Zwischen den Welten

“ Bist du bereit Dein gestern gegen morgen einzutauschen? Was soll uns schon passier’n? Bist du bereit, mit mir ins kalte Wasser einzutauchen? Bist du bereit? Wenn das erste Morgenlicht durch die Fensterscheibe bricht dann wird mir klar, dass noch so viel vor uns liegt, was es zu entdecken gibt, wo wir noch nie war’n. Bist du bereit?“

Max Giesinger – Die Reise (Bist Du bereit)

Stimmengewirr. Koffer. Langeweile. Reisende, die an mir vorbei eilen. Kaffeeduft. Spielende Kinder. Lautsprecherdurchsagen. Verkäufer. Neben mir telefoniert jemand lautstark auf brasilianisch und alles was ich verstehe ist „Eu“ (ich), „trabalhar“ (arbeiten) und „falar“ (sprechen). Wieder Reisende. Aber diesmal gleich ein ganzes Meer von Reisenden, das zum Boarding ans Gate strömt. Klaviermusik. Security. Rennende Kinder. Das monotone Piepen, welches von jedem Gate her ertönt. Vorfreude.

Und jetzt liege ich hier mittendrin, auf dem weinroten Teppichboden des Terminal zwei, am zweitgrößten Passagierflughafen Europas (der größte ist übrigens der London Heathrow Airport in Großbritannien) und befinde mich wohl wortwörtlich zwischen den Welten. Zwischen meinem bisherigen Zuhause, das bereits eine Flugstunde hinter mir liegt und meinem neuen Zuhause auf Zeit, welches allerdings nicht nur dreizehn Flugstunden, sondern auch noch knapp zwei Stunden Wartezeit entfernt ist. Deshalb ergibt sich mir hier Zeit, für einen kleinen Rückblick:

Zunächst einmal möchte ich eine Antwort auf die Frage geben, die mir in der letzten Woche am meisten gestellt worden ist: „Und, bist Du schon aufgeregt?“. „Nein.“, habe ich in der Regel geantwortet „aber ich freue mich schon sehr“. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann verbinde ich Aufregung eher mit Geburtstag haben und vor lauter Vorfreude nicht einschlafen können, oder mit Weihnachten und der Überlegung ob wohl auch in diesem Jahr das Christkind kommt, aber ganz sicher nicht mit dem inzwischen recht leeren Flughafenterminal mit seinen für mich unverständlichen Durchsagen (weil auf französisch). Stattdessen freue ich mich sehr, morgen in Brasilien anzukommen und die anderen Freiwilligen wiederzusehen und für ein Jahr eine ganz neue Herausforderungen zu bekommen.

Als „Herausforderung“ hat sich übrigens auch das Kofferpacken herausgestellt. Meine Ursprungsidee nur mit einem Backpacker loszureisen, erwies sich sofort als überhaupt nicht machbar, denn auch als alles auf ein absolutes Minimum reduziert war, hätte ich wohl gleich zwei oder drei Rucksäcke gebraucht. Cellonoten, Jonglierbälle, Ersatzseiten, Jonglierkeulen… Nichts davon sollte in Deutschland bleiben. Also bin ich doch zu Koffern übergegangen und nach drei Tagen und etwa fünf bis sechs Versuchen alles einzupacken, habe ich es tatsächlich geschafft einen Koffer zu finden in den meine Sachen und mein Rucksack hineinpassen. Wer reist schon mit einem Rucksack im Koffer ;)?

Und dann war „heute“ plötzlich da. Das letzte Mal von Baustellenlärm geweckt werden, das letzte Mal Vollkornbrot frühstücken, das letzte Mal im Garten stehen und Himbeeren pflücken (und essen :)), das letzte Mal die Treppe hinuntergehen, das letzte Mal alle zusammen im Auto sitzen, das letzte Mal zusammen herumalbern, das letzte Mal winken…

Ich denke (bzw. hoffe) dass es normal ist, dass so viele „letzte Male“ auch ein bisschen wehmütig machen konnen. Aber ich denke auch, dass auf viele „letzte Male“ auch viele „erste Male“ folgen werden, die bei mir für große Vorfreude sorgen.

Das erste mal Brasilien sehen und mit allen Sinnen wahrnehmen, das erste Mal im Großstadtdschungel, das erste Mal unterrichten, das erste Mal eine brasilianische Unterhaltung im Detail verfolgen können, das erste Mal…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Gedankenkarussell

„Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum Wachsen war.“

Charlie Chaplin (Vorbereitungsseminar)

Heute sind es nur noch zehn Tage bis zu meinem Abflug und in den letzten Wochen ist so viel passiert:

Zunächst einmal habe ich es (im zweiten Versuch!) endlich geschafft ein Visum zu beantragen und habe nun einen schicken neuen Aufkleber im Reisepass, der mich über die Grenze bringen wird. Mit Erhalt des Visums und des Flugtickets ist der Papierkram sehr viel weniger geworden und es ist mehr Raum für andere Gedanken entstanden.

Wie oft habe ich in der letzten Zeit die Sätze : „Du willst wirklich ein ganzes Jahr nach Brasilien?“, „Also ich könnte das ja nicht!“ oder „Brasilien! Wow, Respekt!“, „Wie mutig!“ gehört.

Aber ganz so „easy“, war das natürlich nicht! Im Gegenteil:

„Was sollte ich unbedingt nach Brasilien mitnehmen?“, „Von wem möchte ich mich noch verabschieden und vor allem: Wie möchte ich mich verabschieden?“, „Was muss noch besorgt werden?“, “ Welcher Koffer ist wohl groß genug, dass meine Schwester hineinpasst?“, “ Wie komme ich vom Flughafen zur Einsatzstelle?“, “ Ob ich mich wohl mit meinen Mitfreiwilligen verstehe?“, „Wie schwierig wird es vor Ort ohne Sprachkenntnisse?“, „Was ist mir überhaupt wirklich wichtig?“, „Welche Rolle werde in Brasilien haben, und welche hätte ich gerne?“…

Ein Gedankenkarussell, dass sich ewig zu drehen schien und zeitweise auch unangenehm bis beinah beängstigend wirken konnte.

Aber dann kam das Vorbereitungsseminar. Nach einer (ausnahmsweise) planmäßig verlaufenden Zugfahrt, auf welcher ich bereits weitere Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Seminars traf, durften wir zehn gemeinsame Tage in einer wirklich wunderschön gelegenen Jugendherberge in Wetzlar verbringen.

„…mehr Klassenfahrt als Seminar von überall sind Leute da, zusammen auch bei Gefahr, kannten uns kaum doch sind uns nah…“

Ich glaube dieser, zugegeben etwas holprig gereimte Vers, aus unserem selbst geschriebenen Abschiedslied kann die einmalige Stimmung vor Ort am besten beschreiben.

Hier bekamen wir nicht nur die Gelegenheit viel über Brasilien und die Menschen vor Ort zu lernen und uns auf die Arbeit mit den Kindern vorzubereiten, sondern konnten auch unsere Mitfreiwilligen näher kennenlernen.

Schnell bemerkten wir, dass wir alle mit ähnlichen Gedanken beschäftigt waren und auch mit der ein oder anderen Sorge nicht alleine waren. Mich persönlich hat es beruhigt zu wissen, dass ich mit meinen Fragen und Sorgen nicht alleine dastehe. Auf dieser Grundlage ergaben sich einige tiefgründige Gespräche (meist nachts um 0:35 Uhr unter einem Meer von Sternen) die meine Fragen nach und nach aus der Welt schafften. Dafür kamen dann meist neue Gedanken. Das Gedankenkarussell drehte sich weiter, wurde aber immer weniger mit Sorgen, sondern immer mehr mit Vorfreude besetzt.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna