brasilianisches Schubladendenken

Genauso, wie ich euch gebeten hatte mir Vorurteile über Brasilien und die Brasilianer zukommen zu lassen, habe ich auch von den Brasilianern Vorurteile über Deutsche und Deutschland erhalten. Allerdings musste ich dazu nicht erst groß nachfragen, sie begegneten mir von ganz alleine.

Ich erinnere mich an verschiedene Situationen, in denen ich meistens etwas verlegen von der Seite angeschaut wurde und die Menschen zögerlich begannen: „Du Anna, darf ich Dich mal was fragen…??“ und ich erinnere mich an andere Situationen in denen ich die Vorurteile völlig unerwartet und ein wenig unsensibel einfach an den Kopf geworfen oder wortwörtlich auf den Teller geklatscht bekam.

Irgendwie fand ist es auch total spannend, was andere Nationen so für ein Bild von uns haben und ich begann also all jene Vorurteile zu sammeln. Die ein oder andere Behauptung regte mich zum Nachdenken an, ließ mich entsetzend den Kopf schütteln, oder aber auch mal schmunzeln und an wieder anderen entdeckte ich auch kleines bisschen Wahrheit:

Platz 1: Die Deutschen stinken (sie duschen nicht)

Platz 2: In Deutschland ist es kalt

Platz 3: Die Deutschen trinken nur Bier

Platz 4: Die Deutschen sind immer sehr direkt

Platz 5: Die Deutschen haben keine Probleme

Das (in meinem Ranking) erste Vorurteil, basiert wohl zunächst einmal darauf, dass sich Brasilien und Deutschland in ganz unterschiedlichen Klimazonen befinden. Sowohl im immer feuchtwarmen Norden des Landes, als auch in den Sommermonaten im Süden des Landes fühlte ich mich ständig nass und klebrig. Teilweise war die Luft so feucht, das mir kleine Wassertöpfchen die Arme herunterliefen (und das obwohl ich nichts tuend herumsaß!). Und so verstand ich sehr schnell, warum viele Brasilianer zwei bis dreimal täglich das Bedürfnis haben zu duschen.

Das Wasser kann in vielen Orten Brasiliens (so auch in unserer WG) am Duschkopf selbst in eiskalt (Mitte), Sommer (kühl-rechts), oder Winter (heiß-links) eingestellt werden. Bei uns übrigens der einzige Ort mit heißem Wasser im ganzen Haus.

Allerdings musste ich auch schnell bemerken, dass Duschen nicht gleich Duschen ist: Bei mir läuft das Ganze ja so ab: Wasser, Shampoo, Wasser, fertig! In vielen brasilianischen Badezimmern begegneten mir dagegen aber aber zusätzlich auch Peelings, Spülungen, Haarkuren, Masken für Haare, Körper und Gesicht, Bodysprays, Body-Lotionen (auch für die Haare), Parfüms, Gesichtswasser, was weiß ich nicht was sonst noch alles für Düfte und immer wieder, diese eine Creme, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Nach dem Duschen, wird diese auf die nassen Haare aufgetragen, damit diese länger nass (und damit frisch geduscht) aussehen. In Brasilien gehört es nämlich zum guten Ton sich zu Duschen, bevor man aus dem Haus geht (unabhängig davon, wie oft man an diesem Tag schon geduscht hat) und dieses dann auch zu zeigen. Je nach Jahreszeit, gibt es in Deutschland aber auch manchmal Temperaturen, bei denen ich nicht unbedingt das Bedürfniss habe jeden Tag zu duschen. Wenn ich davon in Brasilien erzählt habe, war das für die Menschen dort oftmals nur schwer bis gar nicht vorstellbar. Vielmehr verglichen sie wie es wohl wäre, wenn in Brasilien mal einen ganzen Tag lang nicht geduscht würde und daraus wird dann also von vielen geschlussfolgert, dass die Deutschen wohl stinken müssen 🙂

Genau diese Temperaturen, bei denen ich eben nicht jeden Tag duschen muss, sind in Brasilien wirklich sehr bekannt. Und so lernte ich gerade auf Reisen viele Menschen kennen die mit „Oh Deutschland. Uuooh sooo kalt, näää das wäre nichts für mich. Aber hier so mit der Sonne und in T-Shirt und so, das gefällt Dir doch bestimmt, oder?“ Als hätte ich in meinem Leben noch nie die Sonne gesehen 😀 Und so habe ich in Brasilien glaube ich über dreißig mal erklärt, dass es in Deutschland auch einen warmen Sommer gibt. Mindestens genauso häufig war dagegen die totale Begeisterung: „Woooo, Schnee!! Alta ich hab noch nie Schnee gesehen… Das stell ich mir soooo schön vor. Ach ich muss unbedingt mal nach Kanada/ in die Schweiz/ nach Norwegen!“ Und wenn ich dann davon erzählt habe, dass ich als Kind im Schnee gespielt habe, dann leuchtete das ein oder andere Augenpaar auf und ich wurde die nächsten Minuten neugierig mit Fragen gelöchert.

Verdutzte Blicke und viele Fragen, kamen aber auch immer dann, wenn ich mal wieder erklärte, dass das scheinbar deutsche Bier „Eisenbahn“ gar nicht aus Deutschland kommt, sondern in Brasilien selbst hergestellt wird.

Auf Reisen aß ich einmal mit vielen Brasilianern zusammen in einem Restaurant zu abend. Eine Runde Bier für alle, die ich dankend ablehnte. „Aber Du bist doch Deutsche, oder?“ wurde ich irritiert gefragt. „Jaaaa… ja und?“ „Ja, alle Deutschen lieben doch Bier“ Und dann erklärte ich nicht zum ersten Mal in meiner Zeit in Brasilien, dass ich persönlich kein Bier mag und es auch noch nie mochte. „Ich kenne übrigens noch mehr Deutsche, die ebenfalls kein Bier mögen“ stellte ich richtig.

Richtig stellen. Das war beim Bier kein Problem, in anderen Situationen musste ich mich dagegen wirklich zurückhalten. In Deutschland habe ich gelernt Probleme direkt anzusprechen (denn schließlich kann nur sprechenden Menschen geholfen werden;) ), während ich in Brasilien mehrfach erlebt habe, dass lieber dreimal nett lächelnd „Ja“ gesagt wird und dann von hintenherum irgendwelche Andeutungen kommen, anstatt das direkt gesagt wird „Hey schau mal das geht so nicht, weil…“. So lief ich einmal mit dem Tio der Musikschule gemeinsam nach Hause, als dieser mich fragte, ob er mir mal was sagen dürfte. Auf meine Zustimmung hin begann er dann sie fürchterlich über einen Mitfreiwilligen aufzuregen. „Aber warum sagst Du ihm das denn nicht einfach?“ fragte ich etwas irritiert, als ich es endlich geschafft hatte den aufgeregten Redeschwall meines Tios zu unterbrechen. „Nein!! Oh mein Gott, wie unhöflich! Also das macht man nicht!“, erwiederte er entrüstet. Und dann versuchte ich mich also ganz vorsichtig an eine Antwort heranzutasten, wie er die Situation wohl ändern möchte, ohne zu sagen was ihn stört und versuchte auch zu erklären, dass diese Andeutungen für uns Freiwillige eher unverständlich sind, weil wir es halt so nicht gewohnt sind. Damit traf ich allerdings nur auf einen Hymalaya von Unverständnis bis ich schließlich an den Kopf geklatscht bekam, die Deutschen seinen ja so rücksichtslos und unsensibel.

Immer wenn ich damit konfrontiert wurde, dass „die Deutschen ja keine Probleme haben“, machte mich das irgendwie sehr betroffen. Für viele Brasilianer schien Europa das Regenbogen-Einhornland der Extraklasse zu sein. Die glitzernde Seifenblase hinter dem großen, weiten Meer. Und je mehr Zeit ich in Brasilien verbrachte, desto besser verstand ich woher diese Annahme kommt:

Nehmen wir doch mal die aktuelle Situation: In unseren Wohnungen fällt und die Decke auf den Kopf, wir können nicht mehr zum Friseur oder unseren Nachmittagskuchen zusammen im Caffee an der Ecke essen und unsere größte Angst ist, dass es bald kein Klopapier mehr zu kaufen geben wird, weshalb angefangen wird dies zu hamstern. Dabei sollten wir alle SO VERDAMMT glücklich sein. Glücklich, dass wir eine Decke HABEN die uns auf den Kopf fallen kann, glücklich darüber, dass wir IM HOMEOFFICE arbeiten können und das wir uns eben keine Sorgen darüber machen müssen, woher wir unsere nächste Mahlzeit bekommen. Denn die können wir nach wie vor im Supermarkt kaufen.

Ich habe in Brasilien Menschen kennengelernt, die nicht vom Homeoffice aus die Wohnzimmer der Reichen putzen können, die nicht vom Homeoffice aus Kellnern können und die es nicht schaffen vom Homeoffice aus Taxi zu fahren. Und all diese Menschen sind jetzt arbeitslos. Einfach gekündigt ohne irgendwelche Sozialhilfen vom Staat beanspruchen zu können. Und ich habe Kinder kennengelernt, die ihre einzige(n) Mahlzeit(en) am Tag bei uns in der Organisation bekommen haben. Nun hat Monte Azul für unbestimmte Zeit geschlossen…

Ich weiß natürlich, das es auch hier in Deutschland sehr wohl Probleme gibt und dass es längst nicht allen Menschen so gut geht wie mir. Genau dass habe ich in Brasilien immer wieder an Beispielen versucht zu erklären. Aber ich verstehe auch die Annahme wir hätten hier keine Probleme, wenn ich an die Kinder denke die ich so lieb gewonnen habe und von denen ich weiß dass sie gerade wirklich HUNGER haben.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna