Wasser, Wind – Weihnachten

„Wer Gutes tun will, muss es verschwenderisch tun“

Martin Luther

Mit der Vorweihnachtszeit beginnt nun eine Zeit, die für mich schon immer zu den Schönsten im Jahr gehörte.

Eine Zeit des Friedens und der Hoffnung, eine Zeit der Ruhe und Besinnlichkeit, eine Zeit des Teilens in der das Miteinander einen ganz neuen Stellenwert zu bekommen scheint.
Gemeinsam lachen und zusammen die Welt zu einem schöneren Ort werden lassen, an dem alles so harmonisch und leicht erscheint.

Schenken und beschenkt werden. Was gibt es schöneres, als die leuchtenden Augen und das große Glück unter dem Weihnachtsbaum?

Und vielleicht könnt ihr euch vorstellen eben dieses Glück, mit den Kindern der Musikschule zu teilen, in der ich jeden Vormittag arbeiten darf.

Diese ist über die Jahre nämlich wirklich heruntergekommen. Die Fenster sind kaputt und undicht, das Wasser tropft durch die Decke von der Fassade bröckelt der Putz, die nackten Steinwände des Hortraums haben noch nie Farbe gesehen (von Verputzung mal ganz zu Schweigen).

Der Boden des Probenraums nach einem Regenguss
Kaputte Fenster, welche in den ohnehin unbeheizten Räumen für unfassbare Zugluft sorgen und das Geige- und Cellospielen im Winter mit eisigen Fingern zu einer Herausforderung werden lassen

Für diese dringend nötigen Reperaturen versuchen wir nun 5000€ zu sammeln (etwa 23.300 R$) und somit fast 60 Kindern weiterhin einen Ort zu schenken, an dem Kreativität, Selbstbewusstsein und Sozialverhalten mit Freude an der Musik gefördert werden. Ein Ort, an dem sie sich Sicher und Geborgen fühlen, an dem sie einfach Kinder sein dürfen und ihnen eine Zeit zu schenken, an die sie sich später gerne zurückerinnern.

Allerdings schaffen wir das nicht alleine! Deshalb möchte ich euch an dieser Stelle um eure Hilfe bitten.

Teilt den unten stehenden Link gerne, wo auch immer ihr möchtet. Facebook, Instagram, Whatsapp oder was auch immer euch sonst noch einfällt.
Gerne dürft ihr diesen natürlich auch direkt an potentielle Spender weiterschicken, oder ihr verschenkt ein kleines bisschen eures großen Weihnachtsglücks (auch winzig kleine Beträge können hier vor Ort großes bewirken) indem ihr unser Vorhaben selbst unterstützt und somit fast sechzig Kindern Hoffnung auf ein besseres Leben schenkt.

https://www.betterplace.org/en/projects/74386-mit-musik-perspektiven-andern-musikschule-monte-azul

„Muito obrigado“ („Vielen Dank“) im Namen der Musikschulkinder Monte Azuls,

eure Anna

Im Paradies

oder: Wie ich mir bewusst wurde schon immer dort zu sein

„Oh wow, guck mal wie hübsch! Und sooo grün hier. Ah schau mal der Strand, oh und die Palmen. Das ist ja ein richtiges kleines Paradies hier…!“ Vor lauter Entzückung kann sich meine Mitfreiwillige kaum noch auf ihrem Sitz halten, als wir nach einer sehr rappeligen Nacht im Reisebus, am nächsten Morgen auf Ilhabela ankommen.

lhabela ist eine Insel, die etwa sechs Stunden Reisebusfahrt nördlicher Richtung von der Großstadt São Paulo entfernt liegt. Hier dürfen alle Freiwilligen, die zur Zeit ein Teil von Monte Azul sind, gemeinsam einen fünftägigen Kurzurlaub verbringen. Dazu gehört für uns alle, sich an den Strand zu setzen, die Nase in die Sonne zu halten und sich im türkisblauen Wasser zu erfrischen, durch tropische Wälder zu stapfen, unter Wasserfällen zu baden oder einfach auch mal gar nichts zu tun, während beobachtet wird, wie die Sonne im Atlantik versinkt.

Im Paradies

Was mir neben den tropischen Wäldern, Stränden und der nassen Wärme auffällt, ist auch hier die Lautstärke. Von dem Lärm abgesehen, den wir als zwanzigköpfige Personengruppe nunmal eben so verursachen, sind während unserer Ankunft hunderte Vögel zu hören und ich bekomme ein paar riesige Greifvögel, frei fliegende Wellensittiche und riesige blaue Schmetterlinge zu sehen, wie ich sie bisher nur von Fotos kannte. Dagegen ertönt am Abend mit einem ohrenbetäubenden Lärm das Zirpen tausender Grillen. Außerdem ist auch die Luft hier anders als in São Paulo. Es riecht ständig nach Blütenduft und frischem Regen die Luft scheint klarer und alles erscheint irgendwie so frei und leicht.

Da ist es wohl nicht verwunderlich, dass gleich am ersten Tag das meist gesprochene Wort hier wohl: „Paradies“ ist. Auch im Laufe der nächsten Tage fällt mir immer wieder auf wie viel doch als „paradiesisch schön“ bezeichnet wird und genau das bringt mich zum Nachdenken.

Warum sollte das Paradies denn ausgerechnet tropisch sein? Und was ist denn dieses Paradies eigentlich?

Ich meine stellen wir uns mal die Straße vor, in der ich in Deutschland lebe. Nach Sonnenuntergang fallen dicke Schneeflocken auf die bereits mehrere Zentimeter dicke Schneedecke, welche Hausdächer, Bürgersteig und Vorgärten bedeckt. Es ist mucksmäuschenstill und mit Ausnahme der Schneeflocken erscheint alles bewegungslos. Nur aus den Fenstern, scheint warmes gelbes Licht hinter den roten Transparentpapiersternen hervor und verrät so, dass es hier Leben gibt. Und dann ertönt zunächst der leise Klang einer Glocke, bevor hinter den Fenstern zu singen begonnen wird: „Stille Nacht, heilige Nacht…“

Für mich ist das auf jeden Fall auch ein Paradies. Und hier auf Ilhabela, habe auch ich immer wieder das Gefühl im Paradies zu sein. Zwei so unterschiedliche Welten und doch das selbe Paradies?

Zunächst einmal fange ich also an zu beobachten und versuche mich selbst darauf aufmerksam zu machen, wenn ich das Gefühl habe im Paradies zu sein.

Zum Beispiel, als wir gemeinsam auf dem Steg saßen und der Regen unsere T-Shirts durchnässte, während gleichzeitig die Sonne den Strand erleuchtete und wir Steine über die Wellen hüpfen ließen.

Im Paradies

Oder, als ich an einem der Wasserfälle eine Liane entdeckte und plötzlich all meine Sehnsucht zur Luftakrobatik erwachte. Ehe ich das Ganze nocheinmal überdenken konnte hing ich neben dem Wasserfall in der Luft und genoss es einfach mal wieder zu fliegen.

Auch als ich mehrfach ganz alleine am Meer entlang lief, und mit den Füßen im Wasser endlich mal wieder all den Gedanken Raum geben konnte, die im Trubel mit all den Freiwilligen keinen Platz hatten, hatte ich den Gedanken an ein Paradies. Nur das Meer rauschte, ein in paar kleine gelbgrüne Vögelchen pickten Insekten aus dem Kies und ich starrte Löcher in die Ferne.

Einmal liefen wir im halbdunkel vom Strand zurück, in unsere Unterkunft. Palmen, Berge, Grün, ein rot blauer Himmel, ein angenehm leichter Wind. Eine Aussicht, auf der mein Blick einfach ruhen konnte.

Ein anderes Mal gingen wir alle gemeinsam zum Strand. Aber ich konnte einfach nicht daliegen und nichts tun, ich wollte endlich mal wieder jonglieren und der drang mich zu bewegen wurde immer größer. Und das tat ich dann auch einfach.

Im Nachhinein betrachtet fällt mir auf, all dies sind immer Situationen in denen ich sehr glücklich bin und in denen ich nicht darüber nachdenke, was ich wohl noch in Zukunft tun muss, was vorher war und ich nicht spekuliere was wohl irgendwann einmal sein könnte. Momente in denen ich einfach ich selbst bin, mich frei fühle und mir keine Gedanken darüber mache, was die anderen denken. Glücksmomente, die von mir ausschließlich in der Gegenwart gelebt werden…

Das Paradies ist also IMMER…

…genau HIER und genau JETZT!

Im Paradies

Aber wenn das Paradies ständig gegenwärtig ist, was ist dann mit den Situationen, in denen ich nicht glücklich bin? Ich denke, dass ich mir dann einfach nicht darüber bewusst bin, gerade im Paradies zu sein.

Denn das Paradies, in dem ich lebe, ist nicht nur vollendetes Glück, sondern auch jede Situation an der ich etwas (er-)wachsen (werden) darf.

Im Paradies

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Sprachlos

Dieser Moment erscheint im Dauerzustand
und ist eigentlich fast immer da.
Begegnet mir so oft, weswegen
sind diese Worte denn nie da?

Selbst jetzt nicht und es brennt in meinem Kopf
ein Vokabelfeuerwerk, und doch
krieg‘ ich keinen Satz heraus, der sagt:
Ich bin Sprachlos. Einfach Sprachlos.

Und manchmal wünsch‘ ich mir ich könnt‘ es einfach.
Ich wäre laut; sag’s euch ins Gesicht:
aber ich kann es einfach nicht.
Ich bin Sprachlos. Einfach Sprachlos.

Und sauer dann nicht nur auf euch,
sondern besonders auf mich selbst.
So hilflos und das selber schuld.
Was ist denn das für eine Welt?

In der ich ständig sprachlos bin vor
Erstaunen, Sorge oder Glück?
Und wenn ich doch mal Worte finde,
dann ist einfach niemand da.

Niemand da, der sie hört.
Niemand da, der sie versteht.
Niemand da, der sie will.
Nur so ein doofes Blatt Papier…

Und manchmal schein‘ ich so verlor’n
ich traue mich einfach nicht
zu sagen was ich wirklich denk‘
aus Angst – Ihr versteht mich nicht.

Wie könnt ihr mich denn schon verstehen?
Ich bin sprachlos und ihr blind und taub
Wollt ihr mir beim Schweigen zuhören?
Ja, vielleicht geht das auch…?

Dann wenn ich nicht mehr sprachlos bin,
in einer neuen Welt,
ich schaff es endlich, schau euch an
und sag euch was mir jetzt einfällt.

Und ihr steht da und starrt zurück
in dieser neuen Welt,
seid ihr dann die, die überrascht
so einfach plötzlich sprachlos sind.“

Was ihr da oben lesen könnt entstand irgendwann spät abends gegen elf, an der absoluten Schmerzensgrenze meiner Frustationstoleranz.

Einfach mal wieder ALLES rauszulassen, alles sagen zu KÖNNEN, was ich sagen WILL und dabei verstanden werden, war derzeit mein größter Wunsch. Der Drang endlich mal wieder was zu SAGEN und andere gleich beim ersten Mal zu VERSTEHEN war so groß geworden, dass es plötzlich aus mir herausplatzte und ich völlig unvorbereitet, gerade noch schnell genug einen Kulli in die Hand bekam, bevor all der Frust im Halbdunkel auf ein Papierstück niederprasselte. Naja, das ist nun dabei herausgekommen…

In den ersten Wochen nach meiner Ankunft stellt die neue Sprache für mich zunächst einmal eine der größten Herausforderungen dar. Denn mein Wortschatz, der sich gefühlt auf „sim“, „não“, „obrigada“, „por favor“, „oi“ und „bom dia“ beschränkte, reichte hier natürlich bei weitem nicht aus.

So konnte ich also weder nach Wegen oder Uhrzeiten fragen, oder über Smaltalk mit anderen ins Gespräch kommen noch war ich in der Lage irgendwelche anderen Informationen selbst einzuholen.

Am allerschlimmsten war für mich aber zunächst nicht meine eigene Sprachlosigkeit, nein: Ich verzweifelte ständig daran meine Gegenüber zu verstehen.

Das Portugiesische hat eine unfassbar intensive, ausdrucksstarke Melodie in der jedes Wort in einer anderen Tonlage erscheint. Und so kam es also, dass ich zunächst einmal dazu überging mir eben jene Melodien einfach nur anzuhören und das Portugiesische damit als eine unfassbar freundliche, warme Sprache wahrzunehmen. Nehmen wir zum Beispiel das Adjektiv „vermelho“ (sprich: wermelio), so wird glaube ich sehr deutlich, dass dies wohl sehr viel liebevoller erscheint, als das Deutsche „rot“. Oder das eher fröhlich hüpfende „marquina-de-lava-roupa“ (sprich: markina-dschi-lawa-houpa), was natürlich sehr viel weniger bedrohlich wirkt als unsere mit zweifachem Zischlaut versehene „Waschmaschine“.

Leider musste ich schnell merken, dass eine Sprache noch so freundlich klingen kann. Da ich sie nicht verstand erschien sie mir mehr und mehr bedrohlich. Wenn zusätzlich dann noch Hintergrundgeräusche wie zum Beispiel Fernseher, Musik oder Küchengeräte eingeschaltet waren, oder ein Stimmengewirr entstand, hatte ich nicht die kleinste Chance auch nur ein einziges Wort zu verstehen.

Und so saß ich also in mitten einer Gruppe Jugendlicher an einem großen Essenstisch, als einer der Lehrer mich quer über den Tisch etwas fragte. Auf mein entschuldigendes mehrfaches (!) Nachfragen hin (mal davon abgesehen, dass ich die Worte in ihrer Bedeutung nicht kannte, war es um mich herum auch einfach zu laut um irgendetwas zu verstehen), versuchten dann plötzlich gleich zehn Jugendliche gleichzeitig mir die Frage nochmal zu stellen. Eigentlich wollten sie alle mir ja nur helfen, dass nun entstehende Stimmengewirr drang aber gar nicht mehr in meine Gedanken ein; nein: Eine Wand aus Geräuschen klatschte mir ins Gesicht, bis ich schlussendlich so verunsichert war, dass ich einfach nett lächelnd und nickend „ja“ sagte.

Diese Taktik erwies (und erweist sich auch heute noch immer wieder) als zugegeben nicht unbedingt sehr klug, aber doch effizient. Mein Gegenüber ist zunächst zufrieden und glaubt erfolgreich gewesen zu sein und ich bin nicht jedes Mal die Dumme, die nur hilflos dasteht, fragend guckt und für wirklich ALLES eine extra ausführliche Erklärung braucht.

Nun ist es aber natürlich auch so, dass mir nicht wirklich geholfen ist, wenn ich nicht Nachfrage. Ich weiß dann weder was besprochen wurde, noch mein Wortschatz kann irgendwie größer werden… Ein Teufelskreislauf. Nach nur kurzer Zeit hatte ich dann aber ein Gefühl dafür, wann und bei wem eine gute Gelegenheit zum Nachfragen ist und wann ich besser nur nett lächelnd „ja“ sagen sollte.

Aber auch die meisten meiner Mitmenschen lernten schnell, wie sie mit mir am besten kommunizieren können: Das ich absolut nicht weiß, was gemeint ist wenn die Erzieherin in der Creche mir im Rausgehen eine Anweisung zunuschelt und dass ich absolut nichts verstehe, wenn die Koordinatorin der Musikschule mir eine Sprachnachricht schickt, während im Hintergrund der Wind weht und das Meer rauscht…

Heute weiß die Erzieherin, dass sie Gesten machen muss und unsere Koordinatorin schickt Textnachrichten wenn sie etwas möchte. Alles scheint als würde es langsam einfacher, die Stimmengewirre durchsichtiger, schnelle Informationsaustäusche zwischen Tür und Angel, wirken weniger beängstigend und mein Wortschatz wird jeden Tag ein bisschen größer.

Wie glücklich ich doch war, als ich zum ersten Mal verstand, als der anderthalbjährige Cainã zu mir sagte: „Olha avião“ („Schau mal ein Flugzeug“) und wie froh es mich nur wenige Wochen später machte, in der Orchesterprobe auch die Anweisungen des Dirigenten zu verstehen.

Und im nächsten Moment ist es dann wieder so frustrierend. Dann steht wieder jemand vor mir, wild gestikulierend und unfassbar bemüht und trotzdem muss ich am Ende zugeben nicht zu wissen, worum es geht. „Ich will nicht mehr“, verzweifelt eine Stimme in meinem Kopf. „Du bist selber Schuld“, wirft mir eine andere Stimme vor. „Streng Dich jetzt mal ein bisschen an“ ermahnt eine Dritte und „Du schaffst das nie“ flüstert eine Weitere.

„AAAAAAAAARG! STOPP!“ (Ach nee, das versteht ja hier auch keiner: „PARA!“)

Manchmal ist es wirklich zum Schreien, ab und zu möchte ich einfach im Boden versinken und dann gibt es wieder so viel Grund zur Freude und ich merke wie es doch hier und da besser wird. Ein tägliches auf und ab, das sich nun schon gefühlte Ewigkeiten hinzieht und wohl nie ein Ende nehmen wird.

Wie schön ist es doch jemanden an meiner Seite zu wissen, der wirklich IMMER versucht zu helfen, wenn ich mal wieder ein Kommunikationsproblem habe. Der sich mit mir stundenlang auf portugiesisch unterhält und (gerade dadurch?) inzwischen schon weiß, welche Worte ich verstehe und welche er mir neu erklären muss. Der Beispiele für wirklich ALLES findet und solange erklärt, bis ich es wirklich bis ins Detail verstanden habe. Jemand, der von mir wirklich verstanden werden will und der aber auch ehrliches Interesse daran zeigt, mich verstehen zu wollen. Jemand, den ich zu allen Uhrzeiten fragen kann, der wirklich nie sagt, dass er keine Lust hat zu erklären (was ich zwischendurch auch gut verstehen könnte) und der mir auch nachts um zwei noch mit einer Engelsgeduld erklärt, was „colocar“ ist. Nachdem wir stundenlang Pfannen und Besen in der Küche, weggelegt, wegestellt und hin und her gereicht hatten, hatte ich schließlich irgendwann verstanden, dass es sich um das deutsche „setzen, stellen oder legen“ handelt. Diese immer sehr eindrücklichen Beispiele brennen sich meist so sehr in mein Hirn, dass ich Wörter, die er mir einmal erklärt hat, nie wieder fragen muss. Und für diese Ausdauer und Geduld bin ich ihm und einigen anderen meiner Mitmenschen hier unfassbar Dankbar!

Und dann bekam ich an anderer Stelle wiederum vorgeworfen, ich könnte nur nicht so gut sprechen wie eine andere Freiwillige, weil ich es gar nicht wollen würde. Ich würde zu wenig üben und wäre wohl irgendwie zu faul. Von einer Person, die zwar die andere Freiwillige sehr gut, mich aber bisher nicht wirklich kennengelernt hatte.

Ich meine: „Hallo? Gehts noch??“ Das war das erste Mal, dass ich bei meiner Antwort nicht über Konjugationen oder Satzstellung nachdenken musste und ich SOFORT die Worte fand die ich brauchte (wenn wahrscheinlich auch nicht ganz richtig, aber das war mir in diesem Moment gleichgültig). Es reichte! Diesmal wirklich:

„Você não pode me comparar com Antonia. Ela e a outra pessoa. Quando ela chegou aqui ela já falou e ela tem a outra trabalho também. Eu preciso muitas outras palavras.“

Platzte es aus mir heraus und es fühlte sich SO verdammt GUT an! Meine Gegenüber starrte kurz zurück, und begann dann, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verlegen auf ihren Teller zu gucken und ihr Mittagessen wortlos (oder besser: sprachlos?) fortzusetzen.

Até logo (Bis ganz bald),

eure Anna

Zwischen Pampers, Schnullern und Genies

„Jedes Kind wird als Genie geboren“

Albert Einstein

Heute möchte ich euch gerne einmal mitnehmen und euch zeigen, mit wem ich an Werktagen meine Nachmittage verbringen darf:

Immer wenn ich komme machen sie noch Mittagsschlaf. Das gibt mir Zeit euch kurz zu erklären, wen ihr da sehen könnt: Sie alle sind zwischen anderthalb und zwei Jahren alt und werden Werktags in der Creche (im Kindergarten) betreut. Zwanzig kleine Individuen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch auch so vieles gemeinsam haben. Sie alle sind neugierig, interessiert und aufgeweckt, manchmal ein bisschen tollpatschig und so unfassbar liebenswert! Aber vor allem sind sie alle kleine Genies, die mit einem unfassbaren Forscherdrang und ihren verrückten Ideen, die Welt jeden Tag neu verstehen lernen und neu für sich entdecken können.

Und damit habe auch ich mit den Kindern etwas gemeinsam. Auch ich möchte die Welt (der Kinder) entdecken und verstehen lernen und versuche jeden Tag aufs neue durch Beobachten und Nachfragen zu „erforschen“ wie die Welt (für die Kinder) wohl funktionieren mag.

Nachdem ich gemeinsam mit der Erzieherin, die hier „Tia“ genannt wird (fast) alle Kinder mit Singen und gutem Zureden aufwecken konnte, richten wir den Gruppenraum mit fleißiger Hilfe der Kinder (!) wieder zum Spielen her, bevor jedes (wache) Kind eine Tasse Milch zu trinken bekommt.

Anschließend folgt eine Freispielphase, in der ich gemeinsam mit den Kindern spiele. Egal ob Kochecke, Bällekiste, Puppen oder Holzbausteine, langweilig wird mir mit den kleinen Genies nie.

Wenn ich davon erzähle bekomme ich öfter Sätze wie „Ah Du chillst dann also einfach deine Nachmittage da“, „Ja das’s ja chillig“, „Aber um mit Kindern zu spielen musst Du doch nicht bis nach Brasilien“ zu hören. Aber nein, ganz so einfach ist das nicht!

Zunächst einmal fühle ich mich für die Kinder mit verantwortlich, möchte die Regeln der Gruppe durchsetzen, von den Erzieherinnen (pädagogisches) lernen und versuche gleichzeitig freundschaftliche Beziehungen zu den Kindern aufzubauen. Das ist ein täglicher Spagat zwischen zwei so unterschiedlichen Rollen. Der „netten Spielkammeradin“ auf der einen Seite, die mit den Kindern mehr Blödsinn machen kann als die Erzieherin, und der „bösen Tante“ auf der anderen Seite, die auch mal schimpft, verbietet und den Anspruch hat konsequent zu bleiben. Eigentlich wissen die kleinen Genies ja genau was sie dürfen und was sie eben nicht dürfen, aber man könnte es ja nochmal probieren…

Caetano kniet auf der Rutsche – „Caetano wir rutschen im Sitzen“ – Caetano stellt sich auf die Rutsche

„Alice komm wir gehen die Pampers wechseln“ – Alice rennt weg

„Die Milch ist angekommen setz Dich bitte an den Tisch“ – „Nein“

„Lucas komm bitte vom Regal runter“ – Lucas klettert noch ein Brett höher

„Geovanna nimm bitte die Füße vom Tisch“ – Geovanna setzt sich ganz auf den Tisch

Und dann ist da noch die Sache mit dem Sprechen. Draufhauen geht für die Kinder halt eben schneller, als erst nach Worten zu suchen. Deshalb ist der meist gesprochene Satz in unserer Gruppe definitiv: „Du kannst Deine Freunde nicht hauen/beißen/treten, wir reden hier miteinander“. Die Freispielphasen sind folglich also alles andere als mit „entspanntem Chillen“ am Strand bei Meeresrauschen zu Vergleichen! Ruhiger wird es erst dann wieder, wenn der Nachmittagslunch beginnt. Dann kommt eine zweite Erzieherin hinzu, die Kinder sitzen am Tisch und essen gemeinsam Nudel- oder Gemüsesuppe.

Oder ausnahmsweise auch mal Bananenkuchen, so wie hier…

Anschließend folgt eine weitere, oftmals turbulente Freispielphase, die aber von den Rufen der Erzieherinnen „XY vem ca trocar fralda“ („XY komm Windel wechseln“) begleitet wird, bis schließlich alle Kinder gewickelt sind. Diese Zeit nutze ich dann um mit Miguel seine physiotherapeutischen Übungen zu machen, die er für seine Beinchen braucht (Mehr dazu im Beitrag „Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte“).

Und dann ist auch schon fast Abholzeit. Oft können die Kinder es gar nicht erwarten bis „Mãe?!“ („Mama?!“), oder „Pai?!“ („Papa?!“) kommen. Und so stehen sie dann alle gemeinsam am Tor zum Gruppeneingang und singen mit der Erzieherin die lustigsten Lieder. Über eine Kakerlake, über ein schnelles Auto und ein Flugzeug, eine Art Suchspiel „Na wer ist denn wohl heute alles da?“…

Wenn dann die Eltern der Kinder kommen, können sie ihre Ärmchen gar nicht schnell genug hochheben um endlich über das Tor fliegen zu können. Und mit einem „Ciao, até amanhã“ („Tschüss, bis morgen“), verschwinden schließlich alle Kinder im Ausgang, bevor die Erzieherin und ich die Gruppe aufräumen und abschließen können.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna