Abenteuerlust

Die Reise beginnt

mitten in der Nacht

Ich lass die Stadt hinter mir

wo alles angefangen hat

Ich weiß noch nicht was morgen ist,

doch ich werde mir was suchen,

was besser zu mir passt

mich am Ende glücklich macht…

Auf zu neuen Ufern!

Max Giesinger – Die Reise (Bist Du bereit)
So ungefähr könnte meine Reiseroute verlaufen

Meine Reise beginnt nicht mitten in der Nacht, aber dafür seehr früh morgens. Die Stadt (São Paulo) in der alles (mein Auslandsjahr) angefangen hat werde ich übermorgen hinter mir lassen und zunächst mit dem Flugzeug in das fast 2692 Kilometer Luftlinie entfernte Manaus reisen. Etwa 100 Kilometer südlich der Stadt werde ich die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mitten im Regenwald verbringen und anschließend das neue Jahr von Manaus aus begrüßen. Im neuen Jahr wird mich meine Reise voraussichtlich zunächst mit dem Schiff über den Amazonas etwa 1300 Kilometer weiter östlich nach Belém führen.

Und dann bin schon an dem Punkt, an dem ich noch nicht weiß was morgen ist…

Mein Ziel wird voraussichtlich erst einmal Fortaleza sein. Auch Natal und Recife würde ich gerne sehen, bevor ich die Traumstrände Bahias und Salvador erreiche. Von hier aus könnte es dann weiter ins Inland gehen, in die Hauptstadt Brasília und über Belo Horizonte und Rio de Janeiro zurück nach São Paulo.

Naja, soweit die Planung im Kopf…

Eine einmonatige, nur grob geplante Reise, bei welcher der Weg das Ziel ist. Immer der Nase nach, gerade aus und dann mal überraschen lassen, was um die nächste Ecke wohl passiert.

Für mich: Ein riesiges Abenteur und das verrückteste was ich je in meinem Leben getan habe!

Auf was für Menschen werde ich wohl treffen? Und wie schwierig wird es wohl überhaupt neue Bekanntschaften zu machen? Was werde ich essen, wo wird mein nächster Schlafplatz? Was werden wohl die größten Herausforderungen und was unterschätze ich momentan? Na, ich werde es herausfinden!

Die wichtigste Frage ist im Moment aber wohl, was packe ich ein, wenn ich fünf Wochen als Backpacker unterwegs bin? Der Rucksack soll natürlich zum Reisen möglichst leicht sein, da er mein ständiger Begleiter sein wird und obendrein soll auch noch genug Platz sein um eventuelle Mitbringsel bequem verstauen zu können.

Was brauche ich wirklich? Darf irgendetwas als „Luxus“ mitreisen?

Drei T-Shirts, vier paar Socken, eine lange und eine kurze Hose, vier Unterhöschen, Schlafanzug, Badesachen.

„Boa wow ich würde auch sooo gerne in den Regenwald… aber nee so ganz alleine will ich dann auch nicht losreisen und das ist ja auch echt weit…“ war mehrfach von Mitfreiwilligen die Reaktion, wenn ich von meinen Reiseplänen für die Sommerferien erzählte.

Ich meine HALLO? Weit??? Ich bin grade 9850 Kilometer Luftlinie von Zuhause entfernt. ALLEINE für EIN GANZES JAHR in ein Land geflogen dessen Sprache ich zu Beginn nicht sprechen konnte. Dagegen ist der fast 3000 Kilometer entfernte Amazonas doch nahezu „hier um die Ecke“.

Und wer weiß, ob und wenn ja wann ich noch einmal so nah an den Regenwald herankomme wie jetzt. Warum nicht „alleine Reisen“ (was ja auch wieder relativ ist)? Ich bin der festen Überzeugung das ich Unterwegs auf andere Reisende treffen werde und damit die ein oder andere spannende Begegnung vor mir liegt.

Da ich allerdings noch nicht so genau weiß, wo und falls ja wie lange und wann ich überhaupt Internet haben werde, könnte es sein, dass ihr im nächsten Monat nicht ganz so viel bis gar nichts von mir hören werdet. Ich werde dann ausführlich berichten, wenn ich wieder in São Paulo zurück bin.

Vielen Dank für euer Verständnis!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Wo geht’s denn hier nach Weihnachten?

Fridolin Frosch, ein Freund für alle Fälle, begibt sich in dieser lustig-turbulenten Weihnachtsgeschichte auf die Suche nach Weihnachten. Ist das ein Staunen und ein Strahlen als die Freunde schließlich auf einem Weihnachtsmarkt stehen: Lichterketten, Plätzchenduft und ein prächtiger Weihnachtsbaum. Kann das denn Weihnachten sein?

Sandra Grimm – Wo gehts denn hier nach Weihnachten

In den Weihnachtszeiten in Deutschland gab es in meiner Familie ganz besondere Bücher, die eben nur zur Weihnachtszeit plötzlich im Wohnzimmerregal erscheinen: „Der Weihnachtsmann hat Schnupfen“, „Der kleine Weihnachtsmann“, „Licht in der Laterne“, „Wo gehts denn hier nach Weihnachten?“…

Nie hätte ich gedacht, das mir in diesem Jahr die selbe Frage begegnet, die sich auch Fridolin Frosch jedes Jahr wieder und wieder stellte. Während ich als Kind einfach den tollen Erzählerstimmen meiner Eltern lauschen konnte, die gemeinsam mit Fridolin innerhalb von zwanzig Minuten eine Lösung für diese Frage fanden, darf ich Weihnachten dieses Jahr alleine finden. Und das dauert (wie ich schnell bemerkte) deutlich länger als nur die paar Minuten, in denen sich eben mit einem Bilderbuch beschäftigt wird.

Weihnachten, das war für mich immer eine der schönsten Zeiten im Jahr. Plätzchenduft. Frieden. Die unfassbare Stille wenn der Schnee fällt. Gemeinschaft. Der sichtbare Atemhauch in der eiskalten Dezemberluft. Heißer Tee. Michel in der Suppenschüssel. Tannengrün. Besinnlichkeit. Transparentpapiersterne. Stutenkerle. Mamas Weihnachtslieder-CD’s, die von Helene Fischer über die Kelly Family bis zu Marshall und Alexander reichen. Kekse backen. Den Tannenbaum schmücken. Familienzeit. Liebe…

Übringgeblieben war von all dem zunächst einmal nur eins: Sehnsucht.

So saß ich vor Beginn meiner Weihnachtssuche schwitzend in Top und kurzer Shorts auf dem Dachgeschossflur im Schatten (um in der Sonne zu sitzen ist es nun wirklich viel zu heiß geworden), und aß Wassermelone und ich weiß es klingt total verrückt, aber zur selben Zeit wünschte ich mir nicht sehnlicher, als meine Winterjacke und den Geruch von Zuhause, der an Weihnachten immer ein ganz besonderer ist. Nie also wirklich NIE hätte ich gedacht, dass ich das gejohle von Helene Fischer, wenn sie „Vom Himmel Hoch “ singt, einmal vermisse und noch weniger hätte ich mir vorstellen können, dass ich mir so etwas einmal freiwillig anhören werde.

Aber ganau das tat ich dann. Ich erstellte ein Playlist mit lauter deutschen Weihnachtsliedern, auf der von Rolf Zuckowski (Dezemberträume), über Klassiker wie „Tochter Zion“ und „Last Christmas“, bis hin zu weihnachtlicher Popmusik für jeden Geschmack etwas dabei war.

…und dann drehte ich die Musik so laut auf wie es nur ging, nahm Papier und Klebestift und begann Transparentpapiersterne zu falten. Und da war es auch für mich plötzlich Weihnachten.

Ich begann diese Momente zu sammeln und immer öfter zu bemerken, dass trotz der hochsommerlichen Wärme und dem Arbeitsalltag Weihnachten jeden Tag ein Stückchen näher rückt:

…und dann entzündeten sie im Halbdunkel all ihre Lichter, die sie in Form von Kerzen und Laternen mitgebracht hatten, standen auf und begannen zu singen. Im großen Bogen suchten sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge. Sie sangen. Sie trugen ihre Lichter mit so viel Behutsamkeit und Bedacht. Sie lächelten. Und dann blieben sie stehen, nahmen den Vorder- und Hintermann an die Hand und immer noch sangen sie. Und da war es plötzlich auch für mich Weihnachten.

…und dann kam sie, die sie mich bisher scheinbar nicht sonderlich gemocht hatte, auf mich zu. Sie erzählte mir, der Nikolaus hätte auch für mich ein Säckchen dagelassen. Fast zwei Wochen nach São Nicolau, sei der Honigkuchen schon weggelaufen, aber dafür wären zwei Äpfel drin. Sie nahm mich in den Arm und wünschte sich für das neue Jahr mehr Möglichkeiten mit mir zu sprechen. Ich bekam ein wunderschönes selbstgehäckeltes und mit Stern verziertes Nikolaussäckchen geschenkt, als sie mich in den Arm nahm und uns beiden wünschte, dass sich im neuen Jahr mehr Möglichkeiten miteinander zu sprechen ergeben würden. Und da war es plötzlich auch für mich Weihnachten.

…und dann begannen wir zu spielen. Engel auf den Feldern singen. Unsere Freiwilligenband, bestehend aus zwei Geigen, zwei Celli, zwei Gitarren und alle übrigen Freiwilligen sangen in Engelskostümen. Eine Strophe auf deutsch, eine auf italienisch, eine auf japanisch und die letzte auf portugiesisch. Und als anschließend Applaus ertönte, da war es auch für mich plötzlich Weihnachten.

Und nein, mein Cello ist bei der Wärme nicht geschrumpft 😉
Die Geige habe ich vor den, von Melone klebrigen Fingern meiner Mitfreiwilligen beschützt

…und dann saß ich ganz alleine im Regen und blickte auf eine weihnachtlich beleuchtete und geschmückte Stadt. Aber nicht nur die Stadt leuchtete. Es leuchteten auch Erinnerungen an letztes Jahr Weihnachten. An die Familienfeier, das Festessen und wie am ersten Weihnachtsfeiertag beim Frühstück plötzlich das Telefon klingelte… Und so vermischten sich Tränen und Regen und als beides nicht mehr voneinander zu unterscheiden war, da spürte ich jemanden hinter mir, eine Hand in meiner, ich in seinen Armen. Auch da war es für mich plötzlich Weihnachten.

…und dann hob der Dirigent seinen Stab und das Orchester begann zu spielen. Engel auf den Feldern singen. Vierstimmig. Und ich durfte mit meinem Cello ein klitzekleiner Teil dieses wundervollen Klanges sein. Und als der Refrain ertönte, da war es plötzlich auch für mich Weihnachten.

…und dann streckte mir Cãtano seine kleinen Ärmchen entgegen. „Feliz Natal“ wünschte der grade einmal Anderthalbjährige mir. „Ciao, boas Festas Cãtano!“ wünschte ich zurück, als ich mich neben ihn auf den Boden setzte und mich möglichst klein machte um diese Umarmung zu erwiedern. Und da war es plötzlich auch für mich Weihnachten.

… und dann kamen am Ende der Weihnachtsfeier die Eltern von Cainã auf mich zu. „Muito Obrigada por todo. Boas Festas!“ („Vielen Dank für alles und schöne Festtage!“) wünschten sie mir. Und dann bekam auch ich eine Umarmung und einen Abschiedskuss, bevor sie mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm in der Tür verschwanden. Und da, war es auch für mich plötzlich Weihnachten.

Mein neues Highlight bei Weihnachtsessen: Erntefrische Pfirsiche!

…und dann ertönte eine Weihnachtsmelodie, die nicht nur in Brasilien, sondern wohl auf der ganzen Welt bekannt ist: Jingle Bells. Auf portugiesisch und mit lateinamerikanischen Trommelrythmen untermalt. Sofort erhob sich die Menschenmenge von ihren Stühlen, alle begannen zu singen, im Takt mitzuklatschen und zu tanzen. Es entstand eine ausgelassene, fröhliche Partystimmung mit der die letzte Integração dieses Jahres ausklang. Und da war es plötzlich auch für mich Weihnachten.

Ich könnte ewig so weitererzählen, denn die Momente in denen auch ich das Gefühl von Weihnachten habe, lassen sich wohl inzwischen trotz dem Arbeitsalltag und der Hitze nicht mehr zählen. Weihnachten in Brasilien ist laut, bunt und sehr fröhlich. Und deshalb wünscht man hier auch keine „fröhlichen Weihnachten“ (denn fröhlich sind sie sowieso), nein man wünscht:

„Feliz Natal“ (GLÜCKLICHE Weihnachten)

Und diese, wünsche ich euch auch!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Anders schön

So dreckig war ich aber schon lange nicht mehr, stellt mein Gehirn fest als ich den Hügel wieder nach oben krachsel, immer bemüht dabei nicht schon auf halbem Weg den Halt zu verlieren und gleich wieder herunterzuschlittern. Und so glücklich auch nicht, denke ich gleich danach.

Glücklich. Das erscheinen sie mir hier alle. Grinsende Gesichter, leuchtende Augen, Sonnenschein, Natur wohin das Auge blickte und eine kleine schlammverschmierte Hand in meiner. „Anna, vamos juntos?“ („Anna, wollen wir zusammen rutschen?“) und schon lande ich wieder im Matsch.

Wir befinden uns übrigens etwa anderthalb Stunden Busfahrt stadtauswärts, auf dem Gelände der „Humana Terra“.

Hier dürfen vier Betreuer, meine Mitfreiwillige und ich, mit über vierzig Kindern der Musikschule zwei wunderschöne, aber auch sehr abenteuerliche Tage im Grünen verbringen. Ein Ausflug, auf den die Kinder sich seit Wochen freuen, da dieser jährliche Tradition der Musikschule ist. Neben einer „Dschungelwanderung“, selbstgemachter Pizza und der Schlammrutsche, sowie dem kleinen Schwimmbecken, welches sich ebenfalls auf dem Gelände befand, gab es hier auch unzählige Tiere zu bestaunen: Rote Käfer mit goldenen Punkten, weiß gestreifte Kakerlaken, riesige Fliegeviecher, die in der Lage sind Spinnen mit sich fort zu tragen (wobei die Spinne wohl dreimal größer ist als das Fliegeviech), ein riesiger schwarzer Käfer, der (nachdem das Licht gelöscht ist) zwei im Dunkeln grün leuchtende Seiten besitzt und Vögel, die auf Flötenspiel antworten, indem sie dies nacharmen.

Trotz der ganzen chaotischen und lebhaften Aktionen und dem unfassbaren und endlos anhaltenden Lärm, entsteht hier eine ganz besondere, einmalige Atmosphäre.

Ich beginne die Kinder anders wahrzunehmen als sonst in der Musikschule und noch viel näher kennenzulernen. Es entstehen (teilweise wirklich interessante) Gespräche zwischen mir und den Jugendlichen der Nachmittagsgruppe, die ich bisher nur vom sehen kannte, und immer wieder gibt es Situationen, die mich Staunen oder einfach genießen lassen.

So bekomme ich zum Beispiel die Aufgabe die „kleinen“ (6 bis 9 jährigen) Mädchen ins Bett zu bringen. Nun haben diese acht aber natürlich alles andere im Kopf als zu schlafen. Aufgeregt und laut springen und schreien sie herum und ich kann zunächt kaum etwas dagegen machen, unter anderem weil ich im wahrsten Sinne des Wortes schon wieder sprachlos bin. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es letztendlich schaffte, aber irgendwann liegen sie dann doch alle brav aufgereiht nebeneinander und ich lösche das Licht. „Lá na Alemanhã“, beginne ich zu erzählen „quando eu tive que dormir, minha mãe sempre cantou uma musica pra mim. Vocês querem escutar?“ („In Deutschland hat meine Mama mir immer etwas vorgesungen, wenn ich einschlafen sollte. Wollt ihr es hören?“), frage ich die Mädchen. Und so beginne ich nach begeisterter Zustimmung in die gespannte Stille zu singen „La-Li-Lu nur der Mann im Mond schaut zu…“. „Ai, que gostoso!“ („Wie herrlich!“) haucht die kleine Eloisa, die eben noch schreiend im Kreis gerannt war, in die Stille. „Cala boca, eu quero escutar!“ („Halt die Fresse, ich will das hören!“) meckert Mayara im gewohnten Tonfall zurück. Und so singe ich noch ein Schlaflied, und noch eins, und noch eins. Und als mir die Schlaflieder ausgehen beginne ich die Lieder zu singen, die mir aus der Schulzeit im Gedächtnis geblieben sind (die Kinder verstehen mich ja eh nicht 😉 ).

Ein andernmal sitze ich alleine oben auf dem Hügel, als die sonst immer sehr laute, ungeduldige und teilweise unverschämt freche und aufmüpfige, elfjährige Bia neben mich gekrabbelt kommt. „Anna, você tem namorado?“ („Anna, hast Du eigentlich einen Freund?“) eröffnet sie neugierig das Gespräch. Was dann folgt hätte ich nie erwartet! Ganz ruhig sitzt sie da und fast zwanzig Minuten unterhalten wir uns. Über Freundschaften, über Einhörner, den Ausflug und den tollen Ausblick ins Grüne. Das besondere an diesem Gespräch ist, dass ich Wörter die ich nicht verstehe nachfrage (so wie immer) und Bia sie mir mit Geduld erklärt (!). In der Musikschule hatte ich für das Nachfragen bisher immer nur böse Blicke oder ungeduldiges Schimpfen von ihr geerntet… Und dann werden wir zum Essen gerufen und wieder spüre ich eine kleine Hand in meiner. Hand in Hand, gingen wir also gemeinsam in Richtung Küche.

Später sehe ich, wie der kleine Alan zunächst ganz alleine mit der Gitarre da sitzt und begeistert immer wieder die leeren Seiten anspielt, bis der Geigenlehrer dies bemerkt und sich neben ihn setzt. Er greift jetzt die Akkorde, während Alan (sogar im Rhythmus auf den Schlag!) die Seiten anschlägt und eine weitere Betreuerin dazu singt. Ein zuckersüßes, friedliches Bild und wieder eine Situation in der ein sonst so lautes und aktives Kind ganz ruhig und hochkonzentriert beschäftigt ist.

Der Abend klingt gemütlich am Kaminfeuer aus. Nicht das dieses bei 25°C unbedingt nötig ist, aber die Atmosphäre die so entsteht ist wieder eine ganz besonders einzigartige, als der Geigenlehrer dann noch eine Gitarre nimmt und leise portugiesische Lagerfeuerlieder anstimmt.

Ich weiß nicht, ob es vielleicht an der Atmosphäre lag, in der wir alle wie eine große Familie zusammenwuchsen, an der frischen Luft die uns umgab, oder an dem vielen Grün… Aber auch ich bemerkte, dass diese zwei Tage nicht spurlos an mir vorbeigehen:

Im Alltag bin ich gerne auch mal alleine. Normalerweise entspannt mich dieses Alleinesein und lässt mich innerlich ruhig werden. Nun allerdings war ich zwei Tage ununterbrochen unter Menschen gewesen ohne auch nur eine einzige Möglichkeit zu haben annähernd alleine zu sein. Und wo ich mich anfangs (nach nur wenigen Stunden) danach sehnte einmal ganz alleine in Stille den Vögeln zuhören zu dürfen, beginne ich mich in der großen Gruppe immer wohler zu fühlen. Und als ich am morgen aufstehe (lange vor allen anderen), da war es plötzlich ganz merkwürdig so alleine dazusitzen und ich wünschte mir nichts sehnlicher als Gesellschaft. Wie froh war ich doch, als einer der Betreuer plötzlich mit Kaffee neben mir auftauchte, und wir gemeinsam und in aller Ruhe die ersten Sonnenstrahlen des Tages genossen.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

São Nicolau

„…und dann geht die Türe auf

und die Augen der Kinder leuchten heller als der Baum

und die Börse schweigt und die Welt steht still

so wie es früher einmal war

und plötzlich bin ich wieder klein…“

Wingenfelder – Wenn die Zeit kommt

„Bumm, bumm, bumm“, es klopft an der Tür zum Cosme Damião I, der Kindergartengruppe. Es klopft nicht, ja es bollert richtig. Elf Augenpaare wandern zunächst etwas unsicher von ihren Tellern zur Tür und dann zu mir und der Erzieherin. „E São Nicolau? Vamos todo mundo levanta. Vem aqui“ („Ist das vielleicht der Nikolaus? Los gehts alle aufstehen. Kommt mal her“). Die Erzieherin öffnet die Gruppentür und alle Kinder stürmen in Richtung Flur. Dort regnet es. Es regnet winzige, glitzernde Sternchen auf die Kinder herab, die mit leuchtenden Augen den Weidenkorb betrachten, in dem normalerweise alle Straßenschuhe gesammelt werden. Jetzt sind alle Schuhe fort. Ordentlich aufgereiht an der Wand. Im Korb liegen stattdessen viele bunte Säckchen, die mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen gefüllt sind. Viel spannender als die Säckchen ist für die Kinder aber tatsächlich der Glitzersternenregen:

Ob man die Sterne wohl auch essen kann? (Elena)

Und wo und warum bleiben die überall kleben? (Lukas)

An T-Shirt, Haaren, Socken… Iiiih an der Hand mag ich die aber nicht kleben haben! (Cainã)

Okay, hefte ich sie meinem Nachbarn halt an die Pampers (Geovanna)

Und was soll denn das alles jetzt? Was machen die denn da alle? (Kauan – beobachtet das glückliche, ausgelassene Treiben eher skeptisch aus sicherer Entfernung)

Mitten in diesem Gewusel saß ich mit Miguel auf dem Schoß und blickte wieder und wieder in die strahlenden Gesichter der anderthalb Jährigen. Kinderlachen und riesige, funkelnde Augen. Und mitten im diesem Gewusel spürte ich plötzlich diese innere Ruhe und Zufriedenheit, eine Art Besinnlichkeit und genau das „Weihnachtskribbeln“ wie ich es aus Deutschland schon kenne. Und mitten in diesem Gewusel hatte ich plötzlich Bilder von all den Nikolausabenden in Deutschland im Kopf: Wie ich als Kindergartenkind dem Nikolaus Gedichte aufsagte, wie meine Cousine noch im letzten Jahr völlig aufgeregt den Nikolaussack ins Wohnzimmer schleifte, wie die ganze Familie zusammen Nikolauslieder sang, Stutenkerle aß…

Und dieser Weihnachtszauber hält bis jetzt an, wo ich unsere Etage unserer Multikulti-WG außnahmsweise mal ganz für mich alleine haben kann. Stille (mit Außnahme der Musik von der Straßenecke und dem Fernseher im Untergeschoss sowie den vorbeifahrenden Autos) Kerzenlicht, ein Apfel-Zimt-Tee der herrlichen Geruch verströmt…

Und so beginne ich die Geschichte aus dem Nikolaussäckchen zu lesen (oder besser: mich mühselig durch merkwürdige Vergangenheitsformen und hochgestochene Höflichkeitsformen zu kämpfen):

„Vor langer Zeit, im Orient, lebte ein erfurchtsvoller Bischof namens Nicolau. Eines Tages hörte er, dass es im Westen eine Stadt geben solle, in der alle Menschen großen Hunger leiden. Auch die Kinder.

Deshalb rief er seine Diener, die er sehr liebte und sprach zu ihnen: „Bringt mir Früchte aus euren Obstgärten und die Ernte eurer Felder damit wir die Hungernden sättigen können.“

Die Diener brachten Körbe gefüllt mit Äpfeln und Nüssen. Darauf lag Honigkuchen, welchen die Frauen (zu den Dienern des Nicolau gehörten wohl auch Frauen) gebacken hatten. Auch brachten die Diener Säcke voll von goldgelbem Weizenkorn. Der Bischof Nicolau ordnete an, dass alle Gaben auf ein großes Schiff gebracht werden sollten. Es war ein großes und schönes Schiff, ganz weiß und seine Segel waren so blau wie der Himmel und so blau wie der Umhang Nicolaus.

Der Wind bließ in die Segel des Schiffes, so dass es fuhr und als der Wind sich schließlich legte, nahmen die Diener die Ruder und brachten das Schiff in den Westen. Sie reisten lange: Sieben Tage und sieben Nächte.

Als sie ankamen war es in der großen Stadt nacht und deshalb sahen sie niemanden auf den Straßen, aber in den Fenstern der Häuser schienen Lichter. Der Bischof Nicolau schlug gegen eines der Fenster. Die Mutter, die in diesem Haus lebte dachte, es wären Reisende, die um einen Unterschlupf bitten würden und schickte ihren Sohn um die Tür zu öffnen. Aber es stand niemand vor der Tür. Das Kind ging zum Fenster. Auch hier war niemand, aber es fand einen Korb voll von Nüssen und grünen und gelben Äpfeln, auch der Honigkuchen fehlte nicht. Auf der anderen Seite des Korbes lag ein Sack, überfüllt von goldgelben Weizenmehl.

Alle Menschem der Stadt aßen die Gaben und blieben kräftig und glücklich.

Jetzt ist São Nicolau im Himmel.

Jedes Jahr an seinem Geburtstag reitet es auf seinem weißen Pferd zur Erde und orientiert sich an den Sternen. Dort trifft er die reisende Maria: Sie sammelt Gold- und Silberfäden um ein Hemdchen für Jesus zu machen. Deshalb sagt Maria zu ihm: „Lieber São Nicolau. Kehr zurück zu den Kindern. Bringe ihnen Deine Gaben und sag ihnen dass Weihnachten, die Geburt des Christuskind, bevorsteht.“

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna