Grenzenlos (ein Abschlussfazit)

Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich verstanden, dass wir uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten müssen, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich:

DAS IST DAS LEBEN !

Charlie Chaplin

Das Leben als ein großes Meer. Manchmal da erscheint alles so klar, dass wir bis auf den Grund gucken können. Manchmal ist es von der Sonne ganz warm und ganz ruhig. Türkis. Und an anderen Tagen ist es undurchsichtig und grau, die Wellen schäumen auf und werden von Sturmböen hin und her gepeitscht. Manchmal tobt ein Gewitter über dem Meer und es schlagen Blitzlichter an der Wasseroberfläche ein. Und manchmal, da versinkt das Ende eines Regenbogens in den blauen Untiefen der Wassermassen.

Aber was befindet sich eigentlich hinter diesem Meer? Oder weniger als Metapher ausgedrückt, was steht hinter dem Leben, was ist das Leben und vor allem, was ist MEIN Leben?

Noch heute gibt es vieles was ich nicht weiß. Unzählige kleine Geheimnisse über das Leben, deren Antworten auf der ganzen Welt verteilt sind. Einige dieser kleinen Geheimnisse, konnte ich in Brasilien bereits für mich lüften:

Da wären zunächst einmal die kleinen Grenzenlosigkeiten der großen Welt und des Lebens. Grenzen sind wohl zumeist etwas menschengemachtes, mal notwendig, mal bedrohlich aber oft auch unnötig. Denn es gibt so viele Dinge, die mir endlos erscheinen. Die Freiheit auf Reisen zum Beispiel, die Fantasie der Kinder in der Creche, das unendliche Lebensparadies. Und wenn ich grenzenlos denke, kann ich wohl auch die verrücktesten Ideen Wirklichkeit werden lassen. Ich kann im Regenwald einen Aligator fangen, mich vom Orchester bei einem Solo begleiten lassen, auf Reisen ein Zuhause finden und am Strand bei Lagerfeuer das Funkeln von Millionen von Sternen genießen. Nahezu nichts ist wirklich unmöglich und wenn ich genug Willenskraft und Durchhaltevermögen aufbringe, kann ich wohl alles schaffen. Ganz egal wohin!

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Im Vordergrund liegt Brasilien (Foz do Iguçu), der Landstreifen rechts ist das Nachbarland Paraguay und links im Bild auf der anderen Flussseite liegt Argentinien.

Das für jeden Weg zum Ziel eine Vielzahl an Möglichkeiten besteht, durfte ich auch von Miguel lernen. Dass nach dem ersten Versuch nicht gleich aufgegeben werden darf und dass der einfachste Weg nicht immer unbedingt funktioniert. Und dass trotzdem irgendwie schon alles erreicht werden kann. Egal ob es das eigene Fußende (siehe Blogbeitrag: Wie ich einen kleinen Helden kennenlernte) oder eine ganz neue Art der Verständigung ist, Miguel hat für alles eine Idee. Damit wirkt oftmals alles genauso leicht, so unbeschwert und so einfach wie man sich das Leben eines Zweijährigen eben vorstellt.

In was für einer Welt würden wir wohl leben, wenn wir alle die Welt mit den selben Augen sehen würden, wie die Kinder aus der Creche? Wir würden in einer Welt leben, in der niemand nach Religion, politischen Sympathien, Zertifikaten oder sozialer Schicht gefragt wird. Eine Welt ohne Wettbewerb und Leistungsgesellschaft in der die einzige Frage ist, ob Du mitspielen möchtest oder nicht. Eine Welt, in der wir nur das hier und jetzt erleben und wesentlich weniger Stress haben, durch das was morgen kommen könnte und gestern gewesen ist. Es wäre wohl eine wortwörtlich grenzenlose Welt der Liebe voll von Herzlichkeit deren einziger Streit sich hin und wieder um ein kleines rotes Holzauto drehen würde, welches es glücklicherweise zweimal im Raum gäbe. Die Welt wäre ein einziges Abenteuer und würde jeden Tag erneut erkundet werden wollen. Und jeden Tag würden wir dabei etwas finden, das uns unendlich fasziniert, was uns ein kleines bisschen mehr über den großen Geheimnisse der Welt erzählen würde und vorallem würden wir immer wieder neuen Herausforderungen mit Neugier und voller Tatendrang gegenüber stehen.

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Heute glaube ich, dass genau diese Herausforderungen, die vielen kleineren und größeren Stolpersteine in meinem Leben, die ich mir oftmals eigentlich wegwünsche ein großes Geschenk sind. Ohne sie müsste ich mich nie anstrengen, nicht über mich selbst hinauswachsen, nicht improvisieren und ich wüsste vielleicht gar nicht was ich alles schaffen kann. Stattdessen würde ich wohl winzig klein bleiben und würde wohl nie erfahren welch grenzenloses Glück hinter dem Meer (im Leben) auf mich wartet.

Dieses Glück wurde durch die Hilfe von unzähligen anderen Menschen für mich noch viel größer. Und so habe ich zum Beispiel Lucas, Luis und Bia, João und Diego kennenlernen dürfen, die mir mein eigenes Glück sehr eindringlich vor Augen geführt haben, die mir gezeigt haben das nichts auf dieser Welt selbstverständlich ist und wie wertvoll es ist hier auf der Erde Mensch sein zu dürfen. Ich habe Pedro, Renato und Thiago, Wendel, Dani und Igor kennengelernt die für jedes Problem eine Lösung hatten, die mir gezeigt haben, was mich wirklich glücklich macht, was ich brauche damit es mir gut geht und wer und was mir im Leben wirklich wichtig ist.

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Ich könnte ewig so weitermachen und Namen über Namen aufzählen. Jeder Einzelne hat mit der Zeit ein Stück meines Herzens erobert und sie alle sind auch heute noch dort. An manchen Tagen glaube ich, ich habe sie in meinen Erinnerungen mit nach Deutschland bringen können und an anderen fühlt es sich so an, als hätte ich ein Stück meines Herzens bei ihnen gelassen.

Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen das letzte Mal in Brasilien gewesen zu sein, denn meine Reise hinter die Geheimnisse des Lebens ist wohl noch lange nicht beendet und selbst zurück in der Heimat konnte ich bereits der ein oder anderen Heimlichkeit auf die Schliche kommen. Und so weiß ich heute noch nicht wohin mich diese Suche noch überall führen wird. In welche Länder, hinter welche Berge und Ozeane. Und ich weiß auch noch nicht, ob und wenn ja wann ich euch hier von meinen neusten Reisen ins Leben berichten werde.

Aber ich möchte mich von ganzen Herzen bei euch allen bedanken! Denn ohne euch hätte ich diesen Blog wohl gar nicht erst schreiben brauchen. Was sind schon Worte, die nicht gelesen werden? Danke für eure Fragen, eure Ideen, eure (Rechtschreib-) Korrekturen und eure Neugier!
Até logo (bis ganz bald), und falls ihr doch noch Fragen oder Anregungen habt:

wenn ihr mich sucht, bin ich irgendwo, hinter dem Meer…

eure Anna

Ameisennester

Menschenmassen stolpern auf mich zu und drängeln mich zur Seite. Ich kriege einen grünen Rucksack an die Schulter, jemand tritt mir auf den Fuß unzählige fremde Körper und Taschen streifen mich. Es kommt mir vor als wäre ich die Einzige, die gegen den Strom der hunderten von Personen anlaufen muss. Es ist so furchtbar warm, dass ich mich nach den zehn Minuten Fußweg hierher schon wieder nass und klebrig fühle. Eine Mama zieht ihr Kind an der Hand hinter sich her, immer darauf bedacht die Hand auf gar keinen Fall loszulassen, ich kriege einen Ellenbogen in den Rücken und versuche ein bisschen nach vorne auszuweichen, wo ich allerdings gleich den nächsten Personen im Weg stehe, während neben mir ein junger Herr seelenruhig Kaffee aus einem Plastikbecher trinkt. Es geht zu wie im Ameisennest. Langsam ebnen sich die Menschenmassen und einige Meter vor mir wird eben jene Schiebetür sichtbar, die sich vor wenigen Sekunden mit lautem Piepen geöffnet und damit auch für dieses Chaos gesorgt hatte.

Nun strömen die Menschen hinein und als ich bis zur Tür vorgedrungen bin, da schaffe ich es so grade eben noch mich hinter die Tür zu zwängen, bevor diese sich mit lautem Piepen wieder schließt und die Metro anfährt. Rings um mich herum stehen Personen so eng, dass ich mich nirgendwo festzuhalten brauche. Ich bin zwischen den Leuten so sehr eingeklemmt, dass ich keins meiner Körperteile auch nur ansatzweise bewegen kann, geschweige denn, dass ich beim nächsten Rucken der Metro auch nur die Chance hätte einen Ausfallschritt zu machen. Ich stecke also wortwörtlich fest. Die Klimaanlage pustet eiskalte Luft über uns hinweg und ich bekomme trotz 30°C Außentemperatur eine Gänsehaut. Wieder eine Haltestelle, das Gerangel und Gedrängel geht von Vorne los…

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Das oben beschriebene Gedrängel ist wohl an allen Haltestellen gleich. Ich habe es allerdings nirgendwo so oft erlebt wie bei „Geovanni Gronchi“ an meinem Zuhause. Na, wer findet es?

In São Paulo (und vielen anderen Großstädten Brasiliens) konnte ich mich am besten mit der Metro fortbewegen. Diese fährt von sechs Uhr am Morgen bis zwei Uhr in die Nacht alle zwei Minuten. Ein Ticket, mit dem ich nicht nur so weit fahren kann wie ich will, sondern auch so oft umsteigen darf wie ich es eben brauche kostet je nach Stadt vier bis fünf Reais. In São Paulo 4,30 R$ (ca. 80 Cent), wer Obdachlosigkeit nachweisen kann fährt kostenlos. Nie habe ich erlebt, dass eine Metro ausviel, einfach nicht kam oder ein „technischer Defekt“ vorlag.

„Der IC 2216 nach Westerland über Hamburg HBF, heute ca. 157 Minuten Verspätung“

„Der RE 6 nach Gelsenkirchen HBF fährt heute in geänderter Wagenreihung“

„Der IC 538 nach Brüssel, entfällt aufrund eines technischen Defekts. Alternative Verbindungen erfragen sie bitte am DB- Serviceschalter oder in der Deutsche-Bahn-App“

Ich glaube die oben zitierten Bahnhofsansagen, kennen wir alle mehr oder weniger gut. Man muss irgendwo hin, einen Termin einhalten oder will auch nur in den Urlaub fahren und dann so etwas. Das wäre ja alles kein Problem, wenn dies nur hin und wieder mal vorkommen würde und ich sehe auch ein, das ein technischer Defekt besser erst behoben werden sollte, bevor der Zug unter mir auseinanderbricht, aber manchmal ist für mich schon nur schwer zu begreifen. Vor allem wenn ich bedenke, dass Essen gerade einmal ungefähr 585.000 Einwohner hat (in São Paulo leben mehr als das Zwanzigfache!) und es bei uns im Nahverkehr ähnlich aussieht. Busse mit Verspätung, Straßenbahnen mit technischen Defekten, S-Bahnen die stundenlang in der Pampa stehen, weil der Gegenverkehr erst durchgelassen werden muss… Nein, also die öffentlichen Verkehrsmittel in Deutschland gehören zu den wenigen Dingen, die ich wirklich nicht vermisst habe!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Nächstenliebe

Selbst wenn Du die Favela verlässt, die Favela wird Dich nie verlassen

Brasilianisches Sprichwort

Um meine Beitragsreihe zum Thema (Vor-)Urteile abzuschließen, möchte ich heute noch auf ein letztes eurer Urteile eingehen, welches ihr mir zwar vor meiner Abreise immer wieder genannt habt, welches bei meiner Umfrage allerdings kaum genannt wurde:

Die Favelas sind gefährlich! Pass in/ an den Favelas auf! Geh nicht in die Favelas!

Habt ihr immer wieder zu mir gesagt. Suche ich auf Youtube unter den Stichworten „Dokumentation Favela“ nach entsprechenden Beiträgen, so begegegnen mir nahezu ausschließlich Titel in denen die Favela im Zusammenhang mit „Gewalt, Krieg, Mafia und Überleben“ genannt oder sogar als „gefährliches Pflaster“ bezeichnet wird und in den Videos (ich habe im Laufe der Zeit in alle mal hineingeschaut) wird auch genau diese „gefährliche“ Seite beschrieben.

Ich kann und möchte nicht bestreiten, dass es all dies in den Favelas wirklich gibt (teilweise auch in Monte Azul), aber ich möchte euch gerne auch die andere Seite der Favela einmal zeigen. Und dazu, nehme ich euch einfach mal mit.

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Die Hauptstraße der Favela Monte Azul. Mit einer Breite von etwa zwei Metern der mit Abstand breiteste Gang

Da meine Arbeitsplätze mittig in der Favela lagen, ließ sich ein täglicher Gang hindurch gar nicht vermeiden. Und so nahm mich Livia (eine Vorfreiwillige) gleich am Tag meiner Ankunft mit hinein.

Nachdem wir eine recht lange Straße unseres Wohnviertels hinuntergelaufen waren, kamen wir an ein großes, am Boden festgeschraubtes Gitter dessen Lack wohl einmal dunkelrot gewesen sein muss. Darunter schoss Wasser unter recht lautem Getöse aus einem offenen Rohr. „Merk Dir mal das Gitter hier, wenn Du irgendwann mal alleine nach Hause läufst. Wenn Du nicht über ein Gitter kommst, bist Du auf jeden Fall falsch!“ sagte Livia lachend zu mir. Und dann stiegen wir gemeinsam die Treppe hinter dem Gitter in die Favela hinunter. Links begann ein langer Gang den Livia mir als „Hauptstraße“ vorstellte (Bild oben) während rechts ein kleiner Weg in einen weiteren Teil der Favela führte:

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Wir gingen die Hauptstraße ein Stück hinunter. Die einzeln gebauten Räumlichkeiten waren so dicht und hoch „gestapelt“, dass die Sonne nicht bis auf die Straße zu uns herunter scheinen konnte, sondern sich irgendwo an der obersten Etage verfing. Im Schatten der rotbraunen Steine begann ich zu frösteln. Es roch nach Zement, etwas modrig, feucht und hin und wieder drang Mittagessensgeruch aus den einzelnen Wohnungen zu uns nach draußen. Wir gingen an zu Wäscheleinen umfunktionierten Stromkabeln, Motorrollern und Einkaufswägen (Sackkarrenersatz) vorbei bis wir schließlich im Zentrum der Favela angekommen waren.

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Im Vordergrund Spielplatz, Kindergarten, und Fussballplatz – Das Herzstück der Favela Monte Azul. Im Hintergrund ein Teil der Favela

Während ich auf diese Weise das beeindruckendste achitektonische Meisterwerk bestaunte, welches ich je gesehen habe, empfahl Livia mir mehrfach sehr eindringlich die Hauptstraße niemals zu verlassen, solange ich alleine hier herumlaufen sollte.

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich dann auch warum:

Recht zu Anfang meines Freiwilligendienstes in der Musikschule wurde ich einmal gebeten eines unserer jüngeren Mädchen nocheinmal nach Hause zu begleiten, da sie ihr Instrument dort vergessen hatte. Und so ging ich also hinter dem Mädchen her. Wir Bogen in eine kleine Seitengasse, die sich um verschiedenste kleine Baracken schlängelte, bevor wir nach einer gefühlten Ewigkeit rechts abbogen. Erst eine Treppe hinunter, dann noch einen Berg hinauf und rechts und wieder runter und nochmal links und wieder rauf und… Ich alleine hätte mich in den ewig gleich aussehenden winzigen Gängen, die immer enger wurden, je tiefer wir hineingingen wohl gnadenlos verlaufen!

Aber das war nicht der einzige Grund: Auf unserem Weg begegneten wir immer wieder Bewohnern, die das Mädchen freundlich grüßten, sich nach ihrem wohlergehen erkundeten und mit einem kritischen Seitenblick auf mich auch gleich wissen wollten, wer ich denn wohl sei. Und so erklärte sie mehrfach, dass ich „die neue Freiwillige“ aus der Musikschule sei, die ihr nun das Cellospielen beibringen wird.

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Mit der Zeit begegnete ich immer mehr Menschen, die innerhalb der Favela lebten und immer mehr verstanden, dass ich nun innerhalb der Organisation mitarbeiten werde und dass ich nicht nur helfen, sondern auch von ihnen und ihren Kindern lernen möchte. Das war es wohl, was mich immer weniger zur Fremden (und damit zum „Feind“) werden ließ und mich stattdessen jeden Tag ein Stückchen mehr zu einem Teil der „Comunidade“ machte. Die Favela wird in Brasilien nämlich genau so genannt: „Gemeinschaft“. Ich hätte kein passenderes Wort finden können, denn hier scheint wirklich Jeder Jeden zu kennen, Jeder Jeden zu beschützen und nicht nur auf das eigene, sondern auch auf das Hab und Gut des Anderen achtzugeben. Auf genau diese Eigenschaft der gegenseitigen Fürsorge bezieht sich das oben einleitende Zitat. Wer dagegen von außen kommt, ist zunächst einmal fremd und unberechenbar aber sicherlich kein Teil dieses wirklich sozialen gemeinschaftlichen Lebens.

Ich dagegen begann tatsächlich das Leben der Menschen zwischen den rohen Steinmauern, dem Müll, den streunenden Hunden und der lauten Funkymusik immer besser kennenlernen zu dürfen. Die Leute begannen mich (teilweise sogar bei Namen) zu Grüßen und nach ein paar Monaten konnte ich nicht mehr durch die Favela hindurchgehen ohne das Kinder mir freudestrahlend entgegenrannten oder mir hinterher riefen.

Wie sehr ich wirklich Teil dieser Gemeinschaft geworden zu sein schien, ist mir allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang aufgefallen: Es war der allererste Donnerstagabend, an dem ich zur Orchesterprobe in die Musikschule ging. Ein neuer Dirigent, neues Vokabular, neue Noten… Als wäre das alles nicht aufregend genug wurde es immer später und immer dunkler. Und als der Himmel sein allertiefstes dunkellila (schwarz wurde er in São Paulo nie) erreicht hatte und es draußen herrlich nach Sommerregen zu riechen begann, da wurde auch die Probe für beendet erklärt und mir ein kleines Problemchen bewusst: Es war dunkel und vor mir lagen knappe zwanzig Minuten Heimweg zu Fuß mit Cello auf dem Rücken. Alleine durch die dunklen Nebenstraßen unseres nicht viel befahrenen Wohnviertels laufen… Huuuuu! Irgendwie war mir diese Vorstellung nicht ganz so geheuer.

Und so entschied ich mich also über die Hauptstraße der Favela zurückzulaufen. Hier war alles so wie immer. Die Kinder sprangen mir freudig entgegen, die Erwachsenen grüßten, von irgendwo her schallte Funkymusik und selbst der dicke braune Labrador lag schlafend am Fußende der Treppe. Wie immer.

Die Favela war in diesem Moment für mich wohl sicherer, als die Straßen unseres Viertels und ich bin mir sicher hättet ihr die Möglichkeit langsam in eine solche Gemeinschaft hineinzuwachsen, dann würde sie auch euch diesen Schutz bieten. Denn in der Favela wird niemand ausgeschlossen!

Aber warum hören wir hier eigentlich nur so einseitig aus dem Leben der Favela? Weil die Medien eben nur einseitig Berichten, da Schusswechsel und Drogen nunmal eben eine bessere Schlagzeile ergeben als „Nächstenliebe für alle“?

Naja wie auch immer: Wenn ich heute an meinen Arbeitsplatz in Brasilien denke, dann bin ich wirklich sehr dankbar dafür, die Favela und ihre Bewohner mit ALL ihren Seiten kennengelernt haben zu dürfen. Ich durfte sie nicht nur kennenlernen, ich durfte in der Favela und bei ihren Bewohnern „Schutz“ finden und sie haben mir gezeigt wie wichtig doch die Liebe im Leben ist!

Um grande abraço e até logo („fühlt euch gedrückt und bis ganz bald“)

eure Anna

brasilianisches Schubladendenken

Genauso, wie ich euch gebeten hatte mir Vorurteile über Brasilien und die Brasilianer zukommen zu lassen, habe ich auch von den Brasilianern Vorurteile über Deutsche und Deutschland erhalten. Allerdings musste ich dazu nicht erst groß nachfragen, sie begegneten mir von ganz alleine.

Ich erinnere mich an verschiedene Situationen, in denen ich meistens etwas verlegen von der Seite angeschaut wurde und die Menschen zögerlich begannen: „Du Anna, darf ich Dich mal was fragen…??“ und ich erinnere mich an andere Situationen in denen ich die Vorurteile völlig unerwartet und ein wenig unsensibel einfach an den Kopf geworfen oder wortwörtlich auf den Teller geklatscht bekam.

Irgendwie fand ist es auch total spannend, was andere Nationen so für ein Bild von uns haben und ich begann also all jene Vorurteile zu sammeln. Die ein oder andere Behauptung regte mich zum Nachdenken an, ließ mich entsetzend den Kopf schütteln, oder aber auch mal schmunzeln und an wieder anderen entdeckte ich auch kleines bisschen Wahrheit:

Platz 1: Die Deutschen stinken (sie duschen nicht)

Platz 2: In Deutschland ist es kalt

Platz 3: Die Deutschen trinken nur Bier

Platz 4: Die Deutschen sind immer sehr direkt

Platz 5: Die Deutschen haben keine Probleme

Das (in meinem Ranking) erste Vorurteil, basiert wohl zunächst einmal darauf, dass sich Brasilien und Deutschland in ganz unterschiedlichen Klimazonen befinden. Sowohl im immer feuchtwarmen Norden des Landes, als auch in den Sommermonaten im Süden des Landes fühlte ich mich ständig nass und klebrig. Teilweise war die Luft so feucht, das mir kleine Wassertöpfchen die Arme herunterliefen (und das obwohl ich nichts tuend herumsaß!). Und so verstand ich sehr schnell, warum viele Brasilianer zwei bis dreimal täglich das Bedürfnis haben zu duschen.

Das Wasser kann in vielen Orten Brasiliens (so auch in unserer WG) am Duschkopf selbst in eiskalt (Mitte), Sommer (kühl-rechts), oder Winter (heiß-links) eingestellt werden. Bei uns übrigens der einzige Ort mit heißem Wasser im ganzen Haus.

Allerdings musste ich auch schnell bemerken, dass Duschen nicht gleich Duschen ist: Bei mir läuft das Ganze ja so ab: Wasser, Shampoo, Wasser, fertig! In vielen brasilianischen Badezimmern begegneten mir dagegen aber aber zusätzlich auch Peelings, Spülungen, Haarkuren, Masken für Haare, Körper und Gesicht, Bodysprays, Body-Lotionen (auch für die Haare), Parfüms, Gesichtswasser, was weiß ich nicht was sonst noch alles für Düfte und immer wieder, diese eine Creme, dessen Namen ich mir nie merken konnte. Nach dem Duschen, wird diese auf die nassen Haare aufgetragen, damit diese länger nass (und damit frisch geduscht) aussehen. In Brasilien gehört es nämlich zum guten Ton sich zu Duschen, bevor man aus dem Haus geht (unabhängig davon, wie oft man an diesem Tag schon geduscht hat) und dieses dann auch zu zeigen. Je nach Jahreszeit, gibt es in Deutschland aber auch manchmal Temperaturen, bei denen ich nicht unbedingt das Bedürfniss habe jeden Tag zu duschen. Wenn ich davon in Brasilien erzählt habe, war das für die Menschen dort oftmals nur schwer bis gar nicht vorstellbar. Vielmehr verglichen sie wie es wohl wäre, wenn in Brasilien mal einen ganzen Tag lang nicht geduscht würde und daraus wird dann also von vielen geschlussfolgert, dass die Deutschen wohl stinken müssen 🙂

Genau diese Temperaturen, bei denen ich eben nicht jeden Tag duschen muss, sind in Brasilien wirklich sehr bekannt. Und so lernte ich gerade auf Reisen viele Menschen kennen die mit „Oh Deutschland. Uuooh sooo kalt, näää das wäre nichts für mich. Aber hier so mit der Sonne und in T-Shirt und so, das gefällt Dir doch bestimmt, oder?“ Als hätte ich in meinem Leben noch nie die Sonne gesehen 😀 Und so habe ich in Brasilien glaube ich über dreißig mal erklärt, dass es in Deutschland auch einen warmen Sommer gibt. Mindestens genauso häufig war dagegen die totale Begeisterung: „Woooo, Schnee!! Alta ich hab noch nie Schnee gesehen… Das stell ich mir soooo schön vor. Ach ich muss unbedingt mal nach Kanada/ in die Schweiz/ nach Norwegen!“ Und wenn ich dann davon erzählt habe, dass ich als Kind im Schnee gespielt habe, dann leuchtete das ein oder andere Augenpaar auf und ich wurde die nächsten Minuten neugierig mit Fragen gelöchert.

Verdutzte Blicke und viele Fragen, kamen aber auch immer dann, wenn ich mal wieder erklärte, dass das scheinbar deutsche Bier „Eisenbahn“ gar nicht aus Deutschland kommt, sondern in Brasilien selbst hergestellt wird.

Auf Reisen aß ich einmal mit vielen Brasilianern zusammen in einem Restaurant zu abend. Eine Runde Bier für alle, die ich dankend ablehnte. „Aber Du bist doch Deutsche, oder?“ wurde ich irritiert gefragt. „Jaaaa… ja und?“ „Ja, alle Deutschen lieben doch Bier“ Und dann erklärte ich nicht zum ersten Mal in meiner Zeit in Brasilien, dass ich persönlich kein Bier mag und es auch noch nie mochte. „Ich kenne übrigens noch mehr Deutsche, die ebenfalls kein Bier mögen“ stellte ich richtig.

Richtig stellen. Das war beim Bier kein Problem, in anderen Situationen musste ich mich dagegen wirklich zurückhalten. In Deutschland habe ich gelernt Probleme direkt anzusprechen (denn schließlich kann nur sprechenden Menschen geholfen werden;) ), während ich in Brasilien mehrfach erlebt habe, dass lieber dreimal nett lächelnd „Ja“ gesagt wird und dann von hintenherum irgendwelche Andeutungen kommen, anstatt das direkt gesagt wird „Hey schau mal das geht so nicht, weil…“. So lief ich einmal mit dem Tio der Musikschule gemeinsam nach Hause, als dieser mich fragte, ob er mir mal was sagen dürfte. Auf meine Zustimmung hin begann er dann sie fürchterlich über einen Mitfreiwilligen aufzuregen. „Aber warum sagst Du ihm das denn nicht einfach?“ fragte ich etwas irritiert, als ich es endlich geschafft hatte den aufgeregten Redeschwall meines Tios zu unterbrechen. „Nein!! Oh mein Gott, wie unhöflich! Also das macht man nicht!“, erwiederte er entrüstet. Und dann versuchte ich mich also ganz vorsichtig an eine Antwort heranzutasten, wie er die Situation wohl ändern möchte, ohne zu sagen was ihn stört und versuchte auch zu erklären, dass diese Andeutungen für uns Freiwillige eher unverständlich sind, weil wir es halt so nicht gewohnt sind. Damit traf ich allerdings nur auf einen Hymalaya von Unverständnis bis ich schließlich an den Kopf geklatscht bekam, die Deutschen seinen ja so rücksichtslos und unsensibel.

Immer wenn ich damit konfrontiert wurde, dass „die Deutschen ja keine Probleme haben“, machte mich das irgendwie sehr betroffen. Für viele Brasilianer schien Europa das Regenbogen-Einhornland der Extraklasse zu sein. Die glitzernde Seifenblase hinter dem großen, weiten Meer. Und je mehr Zeit ich in Brasilien verbrachte, desto besser verstand ich woher diese Annahme kommt:

Nehmen wir doch mal die aktuelle Situation: In unseren Wohnungen fällt und die Decke auf den Kopf, wir können nicht mehr zum Friseur oder unseren Nachmittagskuchen zusammen im Caffee an der Ecke essen und unsere größte Angst ist, dass es bald kein Klopapier mehr zu kaufen geben wird, weshalb angefangen wird dies zu hamstern. Dabei sollten wir alle SO VERDAMMT glücklich sein. Glücklich, dass wir eine Decke HABEN die uns auf den Kopf fallen kann, glücklich darüber, dass wir IM HOMEOFFICE arbeiten können und das wir uns eben keine Sorgen darüber machen müssen, woher wir unsere nächste Mahlzeit bekommen. Denn die können wir nach wie vor im Supermarkt kaufen.

Ich habe in Brasilien Menschen kennengelernt, die nicht vom Homeoffice aus die Wohnzimmer der Reichen putzen können, die nicht vom Homeoffice aus Kellnern können und die es nicht schaffen vom Homeoffice aus Taxi zu fahren. Und all diese Menschen sind jetzt arbeitslos. Einfach gekündigt ohne irgendwelche Sozialhilfen vom Staat beanspruchen zu können. Und ich habe Kinder kennengelernt, die ihre einzige(n) Mahlzeit(en) am Tag bei uns in der Organisation bekommen haben. Nun hat Monte Azul für unbestimmte Zeit geschlossen…

Ich weiß natürlich, das es auch hier in Deutschland sehr wohl Probleme gibt und dass es längst nicht allen Menschen so gut geht wie mir. Genau dass habe ich in Brasilien immer wieder an Beispielen versucht zu erklären. Aber ich verstehe auch die Annahme wir hätten hier keine Probleme, wenn ich an die Kinder denke die ich so lieb gewonnen habe und von denen ich weiß dass sie gerade wirklich HUNGER haben.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

deutsches Schubladendenken

Was ist das Erste woran Du denkst, wenn Du „Brasilien“ oder „die Brasilianer“ hörst?

Diese Frage habe ich in der letzten Zeit den verschiedensten Personen gestellt. Freunde, Familie aber auch entfernte Bekannte und viele Personen von denen ich weiß, dass sie hier mitlesen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren… Und von euch allen habe ich so viele Antworten bekommen. Dafür möchte ich mich erst einmal bei euch bedanken! Es hat mir so viel Spaß gemacht, von euren Ideen und Gedanken zu lesen und zu hören, es hat mich zum Nachdenken gebracht und auch das ein oder andere Mal schmunzeln lassen 🙂

Nachdem ich all eure Antworten zusammengetragen hatte, begann ich zu sortieren und heraus kam dieses Vorurteilsranking, dessen erste Plätze ich euch hier einmal präsentiere:

Platz 1 : Die Brasilianer singen und tanzen viel

Platz 2 : In Brasilien ist es warm

Platz 3 : In Brasilien gibt es viel Armut (in Verbindung mit „Armut“ begegneten mir am häufigsten die Begriffe Kinderarbeit, Hungersnöte und Faulheit)

Platz 4: Karnevall

Platz 5 : Traumstrände

Musik ist mir in Brasilien viel begegnet. Laute Funkymusik schallte mir aus einigen umliegenden Häusern entgegen, wenn ich nach der Arbeit nach Hause lief, am Wochenende schallte die Musik der nächsten Bar bis zu uns nach Hause, im Sesc (einer Art öffentlichem Kulturzentrum) gab es einmal wöchentlich kostenlose Konzerte und selbst in unserer Multikulti-WG machte fast immer irgendjemand Musik (wie das halt so ist, wenn eine Sängerin, drei Gitarristen, ein Saxophonspieler und ich mit meinem Cello unter einem Dach wohnen).

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist

Viktor Hugo

Und ich glaube genau deshalb ist Musik in unserer heutigen Welt sehr wichtig geworden. Wenn ich so richtig traurig bin, dann weiß ich welche deutsche Popmusik genau die Worte hat, die ich nicht habe und ich weiß auch welche Musik mich trösten würde. Ich könnte aber auch Papas Deephouse Musik hören und mir mit Hilfe von diesem „Gebumse“ alle Gedanken aus dem Kopf fegen lassen. Was wäre schon ein Heiligabend ohne „Oh Du Fröhliche!“, ein Geburtstag ohne „Happy Birthday“, Frühling ohne Vogelgezwitscher, ein Seminarabend ohne „Oh! Chuva“ oder ein Morgenkreis in der Creche ohne „Bom dia começer com alegria“? Manchmal, da ist es eben einfach schön, wenn gute Stimmung von noch besserer Musik untermalt wird, oder nicht? Musik transportiert aber auch meine Erinnerungen. Jedes Lied meiner brasilianischen Playlist (zum Beispiel), habe ich in einer anderen Situation gehört und von einer anderen Person den Namen des Liedes erfahren. Manche dieser Lieder sind auch die Lieblingslieder von Menschen, die ich nun liebgewonnen habe.

Ich könnte mir vorstellen, das es vielen Brasilianern ähnlich geht wie mir. Aber ich bin mir sicher, das auch IHR bestimmte Momente mit bestimmten Klängen und bestimmte Personen mit bestimmten Liedern verbindet, oder?

Mit bestimmten Situationen, verbinde ich aber nicht nur bestimmte Musik, sondern auch bestimmte Temperaturen. Mit Erinnerungen an den letzten Weihnachtsmarktbesuch zum Beispiel: Da frieren mir schon die Füße ab, wenn ich nur daran denke und nur beim Gedanken an meinen Besuch an der Copacabana, fange ich auch schon wieder an zu schwitzen.

Allerdings nur, weil ich im Sommer dort war!

Ungefähr auf der Höhe Brasílias verläuft die Grenze von subtropischer und tropischer Klimazone

Brasilien liegt auf der Südhalbkugel der Erde, wodurch dort Sommer ist wenn wir gerade Winter haben. Das bedeutet aber nicht, dass der Winter einfach so ausfällt; nein, Winter ist in Brasilien dann, wenn wir Sommer haben. Der südlichere Teil Brasiliens liegt in der suptropischen Klimazone. Hier gibt es für den Menschen eindeutig spürbare Sommer und Winter. Zwar fällt nur am allersüdlichsten Punkt Brasiliens hin und wieder Schnee, aber ich erinnere mich noch gut, wie ich mich die Wochen kurz nach meiner Ankunft abends mit dickem Strickpulli und zwei paar Socken, tief in den Schlafsack gekuschelt habe um dann meine Wärmflasche umarmend, einzuschlafen.

Nun liegt Brasiliens Norden in der tropischen Klimazone. Hier herrscht ein Tageszeiten-Klima. Das heißt die Temperaturen schwanken nicht innerhalb des Jahresverlaufs, sondern innerhalb des Tages und somit ist es nachts kälter als tagsüber. Sommer und Winter unterscheiden sich hier aber noch durch etwas anderes: Während im Winter Trockenzeit ist, beginnt mit dem Sommer auch die Regenzeit.

Und die Regengüsse São Paulos sind so stark, dass sie es selten sogar mal schaffen ganze Wände der Favelawohnbauten zum Einsturz zu bringen. Das ist dann wirklich eine Katastrophe, denn weder die wenigen Habseligkeiten noch die Menschen, die sich in diesen Bauten befinden sind dann noch vor der Witterung geschützt und oftmals fehlt das Geld um die Mauer „mal eben“ wieder aufzubauen.

40% (17.3 Millionen) aller Kinder in Brasilien leben in Armut. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 20% ( 2.26 Millionen).

Spannend fand ich, dass ihr mehrfach den Begriff „Faulheit“ im Zusammenhang mit der Armut genannt habt. Deshalb würde ich euch gerne von Davi und Junior erzählen:

Davi ist gerade drei Jahre alt geworden und lebt mit seinen Eltern gemeinsam in einem winzigen Räumchen in der Favela. Jeden Morgen um fünf nach sieben bringt ihn seine Mutter zu uns in die Creche, bevor sie in die Innenstadt fährt um dort zu arbeiten. Dienstleistungen für die Reichen. Sie arbeitet so lange, dass sie es nicht schafft Davi wieder abzuholen. Denn die Creche macht „schon“ um 17:00 Uhr zu. Deshalb kommt gegen 17:10 dann in der Regel Davis Papa ganz abgehetzt in die Creche gerannt und entschuldigt sich tausendmal dafür, dass er erst jetzt kommt. Er arbeitet nicht weit der Favela in einer Werkstatt, kann aber nie eher Feierabend machen als Punkt fünf Uhr.

Junior dagegen ist schon erwachsen, vielleicht Mitte zwanzig. Er lebt in einem kleinen Raum mit eigenem Herd und Fernseher, teilt sich Bad und Waschmaschiene aber mit vielen anderen Hausbewohnern. Junior ist eigentlich fast nie Zuhause. Dienstags bis sonntags kellnert er in einem Restaurant. Von vormittags bis nachts. Sechs Tage die Woche, fast 60 Stunden.

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn man durch das nahegelegene Stadtviertel „Paraíso“ („Paradies“) geht. Die niedlichen Straßenlaternen beleuchten die netten Brückchen, die als Fußgängerüberweg über große Straßen führen und in den Hoteleingängen, deren Marmorfußböden nur so glänzen, liegen schwere Teppiche. Als ich zum ersten Mal durch diese wirklich hübsch beleuchtete Abendszenerie schlenderte, kam ich mir vor wie in einem Film.

„Wie in einem Film“, oder besser gesagt, „wie in einer Dokumentation“ kam ich mir manchmal auch zur Karnevallszeit vor. Bunte Straßenzüge sogenannte „blocos“, die schon Wochen vor dem eigentlichen Karnevallswochenende und auch noch am Samstag NACH Aschermittwoch gefeiert wurden. Vor-Karnevallsfeiern, Karnevallsfeiern, Nach-Karnevallsfeiern… und unser Koordinator trug auf jedem einzelnen Umzug ein anderes Kostüm! Mich, die ich das ganze Karnevallszenario eher vermied, beschäftigte allerdings weniger der Gedanke nach meinem Kostüm, sondern viel eher die Frage, warum hier wohl überhaupt Karnevall gefeiert wird? Für mich ergab das erstmal gar keinen Sinn. In Deutschland sollen durch Karnevall die Wintergeister vertrieben werden (hatte mir zumindest meine Mama mal erklärt, als ich noch klein war), aber hier? Hier war doch schon Hochsommer und der Herbst ließ auch noch einige Zeit auf sich warten. Und so begann ich also nachzufragen. Die ersten fünf Antworten lagen leider alle irgendwo zwischen „Ääääh… sorry weiß‘ nicht“ und „Ich glaub irgendwas mit Religion…“, bis mir Telma schließlich erklärte, Karnevall sei wohl das letzte ausgelassene Fest vor der großen Fastenzeit.

Wie ich jetzt von Fastenzeit zu Traumstränden überleiten soll, weiß ich eherlich gesagt nicht. Deshalb gibt es hier für euch statt einer halbwegs geschickten Überleitung einfach direkt die Bilder. Manchmal sagt ein Bild ja schließlich mehr, als Worte 😉

Fortaleza
Salvador
Jericoacoara
Im Paradies
Ilhabela

Die Strände, die ich in Brasilien sehen durfte fand ich wirklich sehr schön. Mein Traumgewässer dagegen, wird wohl vorerst dieses hier bleiben:

Denn ich finde der Amazonas ist voller Magie, voller kleiner (Lebens-)Wunder und für mich eine unfassbar große Faszination!

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Eine Stadt voller Sterne

Das Stadtviertel Jardim São Luis in dem ich in Brasilien ein Zuhause finden durfte, hat bei mir vor allem auch durch seine unfassbar steilen Staßen einen Platz in meinem Gedächtnis bekommen. So begann schon mein allmorgendlicher Weg zur Arbeit um 7:45 Uhr mit einer 45° Steigung (keine Übertreibung!) bergauf, bevor es mit fast ebenso steilem Gefälle hinter der Kreuzung wieder hinunter ging. Und das bei oftmals 30°C und mehr. In der Musikschule angekommen habe ich an vielen Morgenden an mir herunter geschaut und mich ernsthaft gefragt, wofür genau ich eigentlich nochmal geduscht hatte…? Wenn ich mich dann spät am Nachmittag müde wieder auf den Nachhauseweg machte musste ich also dass, was ich am Morgen leichtfüßig heruntergeschlittert war, wieder hinaufkrachseln und das was ich am Morgen mühevoll erklommen hatte (auch diese Wortwahl ist nicht übertrieben!) konnte ich nun lustig herunterhüpfen.

In all den Wochen und gerade im Sommer, oder wenn ich mal wieder mein Cello dabei hatte, gehörten die Straßen deshalb eher nicht zu dem, von dem ich mir vorstellen konnte es irgendwann einmal zu vermissen.

Als dann aber die Tage des Abschieds gekommen waren, begann ich nicht nur die Tage sehr intensiv zu leben, sondern auch (oder vielleicht gerade dadurch?) mein Umfeld nocheinmal ganz anders wahrzunehmen. Und so fielen mir zum ersten Mal nach über einem halben Jahr die wunderschönen Ausblicke auf, die man von unserem Viertel aus an fast jeder Häuserecke sehen konnte.

Und dann gab es da noch diesen letzten Donnerstagabend, an dem ich müde und ziemlich „abgekämpft“ mein Cello nach der Orchesterprobe die Straße hochschleppte (wie immer) und kaum oben angekommen erst einmal eine kleine Pause machen musste um Luft zu holen (auch wie immer). Zufällig fiel mein Blick an diesem Abend nach rechts, wo eine Querstraße steil hinunterführte und am Horizont…

Nossa ist DAS schön!

Der Anblick der sich mir hier bot hätte mir wahrscheinlich den Atem geraubt, wäre ich nicht ohnehin schon so „aus der Puste“ gewesen. Ich nahm mein Cello und lief die Straße ein Stück hinunter. Vor mir ragten die Wolkenkratzer der Innenstadt wie riesige Säulen empor. Tiefschwarz hoben sie sich vom dunkellila des Nachthimmels ab, während tausende von weißen und gelben Lichtern Millionen von Fenstern erhellten. Ein Hochhaus größer als das Andere, ein Fenster heller als das Licht des Nächsten. Ich ging noch einen Schritt auf die vor mir aufragende Lichterwand zu. Es fühlte sich an, als würde ich von der Lichterfront verschlungen werden. So ungefähr muss es sich anfühlen wenn „der kleine Prinz“ von Planet zu Planet durch die Sterne fliegt. Da war nichts mehr. Keine Müdigkeit, kein Alltagsstress, nur ich und die Lichter der Stadt. Die Metro (eine Art S-Bahn) bahnte sich ihren Weg durch die Wolkenkratzer hindurch und auch sie war beleuchtet. Dieses riesengroße äußere Leuchten vor mir, übertrug sich auch auf mich. Natürlich fing ich jetzt nicht auch an zu leuchten ;), aber ich wurde ganz ruhig und unfassbar glücklich.

Erinnert ihr euch noch an den Blogbeitrag „eine Stadt ohne Sterne“, in dem ich euch beschrieben habe, dass der Nachthimmel São Paulos auch bei wolkenlosem Himmel nicht von Sternen übersäht ist? Erst jetzt begann ich zu verstehen. São Paulo IST von unzähligen, atemberaubend schönen Sternen übersäht. Sie sehen einfach nur etwas anders aus, als ich es erwartet hatte…

Das Foto zeigt die Häuser leider nicht einmal annähernd in der Größe und Schönheit, in der sie wirklich vor mir lagen…

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

P.S.: Um euch noch mehr mitzunehmen und euch noch mehr das Gefühl zu geben ihr wärt wirklich dabei, habe ich in Brasilien immer alles im Präsens verfasst. Nun, wo ich auf all diese wunderschönen Erlebnisse zurückblicken kann, entspricht es glaube ich eher der Wahrheit wenn wir uns gemeinsam erinnern. Im Präteritum. Oder? Was hat euch besser gefallen?

Sprachlos II

Frigitte: „Enttäuscht?“

Freier: „Nein. Enttäuscht, das hört sich so an, als ob ich mir wer weiß was erhofft hätte.“

Frigitte: „Und das haben sie nicht?“

Freier: „Nein das habe ich nicht.“

Hysterikon, Szene 12

In der letzten Woche ist soviel passiert, dass ich gar nicht weiß wo ich anfangen soll zu erzählen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann beginnt eigentlich alles mit diesem Gerücht, laut dem Freiwillige einer anderen Organisation ihren Dienst wohl aufgrund der unvorausplanbaren Lage durch den Virus abbrechen mussten. Natürlich habe auch ich kurz darüber nachgedacht, was wohl wäre wenn das stimmt und wie es wohl für mich dann aussähe, aber die Hoffnung und der Wille zu bleiben waren so groß, dass alle Sorgen blitzeschnell in den Hintergrund gerückt wurden. Und so vergingen zwei Tage und mit Montag dem 16.03. brach eine neue, scheinbar ganz gewöhnliche Arbeitswoche an.

Ich stehe also in unserer WG-Küche auf der Leiter und krame im Schrank herum. Es ist warm und außergewöhnlich ruhig in São Paulo. Die Sonne scheint durch das Gebüsch an der Balkonbrüstung und taucht die Küche in sommerlich, freundliches Tageslicht. Vom Balancieren auf der Leiter völlig verschwitzt lande ich schließlich mit einem Glas Wasser auf dem Sofa, als ein schneller Blick aufs Handy mir eine neue E-Mail anzeigt:

Nein. Nein! NEIN!, ist das Letzte was ich denke, bevor mein Gehirn für eine ganze Weile aussetzt und in mir etwas zerbricht, dass so weh tut, dass es für Gedanken keinen Platz mehr zu geben scheint. So etwas habe ich noch nie gefühlt. Und es ist verdammt schwierig dieses Gefühl in Worte zu fassen. Es ist eine Art innerer Schmerz, der sich anfühlt, als würde mir das Herz in tausende Glassplitter zerspringen, die sich dann mit ihren scharfen Kanten durch alle Organe bohren und nur eine Gänsehaut zurücklassen. Für einen Moment scheint es so, als hätte die Katze (in Form des Virus) es nun doch geschafft ein Stück meiner Flügel abzureißen (siehe Blogbeitrag „Flugstunden“).

Als mein Gehirn wieder zu denken beginnt, erinnert es mich zunächst einmal an den oben zitierten Dialog aus unserem Klassenspiel „Hysterikon“, bevor es erschrocken feststellt: Du weißt noch noch gar nicht wann Dein Rückflug nun geht… Vielleicht schon übermorgen oder erst nächste Woche. Oder… Morgen! Jeder Tag kann ab jetzt der Letzte sein. JEDER! Muss aber auch nicht…

Von diesem Zeitpunkt an ist nichts mehr so wie es einmal war.

Und als die Trauer nach und nach weniger wird, da kam diese Leere. Eine Art Gefühlstaubheit in der ich wie ferngesteuert nur noch im Automatikmodus funktioniere. Aufräumen, Flug buchen (dessen Kompliziertheit ich euch an dieser Stelle erspare), Staub wischen, letzte Dinge einkaufen, ausmisten, Kofferpacken. Gehirn aus…

Nun entspräche es allerdings nicht ganz der Wahrheit, wenn ich euch nur von all diesen tristen und traurigen Ereignissen der letzten Tage erzählen würde; nein:

Meine letzten Tage in Brasilien waren wunderschön!

Noch an eben jenem Montag Abend verwickelt mich der Zufall in ein Gespräch mit einem Vorfreiwilligen, der mir in etwa folgendes mit auf den Weg der letzten Tage gibt: „Anna, wie lange bist Du jetzt hier? Fast sieben Monate. Und Dir hat’s hier gefallen, oder? Ich mir sicher dass Du all deine Erinnerungen und Deine Erfahrungen jetzt da drin hast (er deutet Richtung Herz), und weißt Du was: Niemand kann Dir das wieder wegnehmen. Die gehören nur Dir! Es sind Deine. Und wenn Du Dich hier nicht mit „Adeus“ („Auf Wiedersehen“) verabschieden willst, dann musst Du das auch gar nicht. Wie wär’s zum Beispiel mit einem „Até logo“ („Bis ganz bald“)? Schau mal ich war nach meinem Jahr ganze 120 Tage in Deutschland. Jetzt bin ich schon wieder hier. Wenn Du wirklich willst, dann kannst Du auch wiederkommen.“

Diese Worte sind nicht der einzige Grund, aber auch sie tragen dazu bei, das ich beginne etwas umzudenken. Mit klarerem Kopf betrachtet gibt es ja auch nun zwei Möglichkeiten. Eine Woche in Trauer verbringen, alles unfair und doof finden und dann todunglücklich in der Heimat ankommen, oder noch einmal so richtig was erleben, alles genießen und das Beste aus den letzten Tagen rausholen. Ich und meine WG entscheiden uns für Letzteres. Natürlich ist das viel leichter gesagt als getan, aber ich glaube wir haben es ganz gut hinbekommen uns gegenseitig die nötige Kraft dafür zu schenken. Überhaupt habe ich noch nie so intensiv gelebt, wie in diesen letzten Tagen!

So verbringen wir also eine Nacht mit viel Schokolade bei ARCO (einer weiteren Hilfsorganisation bei uns in der Nähe) und den Freiwilligen dort, denen es ebenso geht wie uns. Wir gehen gemeinsam Pizzaessen und genießen es nocheinmal alle gemeinsam am Tisch zu sitzen.

Eine andere Nacht verbringen wir bei Aramitan (noch einer Hilfsorganisation bei uns in der Nähe), wo wir gemeinsam mit anderen Freiwilligen am Lagerfeuer Würstchen grillen, Caipirinha trinken und Lieder singen.

Und dann kommen auch schon die Tage des Abschieds, das wohl Schwierigste von allem, da Monte Azul ebenfalls grade dabei ist auf unbestimmte Zeit zu schließen und demensprechend nur noch ein winziger Bruchteil der Kinder da ist, die mir inzwischen so wichtig geworden sind.

Die Tias der Creche organisieren wortwörtlich über Nacht ein winziges aber wunderschönes Abschiedsfest für mich und einen meiner Mitbewohner, der ebenfalls dort gearbeitete hatte. Und so verbringen wir noch einmal einen ganzen Vormittag dort, essen Brigadeiro zum Frühstück, spielen mit den kleinen Frechdachsen draußen und malen noch ein letztes Mal mit allen gemeinsam, bevor ich jeden meiner kleinen, noch anwesenden Genies nocheinmal einzeln knuddel.

Immer schneller folgen immer mehr Abschiede und mit jedem Abschied werde ich ein bisschen sprachloser. So viele, wirklich von Herzen kommende Worte dringen an meine Ohren, aber ich schaffe es einfach nicht irgendetwas zu erwidern. Ich habe doch noch so viel zu sagen! Jedem einzelnen. Aber nie bekomme ich mehr heraus als das automatische „Obrigada por tudo que você fez pra mim“ („Danke für alles“). Ein bisschen wie ein Roboter komme ich mir vor. Wie eine gefühlstaube Maschine. Sprachlos. Aber diesmal auf eine ganz andere Art und Weise.

Plötzlich, nur sechs Tage nach der E-Mail sitze ich zusammen mit gleich acht anderen Freiwilligen am Flughafen, als unser Flug zum letzten Mal ausgerufen wird…

São Paulo – Terminal 2 #nachtraurigkommtalbernunddoof
irgendwo hoch über Italien – die Alpen kurz nach Sonnenaufgang

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

P.S. : Nur weil ich jetzt wieder in Deutschland bin, heißt das allerdings noch lange nicht, dass hier ab nun Sendepause sein wird. Nein. Es gibt noch so viel von dem ich euch berichten möchte! Von Eléna und João, vom Leben in der Favela, von Thiaginho, von Breno, vom Regen und von Verkehrsmitteln, von den Sternen und von…

Flugstunden

„Wenn wir den Kindern Flügel schenken dürfen wir nicht traurig sein, wenn irgendwann ein Tag kommt, an dem sie diese auch benutzen wollen“

Dani

Das Gespräch, welches sich gestern Abend zufällig mit der Erzieherin (Tia Dani) ergab, die seit Beginn des Jahres nicht mehr mit mir zusammen im Kindergarten arbeitet, hat mich wirklich beeindruckt, mich noch im Nachhinein sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht:

Dani: “ N’abend Anna, alles gut bei Dir?“

Ich: „Hey Dani, ja na klar und bei Dir?“

Dani: „Auch. So erzähl mal was machen die Kinder?“

Ich: „Weißt Du jeden Tag komme in diese Gruppe und denke mir „meine Güte sind die alle groß geworden“ . Alice kann jetzt die Farben, Geovanna braucht keine Windel mehr und die Kinder spielen auch viel mehr zusammen. Außerdem quatschen sie mir und Daya wirklich ALLES nach und das absolute Lieblingswort der Kinder ist „NEIN!“. „Möchtest Du auch Milch trinken?“ „NEIN!“ Und wenn wir ihnen dann keine Milch geben schreien sie, weil sie Keine kriegen, obwohl sie ja selbst nein gesagt haben…

Dani: *lacht* “ Ja, die müssen noch lernen was NEIN wirklich alles bedeutet. „

*seufzt* „Und ja sie werden so schnell groß. Schau mal meine (Ihre Tochter tollt im Hintergrund mit anderen Kindern herum), die geht jetzt schon zur Schule. Aber ich merke das auch bei meinen neuen Kitakids, wie schnell die Zeit vergeht.“

Ich: „Ja das ist wirklich war und in zwei Jahren, kommen die kleinen Mäuse ja dann auch schon in die Vorschule und wenn ich vielleicht in fünf oder zehn Jahren nochmal wiederkomme, dann sie sie alle schon 7 oder 14 und haben ihren ganz eigenen Kopf und ich erkenne sie dann nicht mehr wieder…“

Dani: „Ja, weißt Du aber so ist das halt. Die Kinder werden größer und irgendwann brauchen sie einen nicht mehr. Schau, Du musst Dir das Vorstellen wie ein kleines Vögelchen ohne Flügel. Wir können ihnen im Kindergarten ganz viel Kraft schenken und sie wortwörtlich füttern damit ihnen große, starke Flügel wachsen. Und mit jeder neu erlernten Sache, kommen ein paar kräftige Federn hinzu. Du hast all den Kindern hier übrigens auch schon welche geschenkt. Und irgendwann, da sind die Flügel groß und stark genug. Nur leider können weder wir Erzieherinnen noch Du und auch die Lehrerinnen den Kindern nicht das Fliegen beibringen. Wenn sie wollen müssen die Kinder dass selbst lernen. Und sie wollen irgendwann. Alle! Sie wissen von selbst, wann ihre Flügel stark genug sind um sie zu tragen. Weißt Du, wenn wir den Kindern Flügel schenken dürfen wir nicht traurig sein, wenn irgendwann ein Tag kommt, an dem sie diese auch benutzen wollen.“

Das musste ich erst einmal auf mich wirken lassen. Vögel, Flügel, Federn, Flugstunden… Kinder, Entwicklung und Fortschritt bis in die Selbstständigkeit…

Und dann musste ich ein bisschen schmunzeln, denn dieses Sinnbild, erinnerte mich nicht nur an die Kinder in der Creche. Es erinnerte mich auch an mich selbst und an die Menschen, die mir beim Flügelbau geholfen hatten: An meine Eltern und meine Schwester, an meine Familie, an Sina und Ulli, an meine Klassenlehrer und Klassenlehrerinnen, an Dörte und Annette…

Und je länger ich nachdachte, desto mehr Menschen fielen mir ein, die irgendwie einen Teil zu meinen Flügeln beigetragen hatten. Dafür möchte ich euch alle erst einmal von Herzen Danke sagen!

Naja und dann kam der Tag, als ich mich zum ersten Mal neugierig kopfüber aus dem Nest stürzte und meinen ersten Flugversuch machte. Ich setzte mich ganz alleine in ein Flugzeug das mich 9850 Kilometer von all dem Vertrauten entfernt, in Brasilien absetzte. Und der erste Tag hier, war wohl der Moment in dem ich bei meinem ersten Flugversuch mit Vollkaracho, kläglich auf dem Boden aufschlug. AUA! Fliegen, das will gelernt sein… Wenn ich an die ersten zwei Wochen hier zurückdenke, dann waren das wohl die Tage in denen ich als neugieriges Vögelchen bei meinen übermütigen Flugversuchen mehrmals täglich vom Himmel viel und mir nicht nur den Kopf stieß, sondern auch das Herz und die Seele ordentlich zerriss.

Da ich mein Nest allerdings aus den Augen verloren hatte, blieb mir nichts anderes übrig als immer weiter zu üben. In der Hoffnung es irgendwann zu schaffen und somit der Gefahr zu entgehen am Boden das Opfer einer hungrigen Katze in Form unserer Welt oder unserer Gesellschaft zu werden, gab ich also nie auf. Ich durfte nicht. Aber ich hatte es ja auch so gewollt und es erschien mir immer noch genauso reizvoll wie vor der ersten Bruchlandung. Ich glaube mit jedem Sturz habe ich ein bisschen besser fliegen gelernt und inzwischen schaffe ich es sogar auch mal über längere Zeit oben zu bleiben, bevor mich meine Kondition wieder verlässt und ich auf den nächsten Aufwind in Form von aufmunternden Worten, einer Umarmung oder auch einfach mal einem Stück Schokolade angewiesen bin. Ich bin mal gespannt, wann ich wohl das erste Looping fliegen kann?

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna

Seifenblasenwelten

Wie durch einen Zauber erscheinen sie Eine nach der Anderen aus dem Plastikring. Lautlos schweben sie dem Himmel Brasílias entgegen. In den buntesten Farben schillernd im Sonnenlicht werden sie vom sommerlich warmen Wind in die Ferne getrieben, bis sie schließlich außerhalb der Sichtweite in der großen weiten Welt verschwinden. Seifenblasen.

„Nochmal, oh bitte nochmal“ rufen die beiden kleinen Geschwister ihrer Mutter zu. Und wieder steigen hunderte der schillernden Bläschen von der Blumenwiese vor der Kirche zum Himmel auf. Kinderlachen. „Hab Dich!“ klatscht der kleine Junge in die Hände und ist gleich darauf über und über mit Seifenspritzern bedeckt. Vor Freude quietschend versucht auch die Schwester von den Schultern ihres Vaters aus, die klebrig zerbrechlichen Glitzerdinger einzufangen. Und als ihr dies schließlich gelingt, da leuchten die kleinen Kinderaugen als würde sie die ganze große Welt in ihren Händchen halten… …aber vielleicht tut sie ja grade genau das. Die Welt als ein merkwürdiges Dings, das es zu erforschen gilt. Ein Dings, das an allen Enden glänzt und schillert und was alles so perfekt erscheinen lässt. Dessen Zerbrechlichkeit auf den ersten Blick aber gar nicht zu sehen ist…

Lieber Luiz,

ich hätte Dir so sehr gewünscht, dass Du vor sechs oder sieben Jahren einmal die oben beschriebene Seite von Seifenblasen kennengelernt hättest. Aber anscheinend hast Du genau das nicht, und es tut mir unendlich leid! Stattdessen sind (unter anderem) Seifenblasen heute das, was Dir Geld bringt, wenn Du mit Deinen Taschen und Tüten durch die Straßen läufst und Süßigkeiten und Spielzeug erfolgreich an die Passanten verkaufst. Für Deine gerade einmal elf Jahre machst Du das schon richtig professionell. Zu professinell…

Als ich Dich abends so gegen kurz nach halb elf zufällig an der Metrostation dabei gesehen habe, hast Du mich gar nicht bemerkt, so vertieft warst Du in Deine Geschäfte. Aber am nächsten Tag in der Musikschule, da zeigtest Du mir freudestrahlend einen 50 R$ Schein und auf meine (total unüberlegte!) Frage, wo Du das denn her hättest, antwortetest Du voller Stolz: „Das ist MEIN Geld!“ Mit einem Blick auf Deine wirklich immer fünf Nummern zu großen T-Shirts und deine hinten abgeschnittenen Flip-Flops (damit sie vorne passen) frage ich mich wieviel davon wirklich „DEIN Geld“ ist. Ob Du davon wohl überhaupt irgendetwas behalten darfst? Ich werde es wohl nie erfahren. Erstaunlich geschickt weichst Du solchen Fragen aus und findest auf alles eine verwaschene Antwort. Außerdem scheinst Du sehr viel Zeit mit dem Verkauf von Kleinigkeiten zu verbringen, denn die Tage, die Du in der Musikschule verbringst kann ich fast an meinen Händen abzählen. Und wenn ich auf die Frage wie denn der gestrige Nachmittag war nur ein „foi bom“ („war gut“) zu hören bekomme, dann weiß ich womit Du anstatt in die Schule zu gehen beschäftigt warst. Ansonsten erzählst Du nämlich mehr. Wenn es um Fussball geht zum Beispiel. Dann hast Du tatsächlich die Ausdauer mir jeden Pass des Abends einzeln zu beschreiben und führst mir mit einem Lächeln im Gesicht Deine neusten Tricks mit dem Ball vor.

Außerdem magst Du es, andere zu erschrecken. Ich weiß nicht wie oft ich schon mit Herzrasen zusammengezuckt bin, wenn Du plötzlich von Hinten angesprungen kamst, um dann mit einem verschmitzten Grinsen „Oi tia, tudo bem?“ oder einem „caaalmo tia!“ meine Schockstarre zu genießen.

Und dann gibt es da noch etwas, was Dich anscheinend nicht nur überglücklich werden lässt, sondern wofür Du wirklich brennst. So kannst Du es immer gar nicht erwarten, bis Du endlich an der Reihe bist und ich die Tür zum Celloraum aufgeschlossen habe. Voller Ehrfurcht nimmst Du dann ganz vorsichtig dein Cello von der Wand, setzt Dich hin und dann…

Dann muss ich wirklich schnell sein und anfangen zu reden, bevor Du mit Spielen beginnst. Wenn Du nämlich einmal anfängst, ist es wirklich schwierig Deine Saiten wieder zum Schweigen zu bringen. Auch die Stunden können Dir nie lang genug sein und Dir fallen immer noch so viele Lieder ein, die wir ja „heute noch gar nicht gespielt haben“. Und oftmals überredet mich das ehrliche Leuchten Deiner Augen dann doch „noch wenigestens ein Lied“ mehr zu spielen. Und wenn ich Dich so glücklich mit dem Bogen herumwedeln sehe, dann glaube ich, dass Deine Seifenblase im Leben vier Saiten, einen Steg und einen Stachel besitzt.

Schau mal, das Bild habe ich unbemerkt von Dir gemacht, als wir alle zusammen zwei Tage bei „Humana Terra“ verbracht haben

Ich denk an Dich.

Vielleicht sehen wir uns ja morgen früh? Ich würde mich freuen!

Deine Anna

Iguaçu

Die Holzpanelen unter meinen Füßen vibrieren. Sie vibrieren nicht nur, sie beben richtig. Ohrenbetäubendes Donnern und Rauschen übertönt alles. Ich stütze meine Arme auf dem Holzgeländer ab und blicke hinüber. Mir gegenüber, zu meiner Rechten und unter mir stürzt Wasser in die Tiefe. Angeblich 80 Meter. Sekunde für Sekunde, Minute um Minute, Stundenlang… und nie fällt mal der letzte Tropfen! Egal ob Tag oder Nacht, hier fällt ständig diese Unmenge von Wasser. Sehen kann ich von den 80 Metern Tiefe aber höchstens zehn, denn mir entgegen schwebt eine nebelähnlich Wolke aus Spritzwasser, welches mich wohl binnen Minuten durchnässt hätte, wäre ich nicht ohnehin schon tropfnass gewesen.

Das Hauptwasserfallsystem wird als Garganta do Diabo (Teufelsrachen) bezeichnet

Es regnet. Dabei ist „Regen“ aber gar nicht der richtige Ausdruck, für die Wolkenbrüche, die ihr Wasser nun schon seit Stunden bindfädenartig über dem Nationalpark „Foz do Iguaçu“ entleeren. Meine wasserdichte Regenjacke ist so durchnässt, dass mir das Wasser den Rücken hinunterläuft. „Wasserdicht“, ja für Regen in Deutschland vielleicht, nicht aber zur Regenzeit während eines subtropischen Regenguss‘ der Extraklasse. Das Wasser tropft an meiner Sonnencappi hinunter, die heute mal nur als Regenschutz dient und schwappt bei jedem Schritt in kleinen Pfützen in meinen Schuhen hin und her. So viel Wasser. Von oben, von unten, von vorne… Überall WASSER!

Als der Regen gegen späten Nachmittag etwas weniger wird und die Sonne vereinzelt durch die dicke Wolkendecke dringt liegt vor mir eine Landschaft, die mit Worten nicht beschreibbar ist. Ich könnte wohl tausend Worte nutzen und würde doch daran scheitern, die Richtigen zu finden. Auch eine interessante Art Sprachlosigkeit… Deshalb versuche ich auch gar nicht erst, hier mit Worten rumzubasteln, sondern möchte nur noch einmal sagen, dass mir hier einmal mehr die wahnsinnige Schönheit unseres Planeten bewusst wird. Was für ein Privileg es doch ist, hier auf der Erde Mensch sein zu dürfen…

Was ich als Europäerin nicht in hundert Worte fassen kann, sagen die Guarani Indianer in einem Einzigen: Iguaçu (die großen Wasser). Diese bilden über drei Kilometer die Grenze zwischen Argentinien und Brasilien. Im Brasilianischen, wird diese massenhafte Ansammlung von über 270 Wasserfällen „Cataratas“ genannt. Ein Wort, für das es tatsächlich keine deutsche Übersetzung gibt. Wasserfall trifft es wohl noch am ehesten, allerdings bezeichnet das Portugiesische einen einzelnen Wasserfall eigentlich als „Cachoeira“ und mehrere dementsprechend als „Cachoeiras“…

Neben den Cataratas und der unendlich schönen Landschaft des Regenwaldes, verliebe ich mich aber auch in die vielen, kleinen und unfassbar putzigen „Quatis“ (südamerikanische Nasenbären) mit ihren antennenartigen Schwänzchen, die hier ihren natürlichen Lebensraum gefunden haben und neugierig um die Touristen herumschleichen oder gleich als Gruppe den Weg überqueren.

Até logo (bis ganz bald),

eure Anna