Grenzenlos (ein Abschlussfazit)

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass wir uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten müssen, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich:

DAS IST DAS LEBEN !

Charlie Chaplin

Das Leben als ein großes Meer. Manchmal da erscheint alles so klar, dass wir bis auf den Grund gucken können. Manchmal ist es von der Sonne ganz warm und ganz ruhig. Türkis. Und an anderen Tagen ist es undurchsichtig und grau, die Wellen schäumen auf und werden von Sturmböen hin und her gepeitscht. Manchmal tobt ein Gewitter über dem Meer und es schlagen Blitzlichter an der Wasseroberfläche ein. Und manchmal, da versinkt das Ende eines Regenbogens in den blauen Untiefen der Wassermassen.

Aber was befindet sich eigentlich hinter diesem Meer? Oder weniger als Metapher ausgedrückt, was steht hinter dem Leben, was ist das Leben und vor allem, was ist MEIN Leben?

Noch heute gibt es vieles was ich nicht weiß. Unzählige kleine Geheimnisse über das Leben, deren Antworten auf der ganzen Welt verteilt sind. Einige dieser kleinen Geheimnisse, konnte ich in Brasilien bereits für mich lüften:

Da wären zunächst einmal die kleinen Grenzenlosigkeiten der großen Welt und des Lebens. Grenzen sind wohl zumeist etwas menschengemachtes, mal notwendig, mal bedrohlich aber oft auch unnötig. Denn es gibt so viele Dinge, die mir endlos erscheinen. Die Freiheit auf Reisen zum Beispiel, die Fantasie der Kinder in der Creche, das unendliche Lebensparadies. Und wenn ich grenzenlos denke, kann ich wohl auch die verrücktesten Ideen Wirklichkeit werden lassen. Ich kann im Regenwald einen Aligator fangen, mich vom Orchester bei einem Solo begleiten lassen, auf Reisen ein Zuhause finden und am Strand bei Lagerfeuer das Funkeln von Millionen von Sternen genießen. Nahezu nichts ist wirklich unmöglich und wenn ich genug Willenskraft und Durchhaltevermögen aufbringe, kann ich wohl alles schaffen. Ganz egal wohin!

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Im Vordergrund liegt Brasilien (Foz do Iguçu), der Landstreifen rechts ist das Nachbarland Paraguay und links im Bild auf der anderen Flussseite liegt Argentinien.

Das für jeden Weg zum Ziel eine Vielzahl an Möglichkeiten besteht, durfte ich auch von Miguel lernen. Dass nach dem ersten Versuch nicht gleich aufgegeben werden darf und dass der einfachste Weg nicht immer unbedingt funktioniert. Und dass trotzdem irgendwie schon alles erreicht werden kann. Egal ob es das eigene Fußende (siehe Blogbeitrag: Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte) oder eine ganz neue Art der Verständigung ist, Miguel hat für alles eine Idee. Damit wirkt oftmals alles genauso leicht, so unbeschwert und so einfach wie man sich das Leben eines Zweijährigen eben vorstellt.

In was für einer Welt würden wir wohl leben, wenn wir alle die Welt mit den selben Augen sehen würden, wie die Kinder aus der Creche? Wir würden in einer Welt leben, in der niemand nach Religion, politischen Sympathien, Zertifikaten oder sozialer Schicht gefragt wird. Eine Welt ohne Wettbewerb und Leistungsgesellschaft in der die einzige Frage ist, ob Du mitspielen möchtest oder nicht. Eine Welt, in der wir nur das hier und jetzt erleben und wesentlich weniger Stress haben, durch das was morgen kommen könnte und gestern gewesen ist. Es wäre wohl eine wortwörtlich grenzenlose Welt der Liebe voll von Herzlichkeit deren einziger Streit sich hin und wieder um ein kleines rotes Holzauto drehen würde, welches es glücklicherweise zweimal im Raum gäbe. Die Welt wäre ein einziges Abenteuer und würde jeden Tag erneut erkundet werden wollen. Und jeden Tag würden wir dabei etwas finden, das uns unendlich fasziniert, was uns ein kleines bisschen mehr über den großen Geheimnisse der Welt erzählen würde und vorallem würden wir immer wieder neuen Herausforderungen mit Neugier und voller Tatendrang gegenüber stehen.

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Heute glaube ich, dass genau diese Herausforderungen, die vielen kleineren und größeren Stolpersteine in meinem Leben, die ich mir oftmals eigentlich wegwünsche ein großes Geschenk sind. Ohne sie müsste ich mich nie anstrengen, nicht über mich selbst hinauswachsen, nicht improvisieren und ich wüsste vielleicht gar nicht was ich alles schaffen kann. Stattdessen würde ich wohl winzig klein bleiben und würde wohl nie erfahren welch grenzenloses Glück hinter dem Meer (im Leben) auf mich wartet.

Dieses Glück wurde durch die Hilfe von unzähligen anderen Menschen für mich noch viel größer. Und so habe ich zum Beispiel Lucas, Luis und Bia, João und Diego kennenlernen dürfen, die mir mein eigenes Glück sehr eindringlich vor Augen geführt haben, die mir gezeigt haben das nichts auf dieser Welt selbstverständlich ist und wie wertvoll es ist hier auf der Erde Mensch sein zu dürfen. Ich habe Pedro, Renato und Thiago, Wendel, Dani und Igor kennengelernt die für jedes Problem eine Lösung hatten, die mir gezeigt haben, was mich wirklich glücklich macht, was ich brauche damit es mir gut geht und wer und was mir im Leben wirklich wichtig ist.

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Ich könnte ewig so weitermachen und Namen über Namen aufzählen. Jeder Einzelne hat mit der Zeit ein Stück meines Herzens erobert und sie alle sind auch heute noch dort. An manchen Tagen glaube ich, ich habe sie in meinen Erinnerungen mit nach Deutschland bringen können und an anderen fühlt es sich so an, als hätte ich ein Stück meines Herzens bei ihnen gelassen.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen das letzte Mal in Brasilien gewesen zu sein, denn meine Reise hinter die Geheimnisse des Lebens ist wohl noch lange nicht beendet und selbst zurück in der Heimat konnte ich bereits der ein oder anderen Heimlichkeit auf die Schliche kommen. Und so weiß ich heute noch nicht wohin mich diese Suche noch überall führen wird. In welche Länder, hinter welche Berge und Ozeane. Und ich weiß auch noch nicht, ob und wenn ja wann ich euch hier von meinen neusten Reisen ins Leben berichten werde.

Aber ich möchte mich von ganzen Herzen bei euch allen bedanken! Denn ohne euch hätte ich diesen Blog wohl gar nicht erst schreiben brauchen. Was sind schon Worte, die nicht gelesen werden? Danke für eure Fragen, eure Ideen, eure (Rechtschreib-) Korrekturen und eure Neugier!
Até logo (bis ganz bald), und falls ihr doch noch Fragen oder Anregungen habt:

wenn ihr mich sucht, bin ich irgendwo, hinter dem Meer…

eure Anna

Ameisennester

Menschenmassen stolpern auf mich zu und drängeln mich zur Seite. Ich kriege einen grünen Rucksack an die Schulter, jemand tritt mir auf den Fuß unzählige fremde Körper und Taschen streifen mich. Es kommt mir vor als wäre ich die Einzige, die gegen den Strom der hunderten von Personen anlaufen muss. Es ist so furchtbar warm, dass ich mich nach den zehn Minuten Fußweg hierher schon wieder nass und klebrig fühle. Eine Mama zieht ihr Kind an der Hand hinter sich her, immer darauf bedacht die Hand auf gar keinen Fall loszulassen, ich kriege einen Ellenbogen in den Rücken und versuche ein bisschen nach vorne auszuweichen, wo ich allerdings gleich den nächsten Personen im Weg stehe, während neben mir ein junger Herr seelenruhig Kaffee aus einem Plastikbecher trinkt. Es geht zu wie im Ameisennest. Langsam ebnen sich die Menschenmassen und einige Meter vor mir wird eben jene Schiebetür sichtbar, die sich vor wenigen Sekunden mit lautem Piepen geöffnet und damit auch für dieses Chaos gesorgt hatte.

Nun strömen die Menschen hinein und als ich bis zur Tür vorgedrungen bin, da schaffe ich es so grade eben noch mich hinter die Tür zu zwängen, bevor diese sich mit lautem Piepen wieder schließt und die Metro anfährt. Rings um mich herum stehen Personen so eng, dass ich mich nirgendwo festzuhalten brauche. Ich bin zwischen den Leuten so sehr eingeklemmt, dass ich keins meiner Körperteile auch nur ansatzweise bewegen kann, geschweige denn, dass ich beim nächsten Rucken der Metro auch nur die Chance hätte einen Ausfallschritt zu machen. Ich stecke also wortwörtlich fest. Die Klimaanlage pustet eiskalte Luft über uns hinweg und ich bekomme trotz 30°C Außentemperatur eine Gänsehaut. Wieder eine Haltestelle, das Gerangel und Gedrängel geht von Vorne los…

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Das oben beschriebene Gedrängel ist wohl an allen Haltestellen gleich. Ich habe es allerdings nirgendwo so oft erlebt wie bei „Geovanni Gronchi“ an meinem Zuhause. Na, wer findet es?

In São Paulo (und vielen anderen Großstädten Brasiliens) konnte ich mich am besten mit der Metro fortbewegen. Diese fährt von sechs Uhr am Morgen bis zwei Uhr in die Nacht alle zwei Minuten. Ein Ticket, mit dem ich nicht nur so weit fahren kann wie ich will, sondern auch so oft umsteigen darf wie ich es eben brauche kostet je nach Stadt vier bis fünf Reais. In São Paulo 4,30 R$ (ca. 80 Cent), wer Obdachlosigkeit nachweisen kann fährt kostenlos. Nie habe ich erlebt, dass eine Metro ausviel, einfach nicht kam oder ein „technischer Defekt“ vorlag.

„Der IC 2216 nach Westerland über Hamburg HBF, heute ca. 157 Minuten Verspätung“

„Der RE 6 nach Gelsenkirchen HBF fährt heute in geänderter Wagenreihung“

„Der IC 538 nach Brüssel, entfällt aufrund eines technischen Defekts. Alternative Verbindungen erfragen sie bitte am DB- Serviceschalter oder in der Deutsche-Bahn-App“

Ich glaube die oben zitierten Bahnhofsansagen, kennen wir alle mehr oder weniger gut. Man muss irgendwo hin, einen Termin einhalten oder will auch nur in den Urlaub fahren und dann so etwas. Das wäre ja alles kein Problem, wenn dies nur hin und wieder mal vorkommen würde und ich sehe auch ein, das ein technischer Defekt besser erst behoben werden sollte, bevor der Zug unter mir auseinanderbricht, aber manchmal ist für mich schon nur schwer zu begreifen. Vor allem wenn ich bedenke, dass Essen gerade einmal ungefähr 585.000 Einwohner hat (in São Paulo leben mehr als das Zwanzigfache!) und es bei uns im Nahverkehr ähnlich aussieht. Busse mit Verspätung, Straßenbahnen mit technischen Defekten, S-Bahnen die stundenlang in der Pampa stehen, weil der Gegenverkehr erst durchgelassen werden muss… Nein, also die öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland gehören zu den wenigen Dingen, die ich wirklich nicht vermisst habe!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna