Flugstunden

„Wenn wir den Kindern Flügel schenken dürfen wir nicht traurig sein, wenn irgendwann ein Tag kommt, an dem sie diese auch benutzen wollen“

Dani

Das Gespräch, welches sich gestern Abend zufällig mit der Erzieherin (Tia Dani) ergab, die seit Beginn des Jahres nicht mehr mit mir zusammen im Kindergarten arbeitet, hat mich wirklich beeindruckt, mich noch im Nachhinein sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht:

Dani: “ N’abend Anna, alles gut bei Dir?“

Ich: „Hey Dani, ja na klar und bei Dir?“

Dani: „Auch. So erzähl mal was machen die Kinder?“

Ich: „Weißt Du jeden Tag komme in diese Gruppe und denke mir „meine Güte sind die alle groß geworden“ . Alice kann jetzt die Farben, Geovanna braucht keine Windel mehr und die Kinder spielen auch viel mehr zusammen. Außerdem quatschen sie mir und Daya wirklich ALLES nach und das absolute Lieblingswort der Kinder ist „NEIN!“. „Möchtest Du auch Milch trinken?“ „NEIN!“ Und wenn wir ihnen dann keine Milch geben schreien sie, weil sie Keine kriegen, obwohl sie ja selbst nein gesagt haben…

Dani: *lacht* “ Ja, die müssen noch lernen was NEIN wirklich alles bedeutet. „

*seufzt* „Und ja sie werden so schnell groß. Schau mal meine (Ihre Tochter tollt im Hintergrund mit anderen Kindern herum), die geht jetzt schon zur Schule. Aber ich merke das auch bei meinen neuen Kitakids, wie schnell die Zeit vergeht.“

Ich: „Ja das ist wirklich war und in zwei Jahren, kommen die kleinen Mäuse ja dann auch schon in die Vorschule und wenn ich vielleicht in fünf oder zehn Jahren nochmal wiederkomme, dann sie sie alle schon 7 oder 14 und haben ihren ganz eigenen Kopf und ich erkenne sie dann nicht mehr wieder…“

Dani: „Ja, weißt Du aber so ist das halt. Die Kinder werden größer und irgendwann brauchen sie einen nicht mehr. Schau, Du musst Dir das Vorstellen wie ein kleines Vögelchen ohne Flügel. Wir können ihnen im Kindergarten ganz viel Kraft schenken und sie wortwörtlich füttern damit ihnen große, starke Flügel wachsen. Und mit jeder neu erlernten Sache, kommen ein paar kräftige Federn hinzu. Du hast all den Kindern hier übrigens auch schon welche geschenkt. Und irgendwann, da sind die Flügel groß und stark genug. Nur leider können weder wir Erzieherinnen noch Du und auch die Lehrerinnen den Kindern nicht das Fliegen beibringen. Wenn sie wollen müssen die Kinder dass selbst lernen. Und sie wollen irgendwann. Alle! Sie wissen von selbst, wann ihre Flügel stark genug sind um sie zu tragen. Weißt Du, wenn wir den Kindern Flügel schenken dürfen wir nicht traurig sein, wenn irgendwann ein Tag kommt, an dem sie diese auch benutzen wollen.“

Das musste ich erst einmal auf mich wirken lassen. Vögel, Flügel, Federn, Flugstunden… Kinder, Entwicklung und Fortschritt bis in die Selbstständigkeit…

Und dann musste ich ein bisschen schmunzeln, denn dieses Sinnbild, erinnerte mich nicht nur an die Kinder in der Creche. Es erinnerte mich auch an mich selbst und an die Menschen, die mir beim Flügelbau geholfen hatten: An meine Eltern und meine Schwester, an meine Familie, an Sina und Ulli, an meine Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen, an Dörte und Annette…

Und je länger ich nachdachte, desto mehr Menschen fielen mir ein, die irgendwie einen Teil zu meinen Flügeln beigetragen hatten. Dafür möchte ich euch alle erst einmal von Herzen Danke sagen!

Naja und dann kam der Tag, als ich mich zum ersten Mal neugierig kopfüber aus dem Nest stürzte und meinen ersten Flugversuch machte. Ich setzte mich ganz alleine in ein Flugzeug das mich 9850 Kilometer von all dem Vertrauten entfernt, in Brasilien absetzte. Und der erste Tag hier, war wohl der Moment in dem ich bei meinem ersten Flugversuch mit Vollkaracho, kläglich auf dem Boden aufschlug. AUA! Fliegen, das will gelernt sein… Wenn ich an die ersten zwei Wochen hier zurückdenke, dann waren das wohl die Tage in denen ich als neugieriges Vögelchen bei meinen übermütigen Flugversuchen mehrmals täglich vom Himmel viel und mir nicht nur den Kopf stieß, sondern auch das Herz und die Seele ordentlich zerriss.

Da ich mein Nest allerdings aus den Augen verloren hatte, blieb mir nichts anderes übrig als immer weiter zu üben. In der Hoffnung es irgendwann zu schaffen und somit der Gefahr zu entgehen am Boden das Opfer einer hungrigen Katze in Form unserer Welt oder unserer Gesellschaft zu werden, gab ich also nie auf. Ich durfte nicht. Aber ich hatte es ja auch so gewollt und es erschien mir immer noch genauso reizvoll wie vor der ersten Bruchlandung. Ich glaube mit jedem Sturz habe ich ein bisschen besser fliegen gelernt und inzwischen schaffe ich es sogar auch mal über längere Zeit oben zu bleiben, bevor mich meine Kondition wieder verlässt und ich auf den nächsten Aufwind in Form von aufmunternden Worten, einer Umarmung oder auch einfach mal einem Stück Schokolade angewiesen bin. Ich bin mal gespannt, wann ich wohl das erste Looping fliegen kann?

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna