Seifenblasenwelten

Wie durch einen Zauber erscheinen sie Eine nach der Anderen aus dem Plastikring. Lautlos schweben sie dem Himmel Brasílias entgegen. In den buntesten Farben schillernd im Sonnenlicht werden sie vom sommerlich warmen Wind in die Ferne getrieben, bis sie schließlich außerhalb der Sichtweite in der großen weiten Welt verschwinden. Seifenblasen.

„Nochmal, oh bitte nochmal“ rufen die beiden kleinen Geschwister ihrer Mutter zu. Und wieder steigen hunderte der schillernden Bläschen von der Blumenwiese vor der Kirche zum Himmel auf. Kinderlachen. „Hab Dich!“ klatscht der kleine Junge in die Hände und ist gleich darauf über und über mit Seifenspritzern bedeckt. Vor Freude quietschend versucht auch die Schwester von den Schultern ihres Vaters aus, die klebrig zerbrechlichen Glitzerdinger einzufangen. Und als ihr dies schließlich gelingt, da leuchten die kleinen Kinderaugen als würde sie die ganze große Welt in ihren Händchen halten… …aber vielleicht tut sie ja grade genau das. Die Welt als ein merkwürdiges Dings, das es zu erforschen gilt. Ein Dings, das an allen Enden glänzt und schillert und was alles so perfekt erscheinen lässt. Dessen Zerbrechlichkeit auf den ersten Blick aber gar nicht zu sehen ist…

Lieber Luiz,

ich hätte Dir so sehr gewünscht, dass Du vor sechs oder sieben Jahren einmal die oben beschriebene Seite von Seifenblasen kennengelernt hättest. Aber anscheinend hast Du genau das nicht, und es tut mir unendlich leid! Stattdessen sind (unter anderem) Seifenblasen heute das, was Dir Geld bringt, wenn Du mit Deinen Taschen und Tüten durch die Straßen läufst und Süßigkeiten und Spielzeug erfolgreich an die Passanten verkaufst. Für Deine gerade einmal elf Jahre machst Du das schon richtig professionell. Zu professinell…

Als ich Dich abends so gegen kurz nach halb elf zufällig an der Metrostation dabei gesehen habe, hast Du mich gar nicht bemerkt, so vertieft warst Du in Deine Geschäfte. Aber am nächsten Tag in der Musikschule, da zeigtest Du mir freudestrahlend einen 50 R$ Schein und auf meine (total unüberlegte!) Frage, wo Du das denn her hättest, antwortetest Du voller Stolz: „Das ist MEIN Geld!“ Mit einem Blick auf Deine wirklich immer fünf Nummern zu großen T-Shirts und deine hinten abgeschnittenen Flip-Flops (damit sie vorne passen) frage ich mich wieviel davon wirklich „DEIN Geld“ ist. Ob Du davon wohl überhaupt irgendetwas behalten darfst? Ich werde es wohl nie erfahren. Erstaunlich geschickt weichst Du solchen Fragen aus und findest auf alles eine verwaschene Antwort. Außerdem scheinst Du sehr viel Zeit mit dem Verkauf von Kleinigkeiten zu verbringen, denn die Tage, die Du in der Musikschule verbringst kann ich fast an meinen Händen abzählen. Und wenn ich auf die Frage wie denn der gestrige Nachmittag war nur ein „foi bom“ („war gut“) zu hören bekomme, dann weiß ich womit Du anstatt in die Schule zu gehen beschäftigt warst. Ansonsten erzählst Du nämlich mehr. Wenn es um Fussball geht zum Beispiel. Dann hast Du tatsächlich die Ausdauer mir jeden Pass des Abends einzeln zu beschreiben und führst mir mit einem Lächeln im Gesicht Deine neusten Tricks mit dem Ball vor.

Außerdem magst Du es, andere zu erschrecken. Ich weiß nicht wie oft ich schon mit Herzrasen zusammengezuckt bin, wenn Du plötzlich von Hinten angesprungen kamst, um dann mit einem verschmitzten Grinsen „Oi tia, tudo bem?“ oder einem „caaalmo tia!“ meine Schockstarre zu genießen.

Und dann gibt es da noch etwas, was Dich anscheinend nicht nur überglücklich werden lässt, sondern wofür Du wirklich brennst. So kannst Du es immer gar nicht erwarten, bis Du endlich an der Reihe bist und ich die Tür zum Celloraum aufgeschlossen habe. Voller Ehrfurcht nimmst Du dann ganz vorsichtig dein Cello von der Wand, setzt Dich hin und dann…

Dann muss ich wirklich schnell sein und anfangen zu reden, bevor Du mit Spielen beginnst. Wenn Du nämlich einmal anfängst, ist es wirklich schwierig Deine Saiten wieder zum Schweigen zu bringen. Auch die Stunden können Dir nie lang genug sein und Dir fallen immer noch so viele Lieder ein, die wir ja „heute noch gar nicht gespielt haben“. Und oftmals überredet mich das ehrliche Leuchten Deiner Augen dann doch „noch wenigestens ein Lied“ mehr zu spielen. Und wenn ich Dich so glücklich mit dem Bogen herumwedeln sehe, dann glaube ich, dass Deine Seifenblase im Leben vier Saiten, einen Steg und einen Stachel besitzt.

Schau mal, das Bild habe ich unbemerkt von Dir gemacht, als wir alle zusammen zwei Tage bei „Humana Terra“ verbracht haben

Ich denk an Dich.

Vielleicht sehen wir uns ja morgen früh? Ich würde mich freuen!

Deine Anna