Caipirinhajonglage

Es ist der letzte Nachmittag meiner Reise. Ich schlendere mit den Füßen im Wasser und einer Kokussnuss in meiner linken Hand gemütlich den Strand an der Copacabana hinunter. Was für ein Klischee…

Das Kokussnusswasser ist genauso herrlich kühl wie das Meer, welches mir um die Füße spült und mit jedem Schritt wird die Hitze aushaltbarer. 38°C bei gefühlt 120% Luftfeuchtigkeit. Die Sonne brennt unerbärmlich vom ausnahmsweise wolkenlosen Himmel und ist wirklich unangenehm, während ich gleichzeitig ständig klitscheklatsche-nass bin. Dabei kann ich inzwischen längst nicht mehr unterscheiden, ob mir einfach so warm ist, oder ob doch die Luftfeuchtigkeit für das Wasser verantwortlich ist, dass mir schon wieder die Arme hinunterläuft. Es riecht nach Sonnencreme. Zu meiner rechten liegt die Weite des Ozeans und vor mir der Zuckerhut während sich zu meiner linken hunderte von Menschen lautstark am Sandstrand aufhalten. Etwas ungeschickt weiche ich einem Fußball aus, der ziemlich genau auf meinen Kopf zufliegt, bevor ich über einen Wassergraben steige und mir einen Weg durch den Sonnenschirm-Dschungel suche, der mich ein bisschen weiter Richtung Strandpromenade bringt. Nun habe ich die vielen Menschen ebenfalls zu meiner rechten, während sich links in regelmäßigen Abständen Verkaufsstände befinden. Sonnenhüte ohne Kopfbedeckung (Wisst ihr wie ich meine? Nur so einen Kringel halt…), Liegestühle, Sonnenschirme, Açai, Caipirinha…

Und vor einem eben dieser Caipirinhastände sehe ich schon von weitem einen jungen Herren stehen. Braun gebrannt, schwarze Schwimmshorts, Sombrero. Augenscheinlich gelangweilt beginnt er mit zwei Limonen in der Hand zu jonglieren. Oder besser: Er scheitert kläglich beim Versuch beide Limonen mit einer Hand in der Luft zu halten. Meine Schritte werden wie automatisch langsamer und mein Hirn beginnt zu analysieren. Mehr falsch machen, kann man dabei aber auch wirklich nicht… Die Limonen fliegen viel zu hoch und dadurch ziemlich unkontroliert, während sie mit ihrer Flugbahn einen Kreis beschrieben bei dem sie mal näher und mal weiter von dem jungen Herrn wegfliegen.

Und dann war ich bei dem jungen Herrn angekommen. Er versuchte es noch einmal. Wieder vergeblich.

„Du musst anders werfen, versuch mal so:“ rutscht es mir heraus, während ich mit meinem Finger von innen nach außen einen Kreis in die Luft zeichne. „Äaah ja Danke, hmmm… Mach Du doch!“, war seine Antwort und schon habe ich die Limonen in der Hand.

Also zeige ich ihm was ich meine. Mit rechts, mit links, ein Musterwechsel. „Ai Caramba und jetzt mal mit beiden Händen gleichtzeitig, bitte“ fordert der junge Herr und schon habe ich vier Limonen in der Hand. Auch das zeige ich ihm. Asynchron, synchron, sidewrap. „Nossa, kannst Du mir das beibringen??“ fragt der junge Herr ungläubig. Und dann stehen wir also zusammen da, vor dem Caipirinhaverkauf und werfen Limonen. Liegestühle werden uns zugedreht, Passanten bleiben stehen. Und nach einer Weile, schaut er mich skeptisch von der Seite an: „Und mit drei?“ Und dann erkläre ich also Kreuzwürfe. „Aber jetzt mach doch mal richtig vor“. Der junge Mann scheint gefallen am Jonglieren gefunden zu haben und schaut mich erwartungsvoll an. Und dann stehe ich also da, rechts von mir Menschen auf Klappstühlen links von mir Passanten und alle schauen mich an. Und dann nehme ich also noch eine Limone dazu und fange an. Kaskade. Mist die Eine ist leichter als alle Anderen, schießt es mir durch den Kopf. Kaskade von außen. Lächeln Anna. Windmühle, Mills Mass, zurück in die Kaskade. Die Limonen funktionieren erstaunlich gut als Jonglagerequisit… Zurück in die Kaskade, Shower, Box wieder Kaskade. Ein Ball besonders hoch, eine halbwegs elegante Drehung und den letzten Ball mit einer leichten nahezu nebensächlichen Handbewegung aus der Luft gefischt. TADAA!! Die Leute applaudieren ein bisschen ungläubig aber begeistert.

Das war er also. Mein allererster öffentlicher Auftritt mit Jonglierbällen. Ach nee stopp – mit Limonen!! Nochmaaal! ruft eine begeisterte Stimme in meinem Bauch. Nein bloß nicht, bist Du verrückt geworden? entrüstet sich mein Kopf. Nein verrückt sicher nicht, aber sehr sehr glücklich. Und dann nehme ich noch zwei Limonen dazu. Okay Risiko. Konzentration, Du kannst das! Jetzt nur nicht blamieren…

1 – 2 – 3 – 4 – 5 Besser kriegst Du es beim Üben auch nie hin, hör auf! 6 – 7 – 8 – 9 Okay, jetzt ist aber Schluss! – 10. Wow zwei ganze Runden ohne herunterfallende Limonen. Und das auch noch vor Publikum… Ich muss wohl gestehen, dass ich selbst auch ein bisschen überrascht und begeistert bin. Und mit einem riesig breiten Grinsen auf dem Gesicht mache ich mich schließlich auf den Weg zurück zur Metro.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Ordentliches Grau

Es regnet mal wieder. Oder besser gesagt: Immer noch. Schon seit drei Tagen prasselt es bei gerade einmal knapp 20°C pausenlos aus den Wolken über Brasília. Der Wind peitscht mir den Regen unangenehm ins Gesicht. Ich versuche (erfolglos) meine Jacke noch ein bischen höher zuzumachen und beschleunige meine Schritte. Es ist nicht mehr weit bis zum Eingang. Als ich die Rampe herunterlaufe tönt mir Musik entgegen. Eine Instrumentalversion von „Viva la Vida“. Oh wie schön! Unten an der Rampe und damit am unterirdischen Eingang der Kirche angekommen, bleibe ich stehen und nehme die Kapuze vom Kopf. Meine Haare sind so ziemlich das Einzige, was vor dem Regen verschont geblieben war, stelle ich fest. Erst dann blicke ich in die Kirche hinein. Ich war gestern schon einmal hier gewesen und kenne den faszinierenden Anblick der riesigen 16-eckigen und 70 Meter hohen Glaskuppel schon; was ich heute dort zu sehen bekomme, übertrifft aber alle meine Erwartungen. So bleibe ich also einem begossenen Pudel ähnlich wie angewurzelt im Eingang stehen, als das Brautpaar mir über den roten Teppich entgegen kommt.

Schon in den letzten Tagen hatte ich mich in meiner Bauarbeiterhose und meinen (inzwischen) verwaschenen T-Shirts in Brasília oft „underdressed“ gefühlt. Das hier war nun wirklich kaum auszuhalten. Oh Gott geh schnell wieder, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Aber ich will doch sehen, was passiert, erwiedert eine andere. Das geht nicht, guck mal wie Du aussiehst, ermahnt die Erste. Aber was wenn ich so etwas nie wieder zu sehen bekomme? Schließlich siegte die Neugierde. Und so zogen also zunächst Braut und Bräutigam und dann auch alle anderen Hochzeitsgäste nach und nach aus der lichtdurchfluteten Glaskiche aus. Einer nach dem Anderen laufen sie an mir vorbei. Vor allem junge Pärchen. Herren in Anzug, und Damen in kunterbunten bodenlangen Abendkleidern (wobei überdurchschnittlich viele Frauen rosa tragen), aber auch Familien mit Kindern. Und mit einem Blick, auf den nicht einmal Zweijährigen in Smooking, muss ich an die Kinder aus der Creche denken. Eine Mischung von unfassbar vielen verschiedenen Parfüms und Bodysprays, Afershave und Rasierwasser, Haarcremes und und was weiß ich nicht was sonst noch alles benebelt mich. Es riecht noch schlimmer als in einer Drogerie. Aber außnahmslos jeder der mir entgegen kommt, hat ein Lächeln im Gesicht und viele Grüßen mich vergnügt mit einem Kopfnicken und dem hier üblichen: „Oi, tudo bem?“. Und indem ich all die Farben, Gerüche und das viele Glück auf mich wirken lasse, verschwindet das ewige Grau und die kalte Atmosphäre der Stadt für einen kurzen Moment aus meinem Gedächtnis.

Catedral Metropolitana Nossa Senhora Aparecida mit Glockenturm (rechts)
Die Glaskuppel der Catedral wird von drei riesigen Engeln geschmückt

Brasília, die am 21. April 1960 von Juscelino Kubitschek eingeweihte Planhauptstadt, wurde von Lúcio Costa geplant. Die Grundidee der Stadtform war ein einfaches Kreuz, an dessen Längsachse sich Monumente und Staatsgebäude aufreihen und dessen Querachse Platz für Wohn- und Geschäftsviertel bietet. Der Schnittpunkt der beiden Achsen und somit das Herz der Stadt, sollte ein Busbahnhof sein, während sich die Regierungsgebäude an der Spitze des Kreuzes befinden sollten. Lúcio Costa hielt all das in seinen Unterlagen fest, die den Titel „Plano Piloto“ trugen. Dieser Name ist einer der Gründe, weshalb heute fälschlicherweise davon ausgegangen wird, bei der Form Brasílias handle es sich um die gewollte Form eines Flugzeugs, in dessen Cockpit die Regierungsgebäude untergebracht seien.

erste Ideen des „Plano Piloto“
Heute erinnert dieses Denkmal an den damailigen Präsidenten

Ich könnte nun stundenlang weiter ausholen und versuchen die Idee Brasílias weiter sachlich zu beschreiben, (denn es ist wirklich faszinierend!) allerdings glaube ich auch, dass dieser Beitrag hier dann erstens nie ein Ende findet und zweitens eher eine Städtebauanalyse, als meine persönliche Eindrucksschilderung werden würde.

Falls euch die Idee Brasílias genauso interessiert wie mich, schaut doch mal unter folgendem Link nach, da wird alles übersichtlicher und genauer erklärt, als ich es kann:

https://www.google.de/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https://www.planet-wissen.de/kultur/suedamerika/brasilien/pwiebrasiliahauptstadtimnirgendwo100.amp&ved=2ahUKEwjCxZW8mKLnAhXzIbkGHVk4DskQFjAfegQIDBAB&usg=AOvVaw0rIxwDQvezex89hL52Do3Q&ampcf=1

Auf mich wirkt Brasília vor allem anders. Anders, als alles was ich bisher in Brasilien an Städten gesehen habe. Zunächst einmal verfügt Brasília über viel Grünfläche (zumindest rund um den Eixo Monumetal) und wirkt fast schon unnatürlich geordnet. Ein Viertel für Banken, ein Viertel für Ministerien, ein Viertel für Regierungsgebäude. Die unfassbare Ordnung löst bei mir ein ungemütliches Gefühl von Kälte aus. Dazu kommt noch der dauerhaft grau-bewölkte Himmel und die unfassbare Größe der Avenidas. Fünfspurig aber ohne Fußgängerampel! Ich meine: FÜNFSPURIG!! Schnellstraßen auf welchen Autos mit Vollkaracho angebrettert kommen! Dachte dieser Costa sich damals vielleicht, es würde nicht mehr lange dauern bis die Menschen einfach rüberfliegen würden? Oder wie hat er sich das bitte vorgestellt? Und dann ist da noch das ständige Grau der Häuser. Nahezu kein Gebäude hier ist farbfroh. Grau, Braun, Grau, Weiß, Grau… Auf mich wirkt die Stadt kalt, ungemütlich und merkwürdig leer (es hat etwas gedauert bis ich bemerkte, das Brasília die erste Stadt ist, die ich in Brasilien sehe, die keine Stromkabel über den Straßen hängen hat). Und doch hat alles so etwas unbeschreiblich faszinierendes, etwas anziehendes, fast schon magisches an sich…

Fasziniert hat mich vor allem die moderne Bauweise der Gebäude, und die architektonisch künstlerischen Meisterwerke Oscar Niemeyers.

Da wären zum Beispiel die Regierungsgebäude, ein achteckiges Kaufhaus und das Gebäude des Nationalkongress, aber auch die oben bereits beschriebene Kirche und das Nationalmuseeum welche bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen haben.

Der Congresso National, in dessen Kuppeln Senat (links) und Abgeordnetenhaus (rechts) tagen
Die Kuppel des Abgeordnetenhauses
Tribunal do Justica – Der Justizpalast
Der Palacio do Planalto

Neben der Gebäude fallen mir aber auch nach und nach die Menschen hier auf. Zunächst einmal sind die allermeisten die mir begegnen in Anzug oder Kostüm gekleidet. Teure Markenhandtaschen, edle Lackschuhe, Goldschmuck und wieder Parfümgeruch. Die Passanten auf der Straße scheinen allesamt Politiker, Juristen oder Firmenchefs zu sein. Das führt dazu, dass ich beginne mich in meinem eigenen eher praktischen als schicken Reiseoutfit schnell unwohl zu fühlen und ständig das Gefühl habe hier nicht her zu gehören.

Länger dagegen, hat es gedauert bis ich bemerkte, dass sich unter den Menschen hier im Prinzip keine farbigen, geschweige denn dunkelhäutigen Menschen befinden. Das wunderschöne Hautfarbenmischmasch, dass ich aus (allen) anderen Orten Brasiliens kenne, ist verschwunden. Übrig geblieben war nur die Farbe, die der meinen ähnelte. Die Oberschicht Brasiliens scheint eben leider doch noch überwiegend weiß zu sein.

Brasília, dass ist wie in einer anderen Welt. Im Europa der Zukunft oder so. Fernab von Favela und Elend, gründlichst gesäuberte, kabellose, riesige Straßen (die natürlich gradlinig strukturiert in Vierecken verlaufen), Trinkwasser, was aus dem Wasserhahn getrunken werden kann, heißem Wasser zum Duschen (auf meiner Reise durch den Norden Brasiliens auch keine Selbstverständlichkeit) und eine Struktur und Ordnung die so intensiv ist, dass sie mir furchtbar unangenehm und ungemütlich erscheint.

Und dann stand ich vor diesem grauen viereckigen Klotz. Dem Santuário Dom Bosco. Ein riesiger Schuhkarton mit unzähligen schmalen Fenstern und riesigen schweren Holztüren lag vor mir, als ich durch das grüne Metaltor ging.

Vorsichtig stieg ich die rutschigen Steinstufen zum Eingang hinauf und blickte voller Neugierde hinein. NOSSA! dachte ich und ging ein paar Schritte in den Mittelgang der Bänke hinein. Damit hatte ich nicht gerechnet. Der Kircheninnenraum war erfüllt von Wärme. Damit meine ich nicht die Temperatur, sondern die Atmosphäre. Die unzähligen, deckenhohen und zugleich bodentiefen blau-lilanen Fenster schufen mit Hilfe des Abendlichts eine Stimmung, die mich sofort unfassbar ruhig und zufrieden werden ließ. Leise klassische Musik ertönte aus einem Lautsprecher. Die wenigen Menschen in der Kirche beteten oder machten Fotos. Ganz in Ruhe. Der völlige Gegensatz zu der Stimmung da draußen und ein Ort, den ich so schnell nicht wieder verlassen wollte, denn auch dieser hatte etwas besonderes, etwas magisches an sich. Und so vergingen vielleicht zehn Minuten und ich saß einfach da und starrte Löcher in die Luft. Zwanzig Minuten. Vierzig Minuten, und immer noch saß ich einfach da. Irgendetwas ließ mich hier nicht mehr los.

Bevor ich mich wie üblich verabschiede möchte ich an dieser Stelle noch einmal darauf aufmerksam machen, dass ich hier lediglich meine eigenen, sehr SUBJETIVEN Eindrücke schildere. Ich kann und will die Orte nicht allgemein charakterisieren und bewerten, sondern möchte einfach nur MEINE PERSÖNLICHEN Empfindungen und Gedanken mit euch teilen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr die Stadt vielleicht ganz anders wahrnehmen würdet als ich.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Sternenlichter

Weisst du, wie viel Sternlein stehen

An dem blauen Himmelszelt

Weisst du, wieviel Wolken gehen

Weit hin über alle Welt

Gott der Herr hat sie gezählet

Dass ihm auch nicht eines fehlet

An der ganzen großen Zahl

An der ganzen großen Zahl

Es ist dunkel geworden. Die nasse Wärme des Tages hat sich etwas abgekühlt und es weht ein herrlich frischer Wind, der meine (ständig) feuchten Anziehsachen langsam trocknet und mir sanft durch die Haare streicht. So sitze ich im Sand und höre dem knistern des Lagerfeuers zu. Knick – Knack. Das leise Prasseln des Lagerfeuers wird sanft vom endlosen Rauschen der kommenden Wellen untermalt und so vermischen sich auch die salzige Meeresluft, und der Geruch der Hölzer im Feuer.

Ich blicke in die im Wind tanzenden Flammen, welche hunderte kleine Funken mit leisem Knacken in den Himmel schicken. Vom Wind getragen fliegen sie hoch, einige Meter in Richtung Meer bevor sie schließlich verglühen.

Mein Blick folgt den Funken nach oben. Der tief dunkelblaue Nachthimmel ist übersäht mit tausenden von Lichtern. Unendlich viele Sterne, schmücken die Atlantikküste des Jericoacoara-Nationalparks.

Die vielen Sterne der Südhalbkugel, kann ich aber nicht zu Sternenbildern zuordnen. Denn sie sind hier anders als in Deutschland. Anders schön.

Schön, ist es in Jericoacoara auch noch am nächsten Morgen, im Hellen. Das unfassbar große und atemberaubend schöne Lichterchaos am Himmel ist verschwunden und stattdessen brennt die Sonne unerbärmlich und unangenehm heiß vom nahezu wolkenlosen Himmel. Luxusprobleme… Bestes Wetter also, für eine kleine Wanderung durch die Dünen.

Vorbei an Eseln und Kaktüssen, immer dem Sandpfad nach, mit der ständigen Aussicht auf das knallblaue Meer. Wäre das Paradies für mich ein Ort, dann wäre es bestimmt hier, dachte ich, als ich nach gut zwei Stunden den letzten Wegabschnitt Richtung Strand herunterschlittere und dort mit der Aussicht auf den wohl berühmtesten Felsen des Nationalparks belohnt werde:

Und dann wird es auch schon wieder Abend in Jericoacoara und die aus Sand bestehenden Gassen des Dörfchens füllen sich mit Leben. Die Menschen sind allesamt hübsch gemacht, es riecht nach Parfüm und Rasierwasser, ein Sommerkleid ist schöner als das andere. So wird also gemütlich umhergeschlendert, die vielen Schaufenster der Lädchen bewundert oder der Akkustik-Livemusik am Strand zugehört. Eine nahezu familiäre, ruhige Urlaubsatmosphäre, die das chaotische Leben der Großstädte und des Alltags in Vergessenheit geraten lässt. Die hübsch beleuchteten und gemütlich eingerichteten Restaurants laden zum Verweilen ein, hier und da bleibt man stehen um eine Weile zu plaudern und alle lassen gut gelaunt den Tag ausklingen.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Lichtspiele

Es ist still. Dieses Mal wirklich. Es ist absolut NICHTS zu hören. Das erste Mal seit nun fast fünf Monaten! Ich schließe die Augen und atme tief ein. Als ich die Augen wieder öffne hält die Stille immer noch an. Langsam stehe ich auf, klopfe mir den Sand von der Hose und trete aus dem Windschatten der Düne heraus. Der Wind rauscht in meinen Ohren, als ich meinen Blick wiederholt über die endlose Weite schweifen lasse. Sand und Dünen und Sand und Dünen und Sand… Ganz gleich in welche Richtung ich blicke, die Sandberge erstrecken sich bis zum Horizont. Einige dieser Dünen werden von der Sonne beschienen und reflektieren das Licht mit ihrem weißen Sand so sehr, dass ich geblendet werde. Und zwischen den Dünen, da befinden sich unzählige kleinere und größere „Wasserlöcher“. Das türkisblaue Wasser harmonuert mit dem blau des Himmels und dem weiß der Dünen und mit der Reflektion des Sonnenlichts auf dem Wasser, entsteht eine unfassbar große Anzahl an unterscheidlichen Blautönen, die ich in meinem Leben noch nicht wahrgenommen habe. Türkisblau, Türkis mit ein bisschen grün, Blau mit mehr Grün, Knallblau, Hellblau, dunkles Türkis, Blautürkis…

Es ist, als wäre ich auf einem anderen Planeten. Ein Planet voller Licht und Schatten, voller Farbe und Harmonie. Ein zeitloser Ort.

Und als die Sonne langsam ihren Platz verließ, um Mond und Sterne den Ort bereichern zu lassen, da leuchtete sie durch die Wolken hindurch. Ihre Strahlen trafen vereinzelt auf Wasser und Sand und hier und da begann das Wasser zu leuchten und zu glitzern. Das Glitzern spiegelte sich wiederum im Sand. Ein atemberaubend schönes Lichtspiel, welches nur mit Worten schwierig zu beschreiben ist. Ich denke um diese Schönheit in ihrem ganzen Ausmaße zu erfassen, müsstet ihr es selbst gesehen haben.

Die „Lençois Maranheses“ (so heißen die eben von mir beschriebenen „Wasserlöcher“ hier) liegen nur wenige Kilometer nördlich von Barreirinhas, einem kleinen Ort, vier Autostunden östlich von São Luís entfernt. Die gewaltige Dünenlandschaft erstreckt sich von der Atlantikküste aus vier Kilometer in Richtung Inland. In den Senken sammelt sich das Regenwasser. In der Regenzeit werden diese Wasseransammlungen dann bis zu drei Meter tief (da die Trockenzeit hier in Brasilien gerade erst vorbei ist, konnten wir aber bequem durch kniehohes Wasser waten). Durch den ständigen Wind, der vom Atlantik herüber weht und sämtliche Fußspuren sogleich wieder verschwinden lässt bekommt jeder das Gefühl der erste Mensch an diesem magievollen Ort der Lichtspiele zu sein.

„Der Wind bewirkt außerdem, das sich die Dünenlandschaft in schleichendem Tempo immer ein bisschen verändert. So wird es auch für mich nie langweilig, obwohl ich das hier ja mindestens einmal am Tag, oftmals sogar zweimal täglich zu sehen kriege“ erklärt unser Guide auf mein Nachfragen, als er genauso begeistert wie wir ein paar Fotos macht.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Frieden

Mit einem letzten Knattern verstummt der laute Motor des Speedboots. Völlige Stille erfüllt die Umgebung. Stille… Nein. Was sich zunächst so anhört, lässt schnell verschiedenste Geräusche vernehmen. Vögel zwitschern, Frösche quaken, Insekten summen, eine Mücke surrt an meinem Ohr, das Plätschern des Wassers, und irgendwo in der Ferne brummt ein Motorboot. Hinter uns versinkt die Sonne goldgelb hinterm Horizont des Regenwaldes und taucht auch das schwarze Wasser des „Rio Juma“ in gelbbraunes Licht. Vor uns liegt nicht viel mehr als eben der Fluss, während sich rechts und links am Ufer die Bäume des Amazonasregenwalds ausbreiten.

Und dann hören wir sie tatsächlich kommen. Unser geduldiges und möglichst leises Warten hat sich gelohnt. Sie kommen von hinten, fliegen schräg über unsere Köpfe hinweg und lassen sich dann auf der rechten Uferseite in den Bäumen zum Schlafen nieder. Papageien. Kunterbunt in Rot, Grün, Blau… Immer zu zweit fliegen sie nebeneinander her und es scheint fast als würden sie sich unterhalten, so viel „Rabaz“ machen sie. Und als alle nach und nach ankommenden Papageien einen Platz im Baum gefunden haben, da kehrt plötzlich Ruhe ein. Das Gekreische verstummt und damit verstummt auch in mir etwas. Die außen ruhige und gelassene Atmosphäre überträgt sich nahezu auf das innere und so werde auch ich ganz ruhig, als sich in mir das Gefühl tiefster Zufriedenheit ausbreitet. Frieden. Und leise, ganz ohne Motor um die eben erst zur Ruhe gefundenen Vögel nicht wieder aufzuschrecken, paddeln wir zurück zu unseren Hütten.

Einmal in den Regenwald reisen. So richtig tief rein, mitten in die Pampa und all die kleinen Wunder in echt sehen, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte, davon träumte ich schon solange ich zurückdenken kann. Und nun ist dieser Wunsch tatsächlich in Erfüllung gegangen. Zusammen mit zwei jungen Studenten lasse ich mir von Noberto die geheimnissvolle Welt der Tropen zeigen. Noberto selbst ist genau hier am Rio Juma aufgewachsen. Noch heute lebt er mit seiner Frau in eben jenem Haus von damals. 200 Kilometer von der nächsten Stadt (Manaus) entfernt, ohne warmes Wasser, ohne Telefon (von Internet mal ganz zu schweigen), mit nur drei Stunden Strom am Tag (wobei dazu gesagt sein muss, dass es im Regenwald ganzjährig um sechs Uhr abends dunkel wird). Gleich nebenan hat er kleine Hütten gebaut. In denen lässt er Touristen übernachten, denen er dann in kleinen Gruppen von maximal fünf Personen seine Heimat auf eindrucksvolle Art und Weise näher bringt. Ein winziges Familienunternehmen, welches er mit so viel Liebe und Herzblut führt.

„Regenwald? Na Tiere siehst Du da sowieso nicht, dafür müsstest Du in den Pantanal!“

„Regenwald? Naja viel Grün halt Findest Du Bäume nicht bisschen langweilig?“

So und ähnlich reagierten brasilianische Mitbewohner, Arbeitskollegen oder Freunde, wenn ich in São Paulo von meinen Plänen berichtete. Im Regenwald sah ich dann auch warum:

Immer wieder begegnen uns bei unseren vielen Ausfahrten mit dem Boot, andere Speedboote mit fünfzehn oder gar zwanzig Personen. So viele Menschen machen natürlich einfach mehr Geräusche (und wenn es nur 40 Füße auf knackendem, raschelndem Waldboden sind) und da kann ich mir gut vorstellen, wie jedes Tier erschrocken die Flucht ergreift. Da haben wir drei natürlich einen riesigen Vorteil, den Noberto auszunutzen weiß.

Und so sehen wir eben Papageien und Tukane und kommen im Morgengrauen in den Genuss rosane (!) und graue Flussdelfine zu beobachten, angeln Welse und Piranhas (die wir danach natürlich wieder frei lassen) und locken auf einer unserer Wanderungen sehr neugierige kleine Äffchen an. Wir beobachten nachts Kaimane und fangen einen kleinen Aligator. Was für eine friedliche Welt.

Und dann ist da noch der König des Dschungels: Der Jaguar. Noch nie habe ich ein eindrucksvolleres Geräusch gehört! Verschlafen sitzen wir drei morgens am Frühstückstisch, als vom anderen Flussufer her lautes Gebrüll ertönt. Das Grollen hallt richtig durch den Wald und über den Fluss, bis zu uns herauf. Es ist so laut, dass man meinen könnte der Jaguar stünde neben uns. Dann verstummt das Gebrüll, nur um kurz darauf erneut zu ertönen. Diesmal aber weiter westlich. Unsere irritiert verunsicherten Blicke treffen sich und wandern gemeinsam zu Noberto, der lachend erwiedert: „Ach die, die sind noch zwei Kilometer weg.“ Auf unser Nachfragen ergänzt er dann: „Das waren mehrere. Mit dem Gebrüll verteidigen sie ihr Revier vor Artgenossen.“

Der Meister der Tarnung (Na, wer findet den Frosch?)

Neben unzähligen Schnecken, Kröten, Salamandern und Geckos gibt es noch einen Regenwaldbewohner, der mich nicht nur zutiest beeindruckt, sondern den ich auch auf ganz besondere Art und Weise kennenlernen darf: „Você vai ficar aqui e você precisa fazer muito divagar e cuidado!“ bekomme ich letzte Anweisungen von Noberto, bevor ich den dünnen langen Halm langsam in das Erdloch neben mir führe. Wie der Blitz kommt sie sofort aus ihrem Loch heraus und gleichzeitig merke ich wie mein Herz bei ihrem Anblick zu rasen beginnt. Atmen erinnert mein Gehirn meine Lunge. Da sitzt sie nun gerade einmal 30 Zentimeter von mir entfernt. Weiter Atmen. Die größte Tarantel die ich je in meinem Leben gesehen habe. Frühstücksteller groß! Direkt neben mir… Acht Beine, dicker als mein Daumen und nur das Hinterteil schon doppelt so groß wie ein Hühnerei! Dagegen war alles was ich bisher in europäischen Tropenhäusern an exotischen Spinnen gesehen hatte klein und niedlich. Quasi Kuscheltiere. Das hier ist etwas anderes. Das ist riesig, respekteinflößend und aber vor allem unfassbar majestätisch!

Neben all diesen tollen, einmaligen Erlebnissen, die den Regenwald für mich unvergesslich gemacht haben, gibt es aber noch etwas, von dem ich gerne erzählen möchte:

So schippern wir also einmal mehr gemütlich am Flussufer entlang, als Noberto plötzlich inne hält und mit einer seltsam belegten Stimme erschüttert nach rechts zeigt: „Da hat jemand meinen Baum gefällt…“ Die Bezeichnung „mein Baum“ basiert wohl auf Nobertos Bedürfniss jeden einzelnen Baum des Regenwaldes mit seinem eigenen Leben verteidigen zu wollen, wenn er nur irgendwie könnte. Und fast wütend, aber vorallem unfassbar enttäuscht erklärt er uns, welch wertvolles Tropenholz dort nun gestorben war. Und wofür. Und woran er die frische Fällung erkennt. ILLEGAL.

Das mit Abstand traurigste Bild meiner Reise

In diesem Moment muss ich zurückdenken: An die schon aus dem Flugzeug sichtbaren, gerohdeten Flächen und an das „Fischgrätenförmige“ vordringen des Menschen in den Regenwald (auch vom Flugzeug aus zu sehen). Genau wie aus dem Schulbuch. Und jetzt das hier. Und da, wird mir noch etwas anderes bewusst: In den letzten Tagen hatte ich so oft wie noch nie zuvor in meinem Leben Frieden gespürt, welcher sich vom Umfeld, auf das Innere überträgt. Es ist kaum zu beschreiben, aber ich wünsche jedem Menschen dieser Welt einmal genau dieses Gefühl. Es ist ein verdammt Schönes!

Ich meine, natürlich ist es Natur in der jeder jeden frisst und jeder auf den anderen angewiesen ist, aber gleichzeitig wissen sie alle sich gegenseitig zu schützen und sich gegenseitig Leben (-sraum) zu schenken. Pflanzen wie Tiere. Untereinander und artenübergreifend. Und vielleicht ist es das, was den Regenwald zum friedlichesten Ort werden lässt, den ich je in meinem Leben gesehen habe!

Zum ersten Mal seit nun schon vier Monaten hatte ich den Gedanken nie wieder weg zu wollen…

Im Gegensatz zu all dem Frieden, war dieser frisch gefällte Baum aber so gewaltvoll, das der Anblick wirklich kaum auszuhalten war. Der hier herrschende unendliche Frieden lässt diesen gefällten Baum, diesen einen Baum (!) unaushaltbar gewaltvoll erschienen.

Ich habe in Brasilien und besonders jetzt auf der Reise viele erstaunlich große Gegensätze kennenlernen dürfen: Arm und Reich, Gebildet und Ungebildet, kilometerweite Natur und Millionenmetropolen, Stille und unfassbaren Lärm, den immer heißen Norden und das bei meiner Ankunft wirklich saukalte São Paulo und alles liegt so nah beieinander. Dass aber die Spanne von Gewalt und Frieden am selben Ort (!) so unfassbar groß sein kann, damit hätte ich wohl nie gerechnet. Und wenn dann noch bedacht wird, das der Frieden Natur und die Gewalt das Menschengemachte ist, dann frage ich mich, ob der Mensch dieses wortwörtlich wundervollen Planeten wirklich würdig ist…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna