag, an dem ich so viel Neues entdecken durfte, laufe ich dann abends sehr müde aber überglücklich nach Hause. Wie automatisch wird mein Blick nach oben in den Himmel gelenkt…

Wer mich näher kennt, der weiß vielleicht, dass die Sterne für mich schon immer etwas faszinierendes darstellen. Etwas, was immer da ist, still und leuchtend und sich nicht „einfach so“, plötzlich verändert.

Der Blick in den Himmel ist hier allerdings vergeblich. Trotz dem Meer aus vollständiger Dunkelheit und dem wolkenlosen Himmel ist nicht ein einziger Stern zu sehen. Ich weiß nicht warum, aber dieser seltsame Anblick lässt mich schneller und schneller laufen und innerlich sehr unruhig werden. Das erste mal alleine im Dunkeln nach Hause laufen und nicht einmal das Leuchten der Sterne gibt ein Gefühl von Geborgenheit.

Zu Hause angekommen blicke ich dann noch einmal vom Balkon aus in den Himmel. Aber auch hier sind am wolkenlosen Himmel keine Sterne zu sehen. Da stehe ich nun an der Balkonbrüstung und beginne nachzudenken. Vermutlich ist es in São Paulo zu hell, um die Sterne sehen zu können? Auch wenn ich selbst das Gefühl habe an einem dunklen Ort zu stehen, ist die gesamte Umgebung ja doch kilometerweit erhellt. Oder wisst ihr vielleicht einen anderen Grund dafür?

Und selbst, wenn ich irgendwann einmal an einen Ort komme, an dem die Sterne zu sehen sind, dann werden diese nicht aussehen wie in Deutschland und es wird kein „großer Wagen“ und keinen „Orion“ zu finden sein, da ich doch gerade auf der Südhalbkugel der Erde bin…

Und mit dieser Erkenntnis ging ein sehr langer, wunderbarer Tag zu Ende, an dem mir wieder einmal so viele neue Eindrücke geschenkt wurden. Obrigada para que dia lindo Regina (Danke für diesen wunderschönen Tag mit Dir Regina)!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Alles Neu

Ankommen, das

Substantivierung von „ankommen“ -Verb

Definition: „an einem Ort eintreffen, einen Ort erreichen“

Der oben aufgezeigten offiziellen Definition des deutschen Dudens kann ich an dieser Stelle nur wiedersprechen. Das alleinige erreichen des Ortes, hat mit ankommen in meinem neuen Zuhause eher wenig zu tun, wie ich hier sehr schnell bemerken musste. Aber von vorne:

hinter dem Meer

Nachdem ich in Paris ins Flugzeug gestiegen war, bot sich mir beim Abflug zunächst das wunderbare Bild, der durch Straßenlaternen und Häuser erleuchteten Hauptstadt, aus deren Mitte der Eiffelturm erstrahlte. Ein so wunderschöner Anblick, nein vielmehr ein Bild, das ich so lange betrachten konnte, das ich noch heute alles genau vor Augen habe.

Nachdem wir Paris hinter uns gelassen hatten wurde es dann aber sofort unfassbar dunkel. Außer der beleuchteten Spitze des Flugzeugflügels war über Stunden nichts zu sehen außer tiefschwarze Nacht. Als ich am nächsten morgen dann erneut aus dem Fenster sah, war es zwar immer noch Nacht (bzw. durch die unterschiedlichen Zeitzonen eher: schon wieder), allerdings lag tief unter mir ein Lichtermeer. In diesem Moment wurde mir auf sonderbar intensive Art bewusst: Das ist Brasilien! Und damit stieg meine Vorfreude ins Unermessliche.

Ähnlich traumhaft wie der Start in Paris war dann auch die Landung in São Paulo. Neben der aufgehenden Sonne, die alles in der Umgebung in ein warmes Rot tauchte, leuchteten auch die Straßen und Häuser in São Paulo. Erst dann wurde meine Aufmerksamkeit auf die unfassbare Größe der Stadt gelenkt. Der Anblick der sich mir hier bot übertraf alles, was ich je zuvor an Größe einer Stadt gesehen habe (Okay, dass ist zugegebenermaßen nicht verwunderlich, wenn bedacht wird, dass ich nie zuvor überhaupt eine Metropole gesehen habe). Hochhäuser, Siedlungen, Hochhäuser, Siedlungen und… ja: Hochhäuser.

hinter dem Meer

Nach Landung, Registration und Gepäckausgabe, führte eine recht lange Autofahrt über die völlig überfüllten Autobahnen São Paulos. Von diesen aus konnte ich allerdings nicht besonders viel von der Stadt selbst sehen. Irgendwann fuhren wir von der Autobahn ab, in eine Siedlung, in der die Straßen sich mit vielen Steigungen rauf und runter schlängelten. An einer dieser unfassbar steilen Straßen, an einem Haus mit der Nummer 482 hielten wir schließlich an. Ich war angekommen. Zumindest zunächst.

Doch schon wenige Stunden später musste ich feststellen, das die neue Wohn- und vor allem Gesamtsituation mich zunächst einmal überhaupt nicht glücklich machten und ich von „angekommen“ noch sehr weit weg war.

Alles hier ist irgendwie anders und neu. Neue Gasteltern, neue Mitbewohner und Mitfreiwillige, neue Gerüche, neue Farben, neue Ideen, eine neue Sprache… und so viele verschiedene Eindrücke. Festhalten kann ich an dieser Stelle wohl, dass das alles zunächst nichts und momentan auch noch eher weniger mit Wohlfühlen zu tun hat. Allerdings merke ich jetzt, wo ich gerade einmal zwei Nächte in meinem neuen Zuhause auf Zeit verbracht habe, das es in kleinen Schritten immer „angenehmer“ wird.

Zufällig bekam ich dann während einem dieser Gespräche mit, das einer der Mitbewohner nicht nur Diabolo spielt, sondern auch jonglieren kann. Und irgendwie standen wir dann plötzlich zusammen im Flur, haben zusammen „Passing“ geübt (Eine Jonglierweise, bei der die Bälle mit dem jeweiligen Gegenüber während des Jonglierens ausgetauscht werden) und wieder viel gelacht.

An diesem Tag hatte ich zum ersten Mal das Gefühl langsam ein klein wenig anzukommen.

Até Logo (Bis ganz bald),

eure Anna

hinter dem Meer
hinter dem Meer

P.S. Inzwischen haben mehrere von euch den Wunsch nach mehr Bildern geäußert. Momentan hab ich leider noch keine Möglichkeit gefunden, wie ich die Bilder hier vernünftig hineinbekomme (mal macht das Internet was es will, mal der Computer, heute wollte das Kabel nicht…). Sobald ich diese aber gefunden habe, werde ich nachträglich noch Bilder einfügen 🙂

Zwischen den Welten

“ Bist du bereit Dein gestern gegen morgen einzutauschen? Was soll uns schon passier’n? Bist du bereit, mit mir ins kalte Wasser einzutauchen? Bist du bereit? Wenn das erste Morgenlicht durch die Fensterscheibe bricht dann wird mir klar, dass noch so viel vor uns liegt, was es zu entdecken gibt, wo wir noch nie war’n. Bist du bereit?“

Max Giesinger – Die Reise (Bist Du bereit)

Stimmengewirr. Koffer. Langeweile. Reisende, die an mir vorbei eilen. Kaffeeduft. Spielende Kinder. Lautsprecherdurchsagen. Verkäufer. Neben mir telefoniert jemand lautstark auf brasilianisch und alles was ich verstehe ist „Eu“ (ich), „trabalhar“ (arbeiten) und „falar“ (sprechen). Wieder Reisende. Aber diesmal gleich ein ganzes Meer von Reisenden, das zum Boarding ans Gate strömt. Klaviermusik. Security. Rennende Kinder. Das monotone Piepen, welches von jedem Gate her ertönt. Vorfreude.

Und jetzt liege ich hier mittendrin, auf dem weinroten Teppichboden des Terminal zwei, am zweitgrößten Passagierflughafen Europas (der größte ist übrigens der London Heathrow Airport in Großbritannien) und befinde mich wohl wortwörtlich zwischen den Welten. Zwischen meinem bisherigen Zuhause, das bereits eine Flugstunde hinter mir liegt und meinem neuen Zuhause auf Zeit, welches allerdings nicht nur dreizehn Flugstunden, sondern auch noch knapp zwei Stunden Wartezeit entfernt ist. Deshalb ergibt sich mir hier Zeit, für einen kleinen Rückblick:

Zunächst einmal möchte ich eine Antwort auf die Frage geben, die mir in der letzten Woche am meisten gestellt worden ist: „Und, bist Du schon aufgeregt?“. „Nein.“, habe ich in der Regel geantwortet „aber ich freue mich schon sehr“. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann verbinde ich Aufregung eher mit Geburtstag haben und vor lauter Vorfreude nicht einschlafen können, oder mit Weihnachten und der Überlegung ob wohl auch in diesem Jahr das Christkind kommt, aber ganz sicher nicht mit dem inzwischen recht leeren Flughafenterminal mit seinen für mich unverständlichen Durchsagen (weil auf französisch). Stattdessen freue ich mich sehr, morgen in Brasilien anzukommen und die anderen Freiwilligen wiederzusehen und für ein Jahr eine ganz neue Herausforderungen zu bekommen.

Als „Herausforderung“ hat sich übrigens auch das Kofferpacken herausgestellt. Meine Ursprungsidee nur mit einem Backpacker loszureisen, erwies sich sofort als überhaupt nicht machbar, denn auch als alles auf ein absolutes Minimum reduziert war, hätte ich wohl gleich zwei oder drei Rucksäcke gebraucht. Cellonoten, Jonglierbälle, Ersatzseiten, Jonglierkeulen… Nichts davon sollte in Deutschland bleiben. Also bin ich doch zu Koffern übergegangen und nach drei Tagen und etwa fünf bis sechs Versuchen alles einzupacken, habe ich es tatsächlich geschafft einen Koffer zu finden in den meine Sachen und mein Rucksack hineinpassen. Wer reist schon mit einem Rucksack im Koffer ;)?

Und dann war „heute“ plötzlich da. Das letzte Mal von Baustellenlärm geweckt werden, das letzte Mal Vollkornbrot frühstücken, das letzte Mal im Garten stehen und Himbeeren pflücken (und essen :)), das letzte Mal die Treppe hinuntergehen, das letzte Mal alle zusammen im Auto sitzen, das letzte Mal zusammen herumalbern, das letzte Mal winken…

Ich denke (bzw. hoffe) dass es normal ist, dass so viele „letzte Male“ auch ein bisschen wehmütig machen konnen. Aber ich denke auch, dass auf viele „letzte Male“ auch viele „erste Male“ folgen werden, die bei mir für große Vorfreude sorgen.

Das erste mal Brasilien sehen und mit allen Sinnen wahrnehmen, das erste Mal im Großstadtdschungel, das erste Mal unterrichten, das erste Mal eine brasilianische Unterhaltung im Detail verfolgen können, das erste Mal…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Gedankenkarussell

„Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.“

Charlie Chaplin (Vorbereitungsseminar)

Heute sind es nur noch zehn Tage bis zu meinem Abflug und in den letzten Wochen ist so viel passiert:

Zunächst einmal habe ich es (im zweiten Versuch!) endlich geschafft ein Visum zu beantragen und habe nun einen schicken neuen Aufkleber im Reisepass, der mich über die Grenze bringen wird. Mit Erhalt des Visums und des Flugtickets ist der Papierkram sehr viel weniger geworden und es ist mehr Raum für andere Gedanken entstanden.

Wie oft habe ich in der letzten Zeit die Sätze : „Du willst wirklich ein ganzes Jahr nach Brasilien?“, „Also ich könnte das ja nicht!“ oder „Brasilien! Wow, Respekt!“, „Wie mutig!“ gehört.

Aber ganz so „easy“, war das natürlich nicht! Im Gegenteil:

„Was sollte ich unbedingt nach Brasilien mitnehmen?“, „Von wem möchte ich mich noch verabschieden und vor allem: Wie möchte ich mich verabschieden?“, „Was muss noch besorgt werden?“, “ Welcher Koffer ist wohl groß genug, dass meine Schwester hineinpasst?“, “ Wie komme ich vom Flughafen zur Einsatzstelle?“, “ Ob ich mich wohl mit meinen Mitfreiwilligen verstehe?“, „Wie schwierig wird es vor Ort ohne Sprachkenntnisse?“, „Was ist mir überhaupt wirklich wichtig?“, „Welche Rolle werde in Brasilien haben, und welche hätte ich gerne?“…

Ein Gedankenkarussell, dass sich ewig zu drehen schien und zeitweise auch unangenehm bis beinah beängstigend wirken konnte.

Aber dann kam das Vorbereitungsseminar. Nach einer (ausnahmsweise) planmäßig verlaufenden Zugfahrt, auf welcher ich bereits weitere Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Seminars traf, durften wir zehn gemeinsame Tage in einer wirklich wunderschön gelegenen Jugendherberge in Wetzlar verbringen.

„…mehr Klassenfahrt als Seminar von überall sind Leute da, zusammen auch bei Gefahr, kannten uns kaum doch sind uns nah…“

Ich glaube dieser, zugegeben etwas holprig gereimte Vers, aus unserem selbst geschriebenen Abschiedslied kann die einmalige Stimmung vor Ort am besten beschreiben.

Hier bekamen wir nicht nur die Gelegenheit viel über Brasilien und die Menschen vor Ort zu lernen und uns auf die Arbeit mit den Kindern vorzubereiten, sondern konnten auch unsere Mitfreiwilligen näher kennenlernen.

Schnell bemerkten wir, dass wir alle mit ähnlichen Gedanken beschäftigt waren und auch mit der ein oder anderen Sorge nicht alleine waren. Mich persönlich hat es beruhigt zu wissen, dass ich mit meinen Fragen und Sorgen nicht alleine dastehe. Auf dieser Grundlage ergaben sich einige tiefgründige Gespräche (meist nachts um 0:35 Uhr unter einem Meer von Sternen) die meine Fragen nach und nach aus der Welt schafften. Dafür kamen dann meist neue Gedanken. Das Gedankenkarussell drehte sich weiter, wurde aber immer weniger mit Sorgen, sondern immer mehr mit Vorfreude besetzt.

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eure Anna