deutsches Schubladendenken

Was ist das Erste woran Du denkst, wenn Du „Brasilien“ oder „die Brasilianer“ hörst?

Diese Frage habe ich in der letzten Zeit den verschiedensten Personen gestellt. Freunde, Familie aber auch entfernte Bekannte und viele Personen von denen ich weiß, dass sie hier mitlesen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren… Und von euch allen habe ich so viele Antworten bekommen. Dafür möchte ich mich erst einmal bei euch bedanken! Es hat mir so viel Spaß gemacht, von euren Ideen und Gedanken zu lesen und zu hören, es hat mich zum Nachdenken gebracht und auch das ein oder andere Mal schmunzeln lassen 🙂

Nachdem ich all eure Antworten zusammengetragen hatte, begann ich zu sortieren und heraus kam dieses Vorurteilsranking, dessen erste Plätze ich euch hier einmal präsentiere:

Platz 1 : Die Brasilianer singen und tanzen viel

Platz 2 : In Brasilien ist es warm

Platz 3 : In Brasilien gibt es viel Armut (in Verbindung mit „Armut“ begegneten mir am häufigsten die Begriffe Kinderarbeit, Hungersnöte und Faulheit)

Platz 4: Karnevall

Platz 5 : Traumstrände

Musik ist mir in Brasilien viel begegnet. Laute Funkymusik schallte mir aus einigen umliegenden Häusern entgegen, wenn ich nach der Arbeit nach Hause lief, am Wochenende schallte die Musik der nächsten Bar bis zu uns nach Hause, im Sesc (einer Art öffentlichem Kulturzentrum) gab es einmal wöchentlich kostenlose Konzerte und selbst in unserer Multikulti-WG machte fast immer irgendjemand Musik (wie das halt so ist, wenn eine Sängerin, drei Gitarristen, ein Saxophonspieler und ich mit meinem Cello unter einem Dach wohnen).

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist

Viktor Hugo

Und ich glaube genau deshalb ist Musik in unserer heutigen Welt sehr wichtig geworden. Wenn ich so richtig traurig bin, dann weiß ich welche deutsche Popmusik genau die Worte hat, die ich nicht habe und ich weiß auch welche Musik mich trösten würde. Ich könnte aber auch Papas Deephouse Musik hören und mir mit Hilfe von diesem „Gebumse“ alle Gedanken aus dem Kopf fegen lassen. Was wäre schon ein Heiligabend ohne „Oh Du Fröhliche!“, ein Geburtstag ohne „Happy Birthday“, Frühling ohne Vogelgezwitscher, ein Seminarabend ohne „Oh! Chuva“ oder ein Morgenkreis in der Creche ohne „Bom dia começer com alegria“? Manchmal, da ist es eben einfach schön, wenn gute Stimmung von noch besserer Musik untermalt wird, oder nicht? Musik transportiert aber auch meine Erinnerungen. Jedes Lied meiner brasilianischen Playlist (zum Beispiel), habe ich in einer anderen Situation gehört und von einer anderen Person den Namen des Liedes erfahren. Manche dieser Lieder sind auch die Lieblingslieder von Menschen, die ich nun liebgewonnen habe.

Ich könnte mir vorstellen, das es vielen Brasilianern ähnlich geht wie mir. Aber ich bin mir sicher, das auch IHR bestimmte Momente mit bestimmten Klängen und bestimmte Personen mit bestimmten Liedern verbindet, oder?

Mit bestimmten Situationen, verbinde ich aber nicht nur bestimmte Musik, sondern auch bestimmte Temperaturen. Mit Erinnerungen an den letzten Weihnachtsmarktbesuch zum Beispiel: Da frieren mir schon die Füße ab, wenn ich nur daran denke und nur beim Gedanken an meinen Besuch an der Copacabana, fange ich auch schon wieder an zu schwitzen.

Allerdings nur, weil ich im Sommer dort war!

Ungefähr auf der Höhe Brasílias verläuft die Grenze von subtropischer und tropischer Klimazone

Brasilien liegt auf der Südhalbkugel der Erde, wodurch dort Sommer ist wenn wir gerade Winter haben. Das bedeutet aber nicht, dass der Winter einfach so ausfällt; nein, Winter ist in Brasilien dann, wenn wir Sommer haben. Der südlichere Teil Brasiliens liegt in der suptropischen Klimazone. Hier gibt es für den Menschen eindeutig spürbare Sommer und Winter. Zwar fällt nur am allersüdlichsten Punkt Brasiliens hin und wieder Schnee, aber ich erinnere mich noch gut, wie ich mich die Wochen kurz nach meiner Ankunft abends mit dickem Strickpulli und zwei paar Socken, tief in den Schlafsack gekuschelt habe um dann meine Wärmflasche umarmend, einzuschlafen.

Nun liegt Brasiliens Norden in der tropischen Klimazone. Hier herrscht ein Tageszeiten-Klima. Das heißt die Temperaturen schwanken nicht innerhalb des Jahresverlaufs, sondern innerhalb des Tages und somit ist es nachts kälter als tagsüber. Sommer und Winter unterscheiden sich hier aber noch durch etwas anderes: Während im Winter Trockenzeit ist, beginnt mit dem Sommer auch die Regenzeit.

Und die Regengüsse São Paulos sind so stark, dass sie es selten sogar mal schaffen ganze Wände der Favelawohnbauten zum Einsturz zu bringen. Das ist dann wirklich eine Katastrophe, denn weder die wenigen Habseligkeiten noch die Menschen, die sich in diesen Bauten befinden sind dann noch vor der Witterung geschützt und oftmals fehlt das Geld um die Mauer „mal eben“ wieder aufzubauen.

40% (17.3 Millionen) aller Kinder in Brasilien leben in Armut. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 20% ( 2.26 Millionen).

Spannend fand ich, dass ihr mehrfach den Begriff „Faulheit“ im Zusammenhang mit der Armut genannt habt. Deshalb würde ich euch gerne von Davi und Junior erzählen:

Davi ist gerade drei Jahre alt geworden und lebt mit seinen Eltern gemeinsam in einem winzigen Räumchen in der Favela. Jeden Morgen um fünf nach sieben bringt ihn seine Mutter zu uns in die Creche, bevor sie in die Innenstadt fährt um dort zu arbeiten. Dienstleistungen für die Reichen. Sie arbeitet so lange, dass sie es nicht schafft Davi wieder abzuholen. Denn die Creche macht „schon“ um 17:00 Uhr zu. Deshalb kommt gegen 17:10 dann in der Regel Davis Papa ganz abgehetzt in die Creche gerannt und entschuldigt sich tausendmal dafür, dass er erst jetzt kommt. Er arbeitet nicht weit der Favela in einer Werkstatt, kann aber nie eher Feierabend machen als Punkt fünf Uhr.

Junior dagegen ist schon erwachsen, vielleicht Mitte zwanzig. Er lebt in einem kleinen Raum mit eigenem Herd und Fernseher, teilt sich Bad und Waschmaschiene aber mit vielen anderen Hausbewohnern. Junior ist eigentlich fast nie Zuhause. Dienstags bis sonntags kellnert er in einem Restaurant. Von vormittags bis nachts. Sechs Tage die Woche, fast 60 Stunden.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn man durch das nahegelegene Stadtviertel „Paraíso“ („Paradies“) geht. Die niedlichen Straßenlaternen beleuchten die netten Brückchen, die als Fußgängerüberweg über große Straßen führen und in den Hoteleingängen, deren Marmorfußböden nur so glänzen, liegen schwere Teppiche. Als ich zum ersten Mal durch diese wirklich hübsch beleuchtete Abendszenerie schlenderte, kam ich mir vor wie in einem Film.

„Wie in einem Film“, oder besser gesagt, „wie in einer Dokumentation“ kam ich mir manchmal auch zur Karnevallszeit vor. Bunte Straßenzüge sogenannte „blocos“, die schon Wochen vor dem eigentlichen Karnevallswochenende und auch noch am Samstag NACH Aschermittwoch gefeiert wurden. Vor-Karnevallsfeiern, Karnevallsfeiern, Nach-Karnevallsfeiern… und unser Koordinator trug auf jedem einzelnen Umzug ein anderes Kostüm! Mich, die ich das ganze Karnevallszenario eher vermied, beschäftigte allerdings weniger der Gedanke nach meinem Kostüm, sondern viel eher die Frage, warum hier wohl überhaupt Karnevall gefeiert wird? Für mich ergab das erstmal gar keinen Sinn. In Deutschland sollen durch Karnevall die Wintergeister vertrieben werden (hatte mir zumindest meine Mama mal erklärt, als ich noch klein war), aber hier? Hier war doch schon Hochsommer und der Herbst ließ auch noch einige Zeit auf sich warten. Und so begann ich also nachzufragen. Die ersten fünf Antworten lagen leider alle irgendwo zwischen „Ääääh… sorry weiß‘ nicht“ und „Ich glaub irgendwas mit Religion…“, bis mir Telma schließlich erklärte, Karnevall sei wohl das letzte ausgelassene Fest vor der großen Fastenzeit.

Wie ich jetzt von Fastenzeit zu Traumstränden überleiten soll, weiß ich eherlich gesagt nicht. Deshalb gibt es hier für euch statt einer halbwegs geschickten Überleitung einfach direkt die Bilder. Manchmal sagt ein Bild ja schließlich mehr, als Worte 😉

Fortaleza
Salvador
Jericoacoara
Im Paradies
Ilhabela

Die Strände, die ich in Brasilien sehen durfte fand ich wirklich sehr schön. Mein Traumgewässer dagegen, wird wohl vorerst dieses hier bleiben:

Denn ich finde der Amazonas ist voller Magie, voller kleiner (Lebens-)Wunder und für mich eine unfassbar große Faszination!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna