Wo sich die Meere treffen

Es ist still.

Also so still, wie es im immer lauten Brasilien eben sein kann. In der Ferne hört man das Rauschen der vorbeifahrenden Metro, vom unteren Straßenende dringt Musik, Lachen und Stimmengewirr herauf, quietschende Autoreifen, Flugzeuge…

Aber all dies ist angenehm, und für die Verhältnisse hier eine sehr leise Geräuschkulisse. Ich lehne meinen Rücken an die kalten Mauersteine. Der Wind streicht mir sanft und angenehm kühl durch die Haare, und ich atme tief ein. Wieder aus. Was für ein Tag. So lasse ich meinen Blick in die Weite der Dämmerung schweifen.

Blicke ich nach vorne, kann ich die ganze Straße sowie die Hänge dahinter überblicken. Die vielen zusammengezimmerten Häuser von São Luíz, dem Stadtteil, in dem auch ich momentan leben darf. Bunte Hausfasaden, Balkone und Ziegeldächer wechseln sich mit unverputzten Steinwänden und Wellblechpappe ab. Dazwischen stechen vereinzelt Palmen, Bäume und Strohmmasten sowie unzählige Wassertanks hervor. Am Ende unserer Straße ist ein Fußballplatz und hinter einem großen Gebüsch verborgen liegt eine Skateanlage.

Drehe ich den Kopf bietet sich mir in meinem Rücken dagegen ein ganz anderes Bild. In unmittelbarer Nähe befindet sich ein kleines Schwimmbecken und zwei riesige „Kästen“ von Flachbauten, in denen sich wohl alles Mögliche befindet (Sportschulen, Balletsäle, Theater, Kinderspielplätze). Dahinter beginnen die Hochhäuser. So weit das Auge reicht.

Direkt vor meinen Augen treffen also zwei ganz unterschiedliche Welten aufeinander. Wie zwei Meere die zwar aufeinandertreffen aber doch irgendwie friedlich eins werden.

Eine ganz besondere Atmosphäre ensteht hier, wenn die Sonne hinter den Hochhäusern untergeht, der Himmel die tollsten Farben annimmt und alles in warmes goldenes Licht getaucht wird. Wenn die Sonne dann hinterm Hirizont verschwunden ist erstrahlt von beiden Seiten ein Lichtermeer, dessen ich mich oftmals kaum sattsehen kann.

Ich beschriebe euch diesen Ort so genau, da er inzwischen mein Lieblingsplatz geworden ist.

Es ist der Ort an dem ich in unserer Multikulti-WG am ehesten mal alleine sein kann. Ich komme hierher, wenn ich einfach mal meine Ruhe haben möchte, und nutze die Stille um meinen eigenen Gedanken zuhören zu können. Manchmal sind es ganz positive Gedanken, manchmal lasse ich einfach nur den Tag nocheinmal an mir vorbeiziehen oder ich schreibe abends auf der Mauer bei Kerzenlicht in mein Tagebuch. Aber auch wenn es mir nicht so gut geht, ich mich furchtbar über etwas aufrege, ich traurig oder sauer bin, tut es gut einfach in die Ferne zu starren und dem eigenen Gedankenrauschen zuzuhören, so lange bis es langsam leiser wird… Und auch wenn ich hier mal nicht alleine bin, habe ich diesen Ort als perfekt erleben dürfen um tiefgründige Gespräche zu führen und viele verwirrende Gedanken austauschen zu können, oder um einfach mal den Wind um die Nase zu genießen.

So treffen hier nicht nur zwei „Weltenmeere“ von São Paulo, sondern auch all die einfachen und schwierigeren Momente von mir aufeinander, die sich hier oftmals in einem Meer aus Gedanken ausbreiten können.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte

„Ich würd‘ so gerne die Welt durch Deine Augen sehen.

Deine Träume und Gedanken will ich leben und verstehen.

Ich würd‘ so gerne die Welt durch Deine Augen sehen.

Aus Deinem Leben will ich lernen,

meinen Weg zu gehen“

Helene Fischer – „Ein kleines Glück“

Lieber Miguel,

jetzt kenne ich Dich schon seit fast zwei Monaten Deines erst zweijährigen Lebens. Eine Zeit in der wir fast jeden Tag zusammen verbracht haben, ich Dich jeden Tag ein bisschen besser kennenlernen durfte und Du mich jeden Tag ein Stückchen weiter mit in „Deine Welt“ genommen hast. Dabei musstest Du so viel Geduld haben. Manchmal wusste ich wirklich nicht, was Du (von mir) wolltest. Dann hast Du so lange geschrien, gequengelt oder auch einfach auf Gegenstände gezeigt, bis ich es endlich verstanden hatte.

Dich, der Du wohl nie sprechen lernen wirst, endlich zu verstehen, dass war für mich wie eine ganz neue Sprache zu lernen. Das ein tinitus-hohes Quietschen Freude oder auch anfeuern anderer Personen ausdrückt, ein mittleres Quietschen Unzufriedenheit und Hilflosigkeit und dass ein tiefes Brummen auf Wut hindeutet, ja darauf kam ich natürlich nicht gleich an meinem ersten Tag.

Auch lachen oder weinen sieht bei Dir anders aus, als ich es bisher kannte. Wenn du lachst, dann gluckst Du in Dich hinein, so sehr, dass sich Dein ganzer kleiner Körper schüttelt und ich oftmals Sorge habe, Du könntest das Gleichgewicht verlieren. Wenn Du dagegen weinst, dann wechseln sich mittleres Quietschen und Brummen ab, so schnell das dabei ganz neue, unbeschreibliche Geräusche entstehen. Wobei allerdings gar nicht immer Tränen zu sehen sind.

Wenn Geräusche alleine mal nicht mehr ausreichen, dann benutzt Du Deine winzig kleinen Fingerchen um mir damit alles Mögliche zu zeigen. Wo Du spielen willst, wo ich Dich hintragen soll, wo ich hinschauen soll, und wenn Du wissen willst wer das wohl ist, der da gerade den Raum betreten hat. Wenn Du mir dann Deine Ärmchen entgegenstreckst weiß ich inzwischen, Du willst aufstehen, an einem anderen Ort weiterspielen oder auch einfach nur mal die Aussischt von meinem Arm aus genießen.

Danke, dass Du mir Deine Sprache mit so viel Ausdauer beigebracht hast! Du hast Dir und mir nicht nur eine ganz besondere Kommunikationsweise geschenkt, sondern Du hast mir auch gezeigt, wie man völlig sprachlos leben kann ohne kommunikativ eingeschränkt zu sein. Das man auch ohne Sprache bekommen kann, was man möchte und dass es immer ein paar wenige Personen geben wird, die trotzdem verstehen was man will. Meine Portugiesischkenntnisse lassen oftmals immer noch zu wünschen übrig und auch ich bin tagtäglich auf der Suche nach Verständigungsmöglichkeiten. Du hast mich darin bestärkt nicht aufzugeben, und mir gezeigt dass es IMMER (!) eine Möglichkeit gibt sich auszudrücken.

Dabei ist es wirklich faszinierend, wie aufgeweckt und klug Du bist. Alle anderen Kinder in unserer Gruppe sind sehr schnell ablenkbar, weil sie einfach vergessen, was sie soeben noch gemacht haben oder machen wollten. Wenn sie einmal weinen, dann kann ich sie ganz schnell mit einem anderen Spielzeug oder einem Blick aus dem Fenster trösten. Wenn Du aber weinst, weil Du etwas bestimmtes willst…

Du vergisst einfach gar nichts und weißt ganz genau was Du willst. Wenn Dir zum Beispiel jemand ein Spielzeug wegnimmt. Dann kann ich Dir unter noch so gutem Zureden ein identisches (!), neues hinhalten. Aber das willst Du nicht. Nein, Du willst genau DAS EINE, mit dem Du soeben gespielt hast.

Zu Deiner Lieblingsbeschäftigung gehört es außerdem Dinge durch die Gegend zu schmeißen. Am allerliebsten dann, wenn sie dabei noch so richtig schön laut sind. Am besten Dein absolutes Lieblingsspielzeug: Die Metallbackformen, oder die Rasseln mit den Glöckchen dran. Ich bin diejenige, von der Du dann erwartest, dass sie Dir Dein Spielzeug wiederholt. Als ich dieses Spiel (recht schnell, weil selbsterklärend) durchschaut hatte, setzte ich mich also meistens Dir gegenüber und wir „rollten“ alles hin und her.

Bis Du schließlich anfingst alles im hohen Bogen hinter Dich zu schmeißen. Ich bin mir sicher, dass machst Du extra, damit ich eben doch aufstehen muss.

Das sind dann diese Momente, in denen ich Dir so sehr wünsche, das Du irgendwann vielleicht doch einmal auf Deinen eigenen Füßen gehen kannst. Mit einem Blick auf Deine unfassbar dünnen, verdrehten Beinchen, beginne ich auf ein Wunder zu hoffen.

Natürlich hast Du aber auch für Deine Immobilität eine Lösung. Zunächst einmal hast Du mich inzwischen wohl als Dein persönliches Taxi anerkannt. Dazu bin ich selbstverständlich von Dir persönlich ausgebildet worden indem ich gelernt habe Dein Navigationssystem, welches hauptsächlich aus sehr präzisen (!) Fingerzeigen besteht, zu verstehen. Und dann gibt es da auch noch die „Rollmethode“. Wenn Du auf dem Rücken liegst, windest Du Dich von links nach rechts und kommst so Zentimeter für Zentimeter weiter in Richtung Deiner Füße. Ein sehr mühselige, aber doch effiziente Methode, mit der Du schließlich in die Finger kriegst, was Du möchtest.

Und auch hier konnte ich wieder etwas von Dir lernen: Wenn man wirklich will, kann man wohl alles erreichen. Auch, wenn es nur das eigene Fußende ist…

Seit ich Dich verstehen gelernt habe, ist es für mich bei der Arbeit im Kindergarten sehr viel einfacher geworden und noch immer lerne ich jeden Tag neues dazu. Zum Beispiel, dass Du keine Möhren magst (23.10.) oder das Dein Lieblingsbilderbuch eben das Grüne ist (24.10).

Ich freue mich schon auf all das, was wir noch gemeinsam erleben werden, auf das Nächste was ich über Dich, aber vor allem was ich VON Dir lernen kann.

Ich denke an Dich. Wir sehen uns morgen Nachmittag,

Deine Anna