Ameisennester

Menschenmassen stolpern auf mich zu und drängeln mich zur Seite. Ich kriege einen grünen Rucksack an die Schulter, jemand tritt mir auf den Fuß unzählige fremde Körper und Taschen streifen mich. Es kommt mir vor als wäre ich die Einzige, die gegen den Strom der hunderten von Personen anlaufen muss. Es ist so furchtbar warm, dass ich mich nach den zehn Minuten Fußweg hierher schon wieder nass und klebrig fühle. Eine Mama zieht ihr Kind an der Hand hinter sich her, immer darauf bedacht die Hand auf gar keinen Fall loszulassen, ich kriege einen Ellenbogen in den Rücken und versuche ein bisschen nach vorne auszuweichen, wo ich allerdings gleich den nächsten Personen im Weg stehe, während neben mir ein junger Herr seelenruhig Kaffee aus einem Plastikbecher trinkt. Es geht zu wie im Ameisennest. Langsam ebnen sich die Menschenmassen und einige Meter vor mir wird eben jene Schiebetür sichtbar, die sich vor wenigen Sekunden mit lautem Piepen geöffnet und damit auch für dieses Chaos gesorgt hatte.

Nun strömen die Menschen hinein und als ich bis zur Tür vorgedrungen bin, da schaffe ich es so grade eben noch mich hinter die Tür zu zwängen, bevor diese sich mit lautem Piepen wieder schließt und die Metro anfährt. Rings um mich herum stehen Personen so eng, dass ich mich nirgendwo festzuhalten brauche. Ich bin zwischen den Leuten so sehr eingeklemmt, dass ich keins meiner Körperteile auch nur ansatzweise bewegen kann, geschweige denn, dass ich beim nächsten Rucken der Metro auch nur die Chance hätte einen Ausfallschritt zu machen. Ich stecke also wortwörtlich fest. Die Klimaanlage pustet eiskalte Luft über uns hinweg und ich bekomme trotz 30°C Außentemperatur eine Gänsehaut. Wieder eine Haltestelle, das Gerangel und Gedrängel geht von Vorne los…

IMG_20200507_0002
Das oben beschriebene Gedrängel ist wohl an allen Haltestellen gleich. Ich habe es allerdings nirgendwo so oft erlebt wie bei „Geovanni Gronchi“ an meinem Zuhause. Na, wer findet es?

In São Paulo (und vielen anderen Großstädten Brasiliens) konnte ich mich am besten mit der Metro fortbewegen. Diese fährt von sechs Uhr am Morgen bis zwei Uhr in die Nacht alle zwei Minuten. Ein Ticket, mit dem ich nicht nur so weit fahren kann wie ich will, sondern auch so oft umsteigen darf wie ich es eben brauche kostet je nach Stadt vier bis fünf Reais. In São Paulo 4,30 R$ (ca. 80 Cent), wer Obdachlosigkeit nachweisen kann fährt kostenlos. Nie habe ich erlebt, dass eine Metro ausviel, einfach nicht kam oder ein „technischer Defekt“ vorlag.

„Der IC 2216 nach Westerland über Hamburg HBF, heute ca. 157 Minuten Verspätung“

„Der RE 6 nach Gelsenkirchen HBF fährt heute in geänderter Wagenreihung“

„Der IC 538 nach Brüssel, entfällt aufrund eines technischen Defekts. Alternative Verbindungen erfragen sie bitte am DB- Serviceschalter oder in der Deutsche-Bahn-App“

Ich glaube die oben zitierten Bahnhofsansagen, kennen wir alle mehr oder weniger gut. Man muss irgendwo hin, einen Termin einhalten oder will auch nur in den Urlaub fahren und dann so etwas. Das wäre ja alles kein Problem, wenn dies nur hin und wieder mal vorkommen würde und ich sehe auch ein, das ein technischer Defekt besser erst behoben werden sollte, bevor der Zug unter mir auseinanderbricht, aber manchmal ist für mich schon nur schwer zu begreifen. Vor allem wenn ich bedenke, dass Essen gerade einmal ungefähr 585.000 Einwohner hat (in São Paulo leben mehr als das Zwanzigfache!) und es bei uns im Nahverkehr ähnlich aussieht. Busse mit Verspätung, Straßenbahnen mit technischen Defekten, S-Bahnen die stundenlang in der Pampa stehen, weil der Gegenverkehr erst durchgelassen werden muss… Nein, also die öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland gehören zu den wenigen Dingen, die ich wirklich nicht vermisst habe!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna