Nächstenliebe

Selbst wenn Du die Favela verlässt, die Favela wird Dich nie verlassen

Brasilianisches Sprichwort

Um meine Beitragsreihe zum Thema (Vor-)Urteile abzuschließen, möchte ich heute noch auf ein letztes eurer Urteile eingehen, welches ihr mir zwar vor meiner Abreise immer wieder genannt habt, welches bei meiner Umfrage allerdings kaum genannt wurde:

Die Favelas sind gefährlich! Pass in/ an den Favelas auf! Geh nicht in die Favelas!

Habt ihr immer wieder zu mir gesagt. Suche ich auf Youtube unter den Stichworten „Dokumentation Favela“ nach entsprechenden Beiträgen, so begegegnen mir nahezu ausschließlich Titel in denen die Favela im Zusammenhang mit „Gewalt, Krieg, Mafia und Überleben“ genannt oder sogar als „gefährliches Pflaster“ bezeichnet wird und in den Videos (ich habe im Laufe der Zeit in alle mal hineingeschaut) wird auch genau diese „gefährliche“ Seite beschrieben.

Ich kann und möchte nicht bestreiten, dass es all dies in den Favelas wirklich gibt (teilweise auch in Monte Azul), aber ich möchte euch gerne auch die andere Seite der Favela einmal zeigen. Und dazu, nehme ich euch einfach mal mit.

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Die Hauptstraße der Favela Monte Azul. Mit einer Breite von etwa zwei Metern der mit Abstand breiteste Gang

Da meine Arbeitsplätze mittig in der Favela lagen, ließ sich ein täglicher Gang hindurch gar nicht vermeiden. Und so nahm mich Livia (eine Vorfreiwillige) gleich am Tag meiner Ankunft mit hinein.

Nachdem wir eine recht lange Straße unseres Wohnviertels hinuntergelaufen waren, kamen wir an ein großes, am Boden festgeschraubtes Gitter dessen Lack wohl einmal dunkelrot gewesen sein muss. Darunter schoss Wasser unter recht lautem Getöse aus einem offenen Rohr. „Merk Dir mal das Gitter hier, wenn Du irgendwann mal alleine nach Hause läufst. Wenn Du nicht über ein Gitter kommst, bist Du auf jeden Fall falsch!“ sagte Livia lachend zu mir. Und dann stiegen wir gemeinsam die Treppe hinter dem Gitter in die Favela hinunter. Links begann ein langer Gang den Livia mir als „Hauptstraße“ vorstellte (Bild oben) während rechts ein kleiner Weg in einen weiteren Teil der Favela führte:

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Wir gingen die Hauptstraße ein Stück hinunter. Die einzeln gebauten Räumlichkeiten waren so dicht und hoch „gestapelt“, dass die Sonne nicht bis auf die Straße zu uns herunter scheinen konnte, sondern sich irgendwo an der obersten Etage verfing. Im Schatten der rotbraunen Steine begann ich zu frösteln. Es roch nach Zement, etwas modrig, feucht und hin und wieder drang Mittagessensgeruch aus den einzelnen Wohnungen zu uns nach draußen. Wir gingen an zu Wäscheleinen umfunktionierten Stromkabeln, Motorrollern und Einkaufswägen (Sackkarrenersatz) vorbei bis wir schließlich im Zentrum der Favela angekommen waren.

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Im Vordergrund Spielplatz, Kindergarten, und Fussballplatz – Das Herzstück der Favela Monte Azul. Im Hintergrund ein Teil der Favela

Während ich auf diese Weise das beeindruckendste achitektonische Meisterwerk bestaunte, welches ich je gesehen habe, empfahl Livia mir mehrfach sehr eindringlich die Hauptstraße niemals zu verlassen, solange ich alleine hier herumlaufen sollte.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich dann auch warum:

Recht zu Anfang meines Freiwilligendienstes in der Musikschule wurde ich einmal gebeten eines unserer jüngeren Mädchen nocheinmal nach Hause zu begleiten, da sie ihr Instrument dort vergessen hatte. Und so ging ich also hinter dem Mädchen her. Wir Bogen in eine kleine Seitengasse, die sich um verschiedenste kleine Baracken schlängelte, bevor wir nach einer gefühlten Ewigkeit rechts abbogen. Erst eine Treppe hinunter, dann noch einen Berg hinauf und rechts und wieder runter und nochmal links und wieder rauf und… Ich alleine hätte mich in den ewig gleich aussehenden winzigen Gängen, die immer enger wurden, je tiefer wir hineingingen wohl gnadenlos verlaufen!

Aber das war nicht der einzige Grund: Auf unserem Weg begegneten wir immer wieder Bewohnern, die das Mädchen freundlich grüßten, sich nach ihrem wohlergehen erkundeten und mit einem kritischen Seitenblick auf mich auch gleich wissen wollten, wer ich denn wohl sei. Und so erklärte sie mehrfach, dass ich „die neue Freiwillige“ aus der Musikschule sei, die ihr nun das Cellospielen beibringen wird.

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Mit der Zeit begegnete ich immer mehr Menschen, die innerhalb der Favela lebten und immer mehr verstanden, dass ich nun innerhalb der Organisation mitarbeiten werde und dass ich nicht nur helfen, sondern auch von ihnen und ihren Kindern lernen möchte. Das war es wohl, was mich immer weniger zur Fremden (und damit zum „Feind“) werden ließ und mich stattdessen jeden Tag ein Stückchen mehr zu einem Teil der „Comunidade“ machte. Die Favela wird in Brasilien nämlich genau so genannt: „Gemeinschaft“. Ich hätte kein passenderes Wort finden können, denn hier scheint wirklich Jeder Jeden zu kennen, Jeder Jeden zu beschützen und nicht nur auf das eigene, sondern auch auf das Hab und Gut des Anderen achtzugeben. Auf genau diese Eigenschaft der gegenseitigen Fürsorge bezieht sich das oben einleitende Zitat. Wer dagegen von außen kommt, ist zunächst einmal fremd und unberechenbar aber sicherlich kein Teil dieses wirklich sozialen gemeinschaftlichen Lebens.

Ich dagegen begann tatsächlich das Leben der Menschen zwischen den rohen Steinmauern, dem Müll, den streunenden Hunden und der lauten Funkymusik immer besser kennenlernen zu dürfen. Die Leute begannen mich (teilweise sogar bei Namen) zu Grüßen und nach ein paar Monaten konnte ich nicht mehr durch die Favela hindurchgehen ohne das Kinder mir freudestrahlend entgegenrannten oder mir hinterher riefen.

Wie sehr ich wirklich Teil dieser Gemeinschaft geworden zu sein schien, ist mir allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang aufgefallen: Es war der allererste Donnerstagabend, an dem ich zur Orchesterprobe in die Musikschule ging. Ein neuer Dirigent, neues Vokabular, neue Noten… Als wäre das alles nicht aufregend genug wurde es immer später und immer dunkler. Und als der Himmel sein allertiefstes dunkellila (schwarz wurde er in São Paulo nie) erreicht hatte und es draußen herrlich nach Sommerregen zu riechen begann, da wurde auch die Probe für beendet erklärt und mir ein kleines Problemchen bewusst: Es war dunkel und vor mir lagen knappe zwanzig Minuten Heimweg zu Fuß mit Cello auf dem Rücken. Alleine durch die dunklen Nebenstraßen unseres nicht viel befahrenen Wohnviertels laufen… Huuuuu! Irgendwie war mir diese Vorstellung nicht ganz so geheuer.

Und so entschied ich mich also über die Hauptstraße der Favela zurückzulaufen. Hier war alles so wie immer. Die Kinder sprangen mir freudig entgegen, die Erwachsenen grüßten, von irgendwo her schallte Funkymusik und selbst der dicke braune Labrador lag schlafend am Fußende der Treppe. Wie immer.

Die Favela war in diesem Moment für mich wohl sicherer, als die Straßen unseres Viertels und ich bin mir sicher hättet ihr die Möglichkeit langsam in eine solche Gemeinschaft hineinzuwachsen, dann würde sie auch euch diesen Schutz bieten. Denn in der Favela wird niemand ausgeschlossen!

Aber warum hören wir hier eigentlich nur so einseitig aus dem Leben der Favela? Weil die Medien eben nur einseitig Berichten, da Schusswechsel und Drogen nunmal eben eine bessere Schlagzeile ergeben als „Nächstenliebe für alle“?

Naja wie auch immer: Wenn ich heute an meinen Arbeitsplatz in Brasilien denke, dann bin ich wirklich sehr dankbar dafür, die Favela und ihre Bewohner mit ALL ihren Seiten kennengelernt haben zu dürfen. Ich durfte sie nicht nur kennenlernen, ich durfte in der Favela und bei ihren Bewohnern „Schutz“ finden und sie haben mir gezeigt wie wichtig doch die Liebe im Leben ist!

Um grande abraço e até logo („fühlt euch gedrückt und bis ganz bald“)

eure Anna