Eine Stadt voller Sterne

Das Stadtviertel Jardim São Luis in dem ich in Brasilien ein Zuhause finden durfte, hat bei mir vor allem auch durch seine unfassbar steilen Staßen einen Platz in meinem Gedächtnis bekommen. So begann schon mein allmorgendlicher Weg zur Arbeit um 7:45 Uhr mit einer 45° Steigung (keine Übertreibung!) bergauf, bevor es mit fast ebenso steilem Gefälle hinter der Kreuzung wieder hinunter ging. Und das bei oftmals 30°C und mehr. In der Musikschule angekommen habe ich an vielen Morgenden an mir herunter geschaut und mich ernsthaft gefragt, wofür genau ich eigentlich nochmal geduscht hatte…? Wenn ich mich dann spät am Nachmittag müde wieder auf den Nachhauseweg machte musste ich also dass, was ich am Morgen leichtfüßig heruntergeschlittert war, wieder hinaufkrachseln und das was ich am Morgen mühevoll erklommen hatte (auch diese Wortwahl ist nicht übertrieben!) konnte ich nun lustig herunterhüpfen.

In all den Wochen und gerade im Sommer, oder wenn ich mal wieder mein Cello dabei hatte, gehörten die Straßen deshalb eher nicht zu dem, von dem ich mir vorstellen konnte es irgendwann einmal zu vermissen.

Als dann aber die Tage des Abschieds gekommen waren, begann ich nicht nur die Tage sehr intensiv zu leben, sondern auch (oder vielleicht gerade dadurch?) mein Umfeld nocheinmal ganz anders wahrzunehmen. Und so fielen mir zum ersten Mal nach über einem halben Jahr die wunderschönen Ausblicke auf, die man von unserem Viertel aus an fast jeder Häuserecke sehen konnte.

Und dann gab es da noch diesen letzten Donnerstagabend, an dem ich müde und ziemlich „abgekämpft“ mein Cello nach der Orchesterprobe die Straße hochschleppte (wie immer) und kaum oben angekommen erst einmal eine kleine Pause machen musste um Luft zu holen (auch wie immer). Zufällig fiel mein Blick an diesem Abend nach rechts, wo eine Querstraße steil hinunterführte und am Horizont…

Nossa ist DAS schön!

Der Anblick der sich mir hier bot hätte mir wahrscheinlich den Atem geraubt, wäre ich nicht ohnehin schon so „aus der Puste“ gewesen. Ich nahm mein Cello und lief die Straße ein Stück hinunter. Vor mir ragten die Wolkenkratzer der Innenstadt wie riesige Säulen empor. Tiefschwarz hoben sie sich vom dunkellila des Nachthimmels ab, während tausende von weißen und gelben Lichtern Millionen von Fenstern erhellten. Ein Hochhaus größer als das Andere, ein Fenster heller als das Licht des Nächsten. Ich ging noch einen Schritt auf die vor mir aufragende Lichterwand zu. Es fühlte sich an, als würde ich von der Lichterfront verschlungen werden. So ungefähr muss es sich anfühlen wenn „der kleine Prinz“ von Planet zu Planet durch die Sterne fliegt. Da war nichts mehr. Keine Müdigkeit, kein Alltagsstress, nur ich und die Lichter der Stadt. Die Metro (eine Art S-Bahn) bahnte sich ihren Weg durch die Wolkenkratzer hindurch und auch sie war beleuchtet. Dieses riesengroße äußere Leuchten vor mir, übertrug sich auch auf mich. Natürlich fing ich jetzt nicht auch an zu leuchten ;), aber ich wurde ganz ruhig und unfassbar glücklich.

Erinnert ihr euch noch an den Blogbeitrag „eine Stadt ohne Sterne“, in dem ich euch beschrieben habe, dass der Nachthimmel São Paulos auch bei wolkenlosem Himmel nicht von Sternen übersäht ist? Erst jetzt begann ich zu verstehen. São Paulo IST von unzähligen, atemberaubend schönen Sternen übersäht. Sie sehen einfach nur etwas anders aus, als ich es erwartet hatte…

Das Foto zeigt die Häuser leider nicht einmal annähernd in der Größe und Schönheit, in der sie wirklich vor mir lagen…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

P.S.: Um euch noch mehr mitzunehmen und euch noch mehr das Gefühl zu geben ihr wärt wirklich dabei, habe ich in Brasilien immer alles im Präsens verfasst. Nun, wo ich auf all diese wunderschönen Erlebnisse zurückblicken kann, entspricht es glaube ich eher der Wahrheit wenn wir uns gemeinsam erinnern. Im Präteritum. Oder? Was hat euch besser gefallen?