Nächstenliebe

Selbst wenn Du die Favela verlässt, die Favela wird Dich nie verlassen

Brasilianisches Sprichwort

Um meine Beitragsreihe zum Thema (Vor-)Urteile abzuschließen, möchte ich heute noch auf ein letztes eurer Urteile eingehen, welches ihr mir zwar vor meiner Abreise immer wieder genannt habt, welches bei meiner Umfrage allerdings kaum genannt wurde:

Die Favelas sind gefährlich! Pass in/ an den Favelas auf! Geh nicht in die Favelas!

Habt ihr immer wieder zu mir gesagt. Suche ich auf Youtube unter den Stichworten „Dokumentation Favela“ nach entsprechenden Beiträgen, so begegegnen mir nahezu ausschließlich Titel in denen die Favela im Zusammenhang mit „Gewalt, Krieg, Mafia und Überleben“ genannt oder sogar als „gefährliches Pflaster“ bezeichnet wird und in den Videos (ich habe im Laufe der Zeit in alle mal hineingeschaut) wird auch genau diese „gefährliche“ Seite beschrieben.

Ich kann und möchte nicht bestreiten, dass es all dies in den Favelas wirklich gibt (teilweise auch in Monte Azul), aber ich möchte euch gerne auch die andere Seite der Favela einmal zeigen. Und dazu, nehme ich euch einfach mal mit.

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Die Hauptstraße der Favela Monte Azul. Mit einer Breite von etwa zwei Metern der mit Abstand breiteste Gang

Da meine Arbeitsplätze mittig in der Favela lagen, ließ sich ein täglicher Gang hindurch gar nicht vermeiden. Und so nahm mich Livia (eine Vorfreiwillige) gleich am Tag meiner Ankunft mit hinein.

Nachdem wir eine recht lange Straße unseres Wohnviertels hinuntergelaufen waren, kamen wir an ein großes, am Boden festgeschraubtes Gitter dessen Lack wohl einmal dunkelrot gewesen sein muss. Darunter schoss Wasser unter recht lautem Getöse aus einem offenen Rohr. „Merk Dir mal das Gitter hier, wenn Du irgendwann mal alleine nach Hause läufst. Wenn Du nicht über ein Gitter kommst, bist Du auf jeden Fall falsch!“ sagte Livia lachend zu mir. Und dann stiegen wir gemeinsam die Treppe hinter dem Gitter in die Favela hinunter. Links begann ein langer Gang den Livia mir als „Hauptstraße“ vorstellte (Bild oben) während rechts ein kleiner Weg in einen weiteren Teil der Favela führte:

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Wir gingen die Hauptstraße ein Stück hinunter. Die einzeln gebauten Räumlichkeiten waren so dicht und hoch „gestapelt“, dass die Sonne nicht bis auf die Straße zu uns herunter scheinen konnte, sondern sich irgendwo an der obersten Etage verfing. Im Schatten der rotbraunen Steine begann ich zu frösteln. Es roch nach Zement, etwas modrig, feucht und hin und wieder drang Mittagessensgeruch aus den einzelnen Wohnungen zu uns nach draußen. Wir gingen an zu Wäscheleinen umfunktionierten Stromkabeln, Motorrollern und Einkaufswägen (Sackkarrenersatz) vorbei bis wir schließlich im Zentrum der Favela angekommen waren.

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Im Vordergrund Spielplatz, Kindergarten, und Fussballplatz – Das Herzstück der Favela Monte Azul. Im Hintergrund ein Teil der Favela

Während ich auf diese Weise das beeindruckendste achitektonische Meisterwerk bestaunte, welches ich je gesehen habe, empfahl Livia mir mehrfach sehr eindringlich die Hauptstraße niemals zu verlassen, solange ich alleine hier herumlaufen sollte.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich dann auch warum:

Recht zu Anfang meines Freiwilligendienstes in der Musikschule wurde ich einmal gebeten eines unserer jüngeren Mädchen nocheinmal nach Hause zu begleiten, da sie ihr Instrument dort vergessen hatte. Und so ging ich also hinter dem Mädchen her. Wir Bogen in eine kleine Seitengasse, die sich um verschiedenste kleine Baracken schlängelte, bevor wir nach einer gefühlten Ewigkeit rechts abbogen. Erst eine Treppe hinunter, dann noch einen Berg hinauf und rechts und wieder runter und nochmal links und wieder rauf und… Ich alleine hätte mich in den ewig gleich aussehenden winzigen Gängen, die immer enger wurden, je tiefer wir hineingingen wohl gnadenlos verlaufen!

Aber das war nicht der einzige Grund: Auf unserem Weg begegneten wir immer wieder Bewohnern, die das Mädchen freundlich grüßten, sich nach ihrem wohlergehen erkundeten und mit einem kritischen Seitenblick auf mich auch gleich wissen wollten, wer ich denn wohl sei. Und so erklärte sie mehrfach, dass ich „die neue Freiwillige“ aus der Musikschule sei, die ihr nun das Cellospielen beibringen wird.

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Mit der Zeit begegnete ich immer mehr Menschen, die innerhalb der Favela lebten und immer mehr verstanden, dass ich nun innerhalb der Organisation mitarbeiten werde und dass ich nicht nur helfen, sondern auch von ihnen und ihren Kindern lernen möchte. Das war es wohl, was mich immer weniger zur Fremden (und damit zum „Feind“) werden ließ und mich stattdessen jeden Tag ein Stückchen mehr zu einem Teil der „Comunidade“ machte. Die Favela wird in Brasilien nämlich genau so genannt: „Gemeinschaft“. Ich hätte kein passenderes Wort finden können, denn hier scheint wirklich Jeder Jeden zu kennen, Jeder Jeden zu beschützen und nicht nur auf das eigene, sondern auch auf das Hab und Gut des Anderen achtzugeben. Auf genau diese Eigenschaft der gegenseitigen Fürsorge bezieht sich das oben einleitende Zitat. Wer dagegen von außen kommt, ist zunächst einmal fremd und unberechenbar aber sicherlich kein Teil dieses wirklich sozialen gemeinschaftlichen Lebens.

Ich dagegen begann tatsächlich das Leben der Menschen zwischen den rohen Steinmauern, dem Müll, den streunenden Hunden und der lauten Funkymusik immer besser kennenlernen zu dürfen. Die Leute begannen mich (teilweise sogar bei Namen) zu Grüßen und nach ein paar Monaten konnte ich nicht mehr durch die Favela hindurchgehen ohne das Kinder mir freudestrahlend entgegenrannten oder mir hinterher riefen.

Wie sehr ich wirklich Teil dieser Gemeinschaft geworden zu sein schien, ist mir allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang aufgefallen: Es war der allererste Donnerstagabend, an dem ich zur Orchesterprobe in die Musikschule ging. Ein neuer Dirigent, neues Vokabular, neue Noten… Als wäre das alles nicht aufregend genug wurde es immer später und immer dunkler. Und als der Himmel sein allertiefstes dunkellila (schwarz wurde er in São Paulo nie) erreicht hatte und es draußen herrlich nach Sommerregen zu riechen begann, da wurde auch die Probe für beendet erklärt und mir ein kleines Problemchen bewusst: Es war dunkel und vor mir lagen knappe zwanzig Minuten Heimweg zu Fuß mit Cello auf dem Rücken. Alleine durch die dunklen Nebenstraßen unseres nicht viel befahrenen Wohnviertels laufen… Huuuuu! Irgendwie war mir diese Vorstellung nicht ganz so geheuer.

Und so entschied ich mich also über die Hauptstraße der Favela zurückzulaufen. Hier war alles so wie immer. Die Kinder sprangen mir freudig entgegen, die Erwachsenen grüßten, von irgendwo her schallte Funkymusik und selbst der dicke braune Labrador lag schlafend am Fußende der Treppe. Wie immer.

Die Favela war in diesem Moment für mich wohl sicherer, als die Straßen unseres Viertels und ich bin mir sicher hättet ihr die Möglichkeit langsam in eine solche Gemeinschaft hineinzuwachsen, dann würde sie auch euch diesen Schutz bieten. Denn in der Favela wird niemand ausgeschlossen!

Aber warum hören wir hier eigentlich nur so einseitig aus dem Leben der Favela? Weil die Medien eben nur einseitig Berichten, da Schusswechsel und Drogen nunmal eben eine bessere Schlagzeile ergeben als „Nächstenliebe für alle“?

Naja wie auch immer: Wenn ich heute an meinen Arbeitsplatz in Brasilien denke, dann bin ich wirklich sehr dankbar dafür, die Favela und ihre Bewohner mit ALL ihren Seiten kennengelernt haben zu dürfen. Ich durfte sie nicht nur kennenlernen, ich durfte in der Favela und bei ihren Bewohnern „Schutz“ finden und sie haben mir gezeigt wie wichtig doch die Liebe im Leben ist!

Um grande abraço e até logo („fühlt euch gedrückt und bis ganz bald“)

eure Anna

brasilianisches Schubladendenken

Genauso, wie ich euch gebeten hatte mir Vorurteile über Brasilien und die Brasilianer zukommen zu lassen, habe ich auch von den Brasilianern Vorurteile über Deutsche und Deutschland erhalten. Allerdings musste ich dazu nicht erst groß nachfragen, sie begegneten mir von ganz alleine.

Ich erinnere mich an verschiedene Situationen, in denen ich meistens etwas verlegen von der Seite angeschaut wurde und die Menschen zögerlich begannen: „Du Anna, darf ich Dich mal was fragen…??“ und ich erinnere mich an andere Situationen in denen ich die Vorurteile völlig unerwartet und ein wenig unsensibel einfach an den Kopf geworfen oder wortwörtlich auf den Teller geklatscht bekam.

Irgendwie fand ist es auch total spannend, was andere Nationen so für ein Bild von uns haben und ich begann also all jene Vorurteile zu sammeln. Die ein oder andere Behauptung regte mich zum Nachdenken an, ließ mich entsetzend den Kopf schütteln, oder aber auch mal schmunzeln und an wieder anderen entdeckte ich auch kleines bisschen Wahrheit:

Platz 1: Die Deutschen stinken (sie duschen nicht)

Platz 2: In Deutschland ist es kalt

Platz 3: Die Deutschen trinken nur Bier

Platz 4: Die Deutschen sind immer sehr direkt

Platz 5: Die Deutschen haben keine Probleme

Das (in meinem Ranking) erste Vorurteil, basiert wohl zunächst einmal darauf, dass sich Brasilien und Deutschland in ganz unterschiedlichen Klimazonen befinden. Sowohl im immer feuchtwarmen Norden des Landes, als auch in den Sommermonaten im Süden des Landes fühlte ich mich ständig nass und klebrig. Teilweise war die Luft so feucht, das mir kleine Wassertöpfchen die Arme herunterliefen (und das obwohl ich nichts tuend herumsaß!). Und so verstand ich sehr schnell, warum viele Brasilianer zwei bis dreimal täglich das Bedürfnis haben zu duschen.

Das Wasser kann in vielen Orten Brasiliens (so auch in unserer WG) am Duschkopf selbst in eiskalt (Mitte), Sommer (kühl-rechts), oder Winter (heiß-links) eingestellt werden. Bei uns übrigens der einzige Ort mit heißem Wasser im ganzen Haus.

Allerdings musste ich auch schnell bemerken, dass Duschen nicht gleich Duschen ist: Bei mir läuft das Ganze ja so ab: Wasser, Shampoo, Wasser, fertig! In vielen brasilianischen Badezimmern begegneten mir dagegen aber aber zusätzlich auch Peelings, Spülungen, Haarkuren, Masken für Haare, Körper und Gesicht, Bodysprays, Body-Lotionen (auch für die Haare), Parfüms, Gesichtswasser, was weiß ich nicht was sonst noch alles für Düfte und immer wieder, diese eine Creme, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Nach dem Duschen, wird diese auf die nassen Haare aufgetragen, damit diese länger nass (und damit frisch geduscht) aussehen. In Brasilien gehört es nämlich zum guten Ton sich zu Duschen, bevor man aus dem Haus geht (unabhängig davon, wie oft man an diesem Tag schon geduscht hat) und dieses dann auch zu zeigen. Je nach Jahreszeit, gibt es in Deutschland aber auch manchmal Temperaturen, bei denen ich nicht unbedingt das Bedürfniss habe jeden Tag zu duschen. Wenn ich davon in Brasilien erzählt habe, war das für die Menschen dort oftmals nur schwer bis gar nicht vorstellbar. Vielmehr verglichen sie wie es wohl wäre, wenn in Brasilien mal einen ganzen Tag lang nicht geduscht würde und daraus wird dann also von vielen geschlussfolgert, dass die Deutschen wohl stinken müssen 🙂

Genau diese Temperaturen, bei denen ich eben nicht jeden Tag duschen muss, sind in Brasilien wirklich sehr bekannt. Und so lernte ich gerade auf Reisen viele Menschen kennen die mit „Oh Deutschland. Uuooh sooo kalt, näää das wäre nichts für mich. Aber hier so mit der Sonne und in T-Shirt und so, das gefällt Dir doch bestimmt, oder?“ Als hätte ich in meinem Leben noch nie die Sonne gesehen 😀 Und so habe ich in Brasilien glaube ich über dreißig mal erklärt, dass es in Deutschland auch einen warmen Sommer gibt. Mindestens genauso häufig war dagegen die totale Begeisterung: „Woooo, Schnee!! Alta ich hab noch nie Schnee gesehen… Das stell ich mir soooo schön vor. Ach ich muss unbedingt mal nach Kanada/ in die Schweiz/ nach Norwegen!“ Und wenn ich dann davon erzählt habe, dass ich als Kind im Schnee gespielt habe, dann leuchtete das ein oder andere Augenpaar auf und ich wurde die nächsten Minuten neugierig mit Fragen gelöchert.

Verdutzte Blicke und viele Fragen, kamen aber auch immer dann, wenn ich mal wieder erklärte, dass das scheinbar deutsche Bier „Eisenbahn“ gar nicht aus Deutschland kommt, sondern in Brasilien selbst hergestellt wird.

Auf Reisen aß ich einmal mit vielen Brasilianern zusammen in einem Restaurant zu abend. Eine Runde Bier für alle, die ich dankend ablehnte. „Aber Du bist doch Deutsche, oder?“ wurde ich irritiert gefragt. „Jaaaa… ja und?“ „Ja, alle Deutschen lieben doch Bier“ Und dann erklärte ich nicht zum ersten Mal in meiner Zeit in Brasilien, dass ich persönlich kein Bier mag und es auch noch nie mochte. „Ich kenne übrigens noch mehr Deutsche, die ebenfalls kein Bier mögen“ stellte ich richtig.

Richtig stellen. Das war beim Bier kein Problem, in anderen Situationen musste ich mich dagegen wirklich zurückhalten. In Deutschland habe ich gelernt Probleme direkt anzusprechen (denn schließlich kann nur sprechenden Menschen geholfen werden;) ), während ich in Brasilien mehrfach erlebt habe, dass lieber dreimal nett lächelnd „Ja“ gesagt wird und dann von hintenherum irgendwelche Andeutungen kommen, anstatt das direkt gesagt wird „Hey schau mal das geht so nicht, weil…“. So lief ich einmal mit dem Tio der Musikschule gemeinsam nach Hause, als dieser mich fragte, ob er mir mal was sagen dürfte. Auf meine Zustimmung hin begann er dann sie fürchterlich über einen Mitfreiwilligen aufzuregen. „Aber warum sagst Du ihm das denn nicht einfach?“ fragte ich etwas irritiert, als ich es endlich geschafft hatte den aufgeregten Redeschwall meines Tios zu unterbrechen. „Nein!! Oh mein Gott, wie unhöflich! Also das macht man nicht!“, erwiederte er entrüstet. Und dann versuchte ich mich also ganz vorsichtig an eine Antwort heranzutasten, wie er die Situation wohl ändern möchte, ohne zu sagen was ihn stört und versuchte auch zu erklären, dass diese Andeutungen für uns Freiwillige eher unverständlich sind, weil wir es halt so nicht gewohnt sind. Damit traf ich allerdings nur auf einen Hymalaya von Unverständnis bis ich schließlich an den Kopf geklatscht bekam, die Deutschen seinen ja so rücksichtslos und unsensibel.

Immer wenn ich damit konfrontiert wurde, dass „die Deutschen ja keine Probleme haben“, machte mich das irgendwie sehr betroffen. Für viele Brasilianer schien Europa das Regenbogen-Einhornland der Extraklasse zu sein. Die glitzernde Seifenblase hinter dem großen, weiten Meer. Und je mehr Zeit ich in Brasilien verbrachte, desto besser verstand ich woher diese Annahme kommt:

Nehmen wir doch mal die aktuelle Situation: In unseren Wohnungen fällt und die Decke auf den Kopf, wir können nicht mehr zum Friseur oder unseren Nachmittagskuchen zusammen im Caffee an der Ecke essen und unsere größte Angst ist, dass es bald kein Klopapier mehr zu kaufen geben wird, weshalb angefangen wird dies zu hamstern. Dabei sollten wir alle SO VERDAMMT glücklich sein. Glücklich, dass wir eine Decke HABEN die uns auf den Kopf fallen kann, glücklich darüber, dass wir IM HOMEOFFICE arbeiten können und das wir uns eben keine Sorgen darüber machen müssen, woher wir unsere nächste Mahlzeit bekommen. Denn die können wir nach wie vor im Supermarkt kaufen.

Ich habe in Brasilien Menschen kennengelernt, die nicht vom Homeoffice aus die Wohnzimmer der Reichen putzen können, die nicht vom Homeoffice aus Kellnern können und die es nicht schaffen vom Homeoffice aus Taxi zu fahren. Und all diese Menschen sind jetzt arbeitslos. Einfach gekündigt ohne irgendwelche Sozialhilfen vom Staat beanspruchen zu können. Und ich habe Kinder kennengelernt, die ihre einzige(n) Mahlzeit(en) am Tag bei uns in der Organisation bekommen haben. Nun hat Monte Azul für unbestimmte Zeit geschlossen…

Ich weiß natürlich, das es auch hier in Deutschland sehr wohl Probleme gibt und dass es längst nicht allen Menschen so gut geht wie mir. Genau dass habe ich in Brasilien immer wieder an Beispielen versucht zu erklären. Aber ich verstehe auch die Annahme wir hätten hier keine Probleme, wenn ich an die Kinder denke die ich so lieb gewonnen habe und von denen ich weiß dass sie gerade wirklich HUNGER haben.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

deutsches Schubladendenken

Was ist das Erste woran Du denkst, wenn Du „Brasilien“ oder „die Brasilianer“ hörst?

Diese Frage habe ich in der letzten Zeit den verschiedensten Personen gestellt. Freunde, Familie aber auch entfernte Bekannte und viele Personen von denen ich weiß, dass sie hier mitlesen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren… Und von euch allen habe ich so viele Antworten bekommen. Dafür möchte ich mich erst einmal bei euch bedanken! Es hat mir so viel Spaß gemacht, von euren Ideen und Gedanken zu lesen und zu hören, es hat mich zum Nachdenken gebracht und auch das ein oder andere Mal schmunzeln lassen 🙂

Nachdem ich all eure Antworten zusammengetragen hatte, begann ich zu sortieren und heraus kam dieses Vorurteilsranking, dessen erste Plätze ich euch hier einmal präsentiere:

Platz 1 : Die Brasilianer singen und tanzen viel

Platz 2 : In Brasilien ist es warm

Platz 3 : In Brasilien gibt es viel Armut (in Verbindung mit „Armut“ begegneten mir am häufigsten die Begriffe Kinderarbeit, Hungersnöte und Faulheit)

Platz 4: Karnevall

Platz 5 : Traumstrände

Musik ist mir in Brasilien viel begegnet. Laute Funkymusik schallte mir aus einigen umliegenden Häusern entgegen, wenn ich nach der Arbeit nach Hause lief, am Wochenende schallte die Musik der nächsten Bar bis zu uns nach Hause, im Sesc (einer Art öffentlichem Kulturzentrum) gab es einmal wöchentlich kostenlose Konzerte und selbst in unserer Multikulti-WG machte fast immer irgendjemand Musik (wie das halt so ist, wenn eine Sängerin, drei Gitarristen, ein Saxophonspieler und ich mit meinem Cello unter einem Dach wohnen).

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist

Viktor Hugo

Und ich glaube genau deshalb ist Musik in unserer heutigen Welt sehr wichtig geworden. Wenn ich so richtig traurig bin, dann weiß ich welche deutsche Popmusik genau die Worte hat, die ich nicht habe und ich weiß auch welche Musik mich trösten würde. Ich könnte aber auch Papas Deephouse Musik hören und mir mit Hilfe von diesem „Gebumse“ alle Gedanken aus dem Kopf fegen lassen. Was wäre schon ein Heiligabend ohne „Oh Du Fröhliche!“, ein Geburtstag ohne „Happy Birthday“, Frühling ohne Vogelgezwitscher, ein Seminarabend ohne „Oh! Chuva“ oder ein Morgenkreis in der Creche ohne „Bom dia começer com alegria“? Manchmal, da ist es eben einfach schön, wenn gute Stimmung von noch besserer Musik untermalt wird, oder nicht? Musik transportiert aber auch meine Erinnerungen. Jedes Lied meiner brasilianischen Playlist (zum Beispiel), habe ich in einer anderen Situation gehört und von einer anderen Person den Namen des Liedes erfahren. Manche dieser Lieder sind auch die Lieblingslieder von Menschen, die ich nun liebgewonnen habe.

Ich könnte mir vorstellen, das es vielen Brasilianern ähnlich geht wie mir. Aber ich bin mir sicher, das auch IHR bestimmte Momente mit bestimmten Klängen und bestimmte Personen mit bestimmten Liedern verbindet, oder?

Mit bestimmten Situationen, verbinde ich aber nicht nur bestimmte Musik, sondern auch bestimmte Temperaturen. Mit Erinnerungen an den letzten Weihnachtsmarktbesuch zum Beispiel: Da frieren mir schon die Füße ab, wenn ich nur daran denke und nur beim Gedanken an meinen Besuch an der Copacabana, fange ich auch schon wieder an zu schwitzen.

Allerdings nur, weil ich im Sommer dort war!

Ungefähr auf der Höhe Brasílias verläuft die Grenze von subtropischer und tropischer Klimazone

Brasilien liegt auf der Südhalbkugel der Erde, wodurch dort Sommer ist wenn wir gerade Winter haben. Das bedeutet aber nicht, dass der Winter einfach so ausfällt; nein, Winter ist in Brasilien dann, wenn wir Sommer haben. Der südlichere Teil Brasiliens liegt in der suptropischen Klimazone. Hier gibt es für den Menschen eindeutig spürbare Sommer und Winter. Zwar fällt nur am allersüdlichsten Punkt Brasiliens hin und wieder Schnee, aber ich erinnere mich noch gut, wie ich mich die Wochen kurz nach meiner Ankunft abends mit dickem Strickpulli und zwei paar Socken, tief in den Schlafsack gekuschelt habe um dann meine Wärmflasche umarmend, einzuschlafen.

Nun liegt Brasiliens Norden in der tropischen Klimazone. Hier herrscht ein Tageszeiten-Klima. Das heißt die Temperaturen schwanken nicht innerhalb des Jahresverlaufs, sondern innerhalb des Tages und somit ist es nachts kälter als tagsüber. Sommer und Winter unterscheiden sich hier aber noch durch etwas anderes: Während im Winter Trockenzeit ist, beginnt mit dem Sommer auch die Regenzeit.

Und die Regengüsse São Paulos sind so stark, dass sie es selten sogar mal schaffen ganze Wände der Favelawohnbauten zum Einsturz zu bringen. Das ist dann wirklich eine Katastrophe, denn weder die wenigen Habseligkeiten noch die Menschen, die sich in diesen Bauten befinden sind dann noch vor der Witterung geschützt und oftmals fehlt das Geld um die Mauer „mal eben“ wieder aufzubauen.

40% (17.3 Millionen) aller Kinder in Brasilien leben in Armut. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 20% ( 2.26 Millionen).

Spannend fand ich, dass ihr mehrfach den Begriff „Faulheit“ im Zusammenhang mit der Armut genannt habt. Deshalb würde ich euch gerne von Davi und Junior erzählen:

Davi ist gerade drei Jahre alt geworden und lebt mit seinen Eltern gemeinsam in einem winzigen Räumchen in der Favela. Jeden Morgen um fünf nach sieben bringt ihn seine Mutter zu uns in die Creche, bevor sie in die Innenstadt fährt um dort zu arbeiten. Dienstleistungen für die Reichen. Sie arbeitet so lange, dass sie es nicht schafft Davi wieder abzuholen. Denn die Creche macht „schon“ um 17:00 Uhr zu. Deshalb kommt gegen 17:10 dann in der Regel Davis Papa ganz abgehetzt in die Creche gerannt und entschuldigt sich tausendmal dafür, dass er erst jetzt kommt. Er arbeitet nicht weit der Favela in einer Werkstatt, kann aber nie eher Feierabend machen als Punkt fünf Uhr.

Junior dagegen ist schon erwachsen, vielleicht Mitte zwanzig. Er lebt in einem kleinen Raum mit eigenem Herd und Fernseher, teilt sich Bad und Waschmaschiene aber mit vielen anderen Hausbewohnern. Junior ist eigentlich fast nie Zuhause. Dienstags bis sonntags kellnert er in einem Restaurant. Von vormittags bis nachts. Sechs Tage die Woche, fast 60 Stunden.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn man durch das nahegelegene Stadtviertel „Paraíso“ („Paradies“) geht. Die niedlichen Straßenlaternen beleuchten die netten Brückchen, die als Fußgängerüberweg über große Straßen führen und in den Hoteleingängen, deren Marmorfußböden nur so glänzen, liegen schwere Teppiche. Als ich zum ersten Mal durch diese wirklich hübsch beleuchtete Abendszenerie schlenderte, kam ich mir vor wie in einem Film.

„Wie in einem Film“, oder besser gesagt, „wie in einer Dokumentation“ kam ich mir manchmal auch zur Karnevallszeit vor. Bunte Straßenzüge sogenannte „blocos“, die schon Wochen vor dem eigentlichen Karnevallswochenende und auch noch am Samstag NACH Aschermittwoch gefeiert wurden. Vor-Karnevallsfeiern, Karnevallsfeiern, Nach-Karnevallsfeiern… und unser Koordinator trug auf jedem einzelnen Umzug ein anderes Kostüm! Mich, die ich das ganze Karnevallszenario eher vermied, beschäftigte allerdings weniger der Gedanke nach meinem Kostüm, sondern viel eher die Frage, warum hier wohl überhaupt Karnevall gefeiert wird? Für mich ergab das erstmal gar keinen Sinn. In Deutschland sollen durch Karnevall die Wintergeister vertrieben werden (hatte mir zumindest meine Mama mal erklärt, als ich noch klein war), aber hier? Hier war doch schon Hochsommer und der Herbst ließ auch noch einige Zeit auf sich warten. Und so begann ich also nachzufragen. Die ersten fünf Antworten lagen leider alle irgendwo zwischen „Ääääh… sorry weiß‘ nicht“ und „Ich glaub irgendwas mit Religion…“, bis mir Telma schließlich erklärte, Karnevall sei wohl das letzte ausgelassene Fest vor der großen Fastenzeit.

Wie ich jetzt von Fastenzeit zu Traumstränden überleiten soll, weiß ich eherlich gesagt nicht. Deshalb gibt es hier für euch statt einer halbwegs geschickten Überleitung einfach direkt die Bilder. Manchmal sagt ein Bild ja schließlich mehr, als Worte 😉

Fortaleza
Salvador
Jericoacoara
Im Paradies
Ilhabela

Die Strände, die ich in Brasilien sehen durfte fand ich wirklich sehr schön. Mein Traumgewässer dagegen, wird wohl vorerst dieses hier bleiben:

Denn ich finde der Amazonas ist voller Magie, voller kleiner (Lebens-)Wunder und für mich eine unfassbar große Faszination!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Eine Stadt voller Sterne

Das Stadtviertel Jardim São Luis in dem ich in Brasilien ein Zuhause finden durfte, hat bei mir vor allem auch durch seine unfassbar steilen Staßen einen Platz in meinem Gedächtnis bekommen. So begann schon mein allmorgendlicher Weg zur Arbeit um 7:45 Uhr mit einer 45° Steigung (keine Übertreibung!) bergauf, bevor es mit fast ebenso steilem Gefälle hinter der Kreuzung wieder hinunter ging. Und das bei oftmals 30°C und mehr. In der Musikschule angekommen habe ich an vielen Morgenden an mir herunter geschaut und mich ernsthaft gefragt, wofür genau ich eigentlich nochmal geduscht hatte…? Wenn ich mich dann spät am Nachmittag müde wieder auf den Nachhauseweg machte musste ich also dass, was ich am Morgen leichtfüßig heruntergeschlittert war, wieder hinaufkrachseln und das was ich am Morgen mühevoll erklommen hatte (auch diese Wortwahl ist nicht übertrieben!) konnte ich nun lustig herunterhüpfen.

In all den Wochen und gerade im Sommer, oder wenn ich mal wieder mein Cello dabei hatte, gehörten die Straßen deshalb eher nicht zu dem, von dem ich mir vorstellen konnte es irgendwann einmal zu vermissen.

Als dann aber die Tage des Abschieds gekommen waren, begann ich nicht nur die Tage sehr intensiv zu leben, sondern auch (oder vielleicht gerade dadurch?) mein Umfeld nocheinmal ganz anders wahrzunehmen. Und so fielen mir zum ersten Mal nach über einem halben Jahr die wunderschönen Ausblicke auf, die man von unserem Viertel aus an fast jeder Häuserecke sehen konnte.

Und dann gab es da noch diesen letzten Donnerstagabend, an dem ich müde und ziemlich „abgekämpft“ mein Cello nach der Orchesterprobe die Straße hochschleppte (wie immer) und kaum oben angekommen erst einmal eine kleine Pause machen musste um Luft zu holen (auch wie immer). Zufällig fiel mein Blick an diesem Abend nach rechts, wo eine Querstraße steil hinunterführte und am Horizont…

Nossa ist DAS schön!

Der Anblick der sich mir hier bot hätte mir wahrscheinlich den Atem geraubt, wäre ich nicht ohnehin schon so „aus der Puste“ gewesen. Ich nahm mein Cello und lief die Straße ein Stück hinunter. Vor mir ragten die Wolkenkratzer der Innenstadt wie riesige Säulen empor. Tiefschwarz hoben sie sich vom dunkellila des Nachthimmels ab, während tausende von weißen und gelben Lichtern Millionen von Fenstern erhellten. Ein Hochhaus größer als das Andere, ein Fenster heller als das Licht des Nächsten. Ich ging noch einen Schritt auf die vor mir aufragende Lichterwand zu. Es fühlte sich an, als würde ich von der Lichterfront verschlungen werden. So ungefähr muss es sich anfühlen wenn „der kleine Prinz“ von Planet zu Planet durch die Sterne fliegt. Da war nichts mehr. Keine Müdigkeit, kein Alltagsstress, nur ich und die Lichter der Stadt. Die Metro (eine Art S-Bahn) bahnte sich ihren Weg durch die Wolkenkratzer hindurch und auch sie war beleuchtet. Dieses riesengroße äußere Leuchten vor mir, übertrug sich auch auf mich. Natürlich fing ich jetzt nicht auch an zu leuchten ;), aber ich wurde ganz ruhig und unfassbar glücklich.

Erinnert ihr euch noch an den Blogbeitrag „eine Stadt ohne Sterne“, in dem ich euch beschrieben habe, dass der Nachthimmel São Paulos auch bei wolkenlosem Himmel nicht von Sternen übersäht ist? Erst jetzt begann ich zu verstehen. São Paulo IST von unzähligen, atemberaubend schönen Sternen übersäht. Sie sehen einfach nur etwas anders aus, als ich es erwartet hatte…

Das Foto zeigt die Häuser leider nicht einmal annähernd in der Größe und Schönheit, in der sie wirklich vor mir lagen…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

P.S.: Um euch noch mehr mitzunehmen und euch noch mehr das Gefühl zu geben ihr wärt wirklich dabei, habe ich in Brasilien immer alles im Präsens verfasst. Nun, wo ich auf all diese wunderschönen Erlebnisse zurückblicken kann, entspricht es glaube ich eher der Wahrheit wenn wir uns gemeinsam erinnern. Im Präteritum. Oder? Was hat euch besser gefallen?